Mittwoch, 7. November 2012

Amerika hat gewählt

Nach dem Wahlsieg Obamas ist das Empire State Building
blau erleuchtet 
Ob es gut gewesen wäre, wenn jemand die Vereinigten Staaten regiert, der den Anliegen der Armen und Ärmeren von der Sicht der Dinge her so fernsteht, wie offenbar der Multimillionär Mitt Romney, darf bezweifelt werden. Auch, was oder wer arm ist, unterscheidet sich durchaus von unserem Empfinden: ich kenne Leute in Amerika, die etwa soviel verdienen wie ich, die wohnen in etwas, was man hierzulande gern einmal „ein Rattenloch“ nennt. Von Dingen wie Operations- und Behandlungskosten noch zu schweigen: einem Bekannten haben wir durch Sammlung ein Präparat bezahlt, das er ständig brauchte, weil es ihm damit überhaupt möglich war, einer Arbeit nachzugehen, allein hätte er sich nicht leisten können. Nicht nur das zeigt, wie wichtig und gerecht ein Krankenversicherungssystem für alle Bürger in den Vereinigten Staaten ist, nicht nur für die, die sich Blue Cross & Blue Shield leisten können – Romney wäre dagegen gewesen. Die Haltung des Mormonismus ist anscheinend eher die – wenn ich das richtig verstanden habe – daß man es sich im Leben irgendwie selbst zuzuschreiben habe, ob man arm ist oder nicht.

Mit ausschlaggebend für den Ausgang der Wahl war zuletzt meiner Ansicht nach auch Obamas große Ruhe im Umgang mit den Krisenmanagement des Hurrikans Sandy. Gestern abend hab ich noch anhand dieser interessanten Karte gesehen, wie schwierig es für Mitt Romney dann doch wäre, 270 Stimmen zu erhalten – es stand und fiel offenbar alles mit Ohio – und bin dann im Gegensatz zum letzten und vorletzten Mal[1] einfach zur normalen Zeit ins Bett gegangen, anstatt die halbe Nacht vor dem Fernseher mitzufiebern. Irgendwie faszinierend ist dieses System, nach dem der überwiegende Anteil der Staaten rot zu sein schien und dann doch „der blaue“ Präsident wird – ich glaube, das liegt an der Anzahl der Wahlmänner eines Staates.

Nichtsdestotrotz: im Wahlkampf ist mir aufgefallen, wie sehr die Argumente und Bedenken mancher dagegen, einen Mormonen zum Präsidenten zu wählen, denen glichen, die man früher gegen einen Katholiken als Präsidentschaftskandidaten vorzubringen pflegte: der könne ja unmöglich Präsident werden, so als „Ferngesteuerter“. So scheiterte etwa die Kandidatur des katholischen Gouverneurs Al Smith 1928 letztlich daran, daß er Katholik war. Al Smith war seinerzeit übrigens der erste Katholik, dem es überhaupt möglich war, für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu kandidieren, und der erste katholische Gouverneur des Staates New York. Selbst als John F. Kennedy 1960 als Präsidentschaftskandidat ins Rennen ging, war es für ihn als Katholik noch schwierig genug. Anscheinend bliebe für manchen bis zu einem gewissen Grad am besten alles beim Gewohnten: WASP – und männlich. Einen der eigenartigsten Kommentare gegen Obama, die ich vor vier Jahren hörte, war: „But it's called the White House!“ – Gut, durch die Präsidenten Kennedy und Obama wär die Buchstabenkombination WASP vollständig geknackt. Zum Rest: will Hillary Clinton nicht mal Präsidentin werden?

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[1] War das das vorletzte Mal? Da, wo man nachts ins Bett ging und dachte, Al Gore, und am Morgen aufwachte und es war George Bush.

Kommentare:

Lauda Sion hat gesagt…

War sie das nicht schon 2 Mal? :P

Braut des Lammes hat gesagt…

Wie man will, so richtig jedenfalls noch nicht. Irgendwie hätte das ja was, erst er, dann sie…

hollerbusch hat gesagt…

Für einen amerikanischen Katholiken kann das aber kein erfreulicher Wahlabend gewesen sein. Schließlich hat Obama die katholische Kirche (und andere Religionsgemeinschaften) frontal mit dem "Contraception Mandate" attackiert, obwohl die Bischöfe seine Gesundheitsreform unterstützt haben. Von anderen gesellschaftspolitischen Themen (Neudefinition der Ehe, Einsatz für nachgeburtliche Abtreibung, Drohnen-Angriffe mit hohen Zivilopfern, …) ganz zu schweigen. Und in Sachen Armut? Niemals waren soviele Menschen in den USA arm wie nach vier Jahren Obama, und er hat kein Konzept zur Armutsbekämpfung oder -reduzierung. Nebenbei: LDS-Anhänger sind keine Calvinisten. Das Bild Romneys als Kandidat der Reichen ist ein erfolgreiches Produkt demokratischen Wahlkampfs, aber ein Phantasieprodukt. Gerade die reichsten Amerikaner wählen überwiegend demokratisch.

Lauda Sion hat gesagt…

Ich habe mich mit ihr (noch?) nicht beschäftigt(hatte mir den Rat von meiner Fast-Schwiegermutter zu Herzen genommen und in Deutschland ein neues Leben-mit Jesus durch und durch- angefangen und einfach nicht mehr zurückgeblickt, bis vor kurzem), aber mit ihm (Clinton) war die Allgemeinheit ganz zufrieden, jedenfalls zufriedener als mit den Bushes.
Fänd ich jedenfalls auch mal ganz spannend :)

Braut des Lammes hat gesagt…

Hollerbusch, bei solchen Wahlen hat man die Wahl immer nur zwischen den Kandidaten, die zur Auswahl stehen, oft wählt man da zwischen kleineren und größeren Übeln oder läßt es überhaupt. An sich war es nicht meine Absicht, Obamas Loblied in jeder Hinsicht zu singen, mir ging es um einige kurz und subjektiv angerissene Aspekte, die ich für wichtig halte – wie etwa die Möglichkeit, eine dringend benötigte Behandlung einer Krankheit auch tatsächlich durchführen lassen zu können – und von denen ich nicht weiß, was daraus unter Romney geworden wäre. Romneys Haltung zum Waffengesetz etwa gefällt mir auch nicht.

Die amerikanischen Bischöfe haben Obama in einem Schreiben Kardinal Dolans ihres Gebets versichert, eine gute Idee, eigentlich.
http://blog.archny.org/index.php/cardinal-dolan-congratulates-president-obama-on-re-election/

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