Samstag, 13. Oktober 2012

Katholische Bücher: Mariette in ecstasy

Das Fest des hl. Franziskus, das seiner Stigmatisation, wie auch der Gedenktag P. Pios fallen in den Herbst und liegen daher noch nicht lange zurück.

Das Wort Stigma wird von dem griechischen Wort für Brandmal abgeleitet. In der Tat mag die Tatsache, daß jemand mit dem eigenen Leib die Wunden Christi verkörpert, für denjenigen nicht nur eine Gnade, sondern unter Umständen auch eine Art Brandmarkung darstellen – es hebt ihn unweigerlich unter seinen Mitmenschen hervor.

Hierzulande wenig bekannt scheint das Buch Mariette in Ekstase des Amerikaners Ron Hansen. Seinerzeit bin ich durch Zufall zu dem Buch gekommen – ein befreundeter Chefredakteur erhielt es als Rezensionsexemplar und wußte thematisch nichts damit anzufangen. Meine Begeisterung für das Werk konnte er, glaub ich, nicht recht nachvollziehen. (Tatsächlich mußte Hansen, eigener Aussage zufolge, erst einmal ein paar Western schreiben, bevor er sich an ein derart katholisches Thema wagen konnte.) Es ist nicht das einzige Buch, das vom Leben in einem Kloster handelt, aber das einzige, das ich kenne, das zugleich ein Kunstwerk ist.

Dem Anfang des Buches sind zwei Auflistungen vorangestellt, deren zweite eine Aufstellung des winterlichen Tagesablaufs der Schwestern von der Kreuzigung ist:  2:00 Uhr Wir stehen schweigend auf, gehen in den Chor und sprechen die Matutin. Gleich der Beginn zieht den Leser mitten hinein in die Atmosphäre des Buches, das Leben in einem ländlichen Konvent zur Jahrhundertwende, wie es da und dort noch zu finden sein mag.
Im Norden des Staates New York.
August 1906.
Kirchenfenster und dreißig Nonnen, die gregorianischen Gesang im Nachtoffizium erklingen lassen. Matutin. Laudes. Und dann Stille.
Ein Ziegenmelker wiegt sich im Wind und fällt in den Wald ab.
Suhlende Käfer in grünem Tümpelwasser.
Kröten.
Rohrkolben schwanken und verharren.
Weinblätter rascheln und verstummen.
Arbeitspferde schlafen in Mähnen aus Weidegras.
Eine hölzerne Mähmaschine. Ein Handpflug. Ein Heuständer.
Kalksteinkies auf den Pfaden im Klostergarten. Jasmin. Flieder. Narzissen.
Mutter Céline geht anmutig, den Kopf gesenkt.
Grillen.
Der kriechende Mond und der Kirchturm.
Dicht anliegende Ohren am Pantherkopf eines steinernen Wasserspeiers.

Unsere Schmerzensreiche Mutter Gottes
errichtet 1856
Kirche und Priorei
der Schwestern der Kreuzigung


Talgkerzen in roten Gläsern schaudern auf einem Hochaltar.

Ein weißer Gang und dunkle Mahagonibalken. Breite Dielenbretter, weichgetreten und glatt wie Seife. ...

Der Osten und der Nachthimmel hellen sich allmählich auf. Knapp über dem Horizont steht ein metallenes Licht.

Schwester Hermance wartet auf dem Gang vor den Zellen der Schwestern. In der rechten Hand hält sie hölzerne Kastagnetten. Sie wirft einen Blick auf eine silberne Uhr, die an einem hüftlangen, schwarzen Satinband befestigt ist. Sie wartet, bis es genau fünf Uhr ist. Dann hebt sie die Hand in die Höhe, schlägt die Kastagnetten zweimal gegeneinander und zerreißt das große Silentium. Sie ruft: „Im Namen Jesu Christi, meine Schwestern, laßt uns aufstehen“.
Im Laufe der Jahrhunderte hat Gott mehreren hundert Menschen Stigmata verliehen; der erste, von dem dies berichtet wurde, ist der hl. Franziskus von Assisi. Die Geschichte Mariettes, man möchte sagen, ihr Verhängnis, ist, daß ihr diese Gnade zuteil wird, nachdem sie etwas über drei Monate als Postulantin bei den Schwestern der Kreuzigung gelebt hat.

Im Jahre 1906 tritt die siebzehnjährige Mariette Baptiste als Postulantin in den Konvent der Schwestern der Kreuzigung ein, einem Kloster im Norden des Staates New York. Ihre ältere Schwester Annie ist dort die Priorin und Mariette wohlgesonnen. Am Heiligen Abend 1906 stirbt die erst siebenunddreißigjährige Priorin an Krebs. In der Nacht zeigen sich bei Mariette, die sich in die Betrachtung des Leidens des Herrn versenkt hat, zum ersten Mal seine Wunden – für Mariette späterhin nicht überraschend: wir feiern an Weihnachten das Wort, das Fleisch geworden ist.

Hansens Roman ist weit davon entfernt, Antworten zu geben, er deutet lediglich Möglichkeiten an und wirft Fragen auf, wie die, ob der Konvent – wie der Leser – tatsächlich Zeuge wunderbarer Ereignisse wurde.

In einer Reihe von scharfen Momentaufnahmen, die sich überall im Buch finden, beschreibt das Buch das Leben in einem klausurierten Konvent mit Frauen aus allen Altersgruppen, wie es ist, mit der Erfüllung, die es bringen kann, seinen kleinen Freuden und auch Entbehrungen, den Eifersüchteleien und Gehässigkeiten. Selbst wer nur etwas über das Leben in einem Konvent lesen wollte, wäre mit Mariette in Ekstase schon ausgezeichnet beraten.

Für die deutsche Übersetzung wäre man allerdings besser der Tradition treu geblieben, solche Werke von jemandem übersetzen zu lassen, der mit dem Thema vertraut ist: Übertragungen wie „die aufgenommenen Schwestern“ klingen schon recht ungewohnt in den Ohren oder tun sogar weh, wenn etwa Amikt (Schultertuch) mit „Haube“ oder Albe mit „Unterwäsche“, in der der Priester vor dem Altar steht, übersetzt werden. Sprachliche Ästheten wären daher mit der Originalfassung besser beraten, Hansens Stil[1] ist nicht schwer zu lesen.
Selbst jetzt halte ich noch nach einer Katze Ausschau, die im Tüpfelfarn hockt, nach einem frischen Wind, der an den Bettüchern auf der Leine herumnestelt, nach Hügeln wie ein grünes Meer im Osten und gleich dahinter die Priorei, und das prachtvolle Rätsel ist – zumindest für den Augenblick – gelöst, und Gott ist da vor mir in all dem Sein, das nicht er ist.
Die deutsche Fassung von Mariette in Ecstasy erschien 1993 im Verlag S. Fischer und ist eigentlich ein Must have für Katholiken oder solche die es werden wollen.

____
[1] Der Autor lehrt an der Santa Clara University und ist seit 2007 auch ständiger Diakon. In diesem Beitrag, der 1994 im Image Journal erschienen ist, schreibt er über Writing as sacrament.
Bild: Szene aus Agnes of God

Kommentare:

Huppicke hat gesagt…

Und wie ich gerde gesehen habe, gibt es das Buch für nur 3,60 Euro bei amazon. Ich habe zugeschlagen und werde berichten, wie ich das Buch finde.

Danke für den Tip.

Einen schönen Sonntag wünscht dir
Huppicke

gottvertrauen hat gesagt…

Das Buch klingt sehr spannend, zumal ich gerade intensiv auf der Suche nach belletristischer Literatur über das Ordensleben bin. Leider scheint es das nur noch antiquarisch zu geben.

Braut des Lammes hat gesagt…

Huppicke, ich bin gespannt! @Gottvertrauen: Willkommen auf dem Blog. Wie Huppicke oben erwähnt, ist man bei Amazon preisgünstig dabei. (Vielleicht sollte ich mir eine neue Ausgabe zulegen, mein Exemplar hat einen Wasserschaden, weil ich damit einmal in der Badewanne eingeschlafen bin).

E.T. hat gesagt…

Muß nun doch zu den Stigmatisier-ten etwas beitragen: Lt. den Visionen der Theresia Neumann von Konnersreuth war der hl. Paulus stigmatisiert, was zwar äußerlich nicht sichtbar war, er aber die Schmerzen verspürte. Er schreibt
dies selber (Gal.6,17), wobei an-
geblich die korrekte Übersetzung
nicht "an", sondern "in" meinem
Leib lauten muß.
Lit.: J.Steiner: Visionen der Therese Neumann, S. 384f.

Braut des Lammes hat gesagt…

Mind you: meines Erachtens können wir aus Pauli Briefen nicht ableiten, er sei stigmatisiert gewesen. An anderer Stelle schreibt er: Wohin wir auch kommen, immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird. Denn immer werden wir, obgleich wir leben, um Jesu willen dem Tod ausgeliefert, damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleisch offenbar wird.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...