Freitag, 19. Oktober 2012

Gebet der Gläubigen – Interzessionen

Viktor Michailowitsch Vasnetsov,
Christus Weltenherrscher
Mit den Fürbitten ist das so eine Sache. Am hiesigen Hause™ manchmal sogar mehrmals täglich, da es vorkommen kann, daß fünf Heilige Messen mit unterschiedlichen Fürbitten gefeiert werden. Da die Interzessionen oder das allgemeine Gebet der Gläubigen, wie sie die Kirche nennt, nicht zu den feststehenden Texten gehören, hat die Kirche lediglich gewünscht, worum vordringlich beständig oder zu bestimmten Zeiten gebetet werden soll.
Indem sie [die Gemeinde] ihr priesterliches Amt ausübt, das sie durch die Taufe empfangen hat, trägt sie Gott Bitten vor für das Heil aller. Dieses Gebet gehört für gewöhnlich zu jeder mit einer Gemeinde gefeierten Messe, damit Fürbitten gehalten werden für die heilige Kirche, die Regierenden, für jene, die von mancherlei Not bedrückt sind, für alle Menschen und für das Heil der ganzen Welt.[1]
Das Schott-Meßbuch sieht für jeden Tag des Kirchenjahres Fürbitten vor, die diesen Wünschen entsprechen. Seit einigen Jahren gibt es aus dem Hause Schott auch noch eine neuere Ausgabe der Fürbitten für Tage im Jahreskreis und die Heiligenfeste, das in dem Wunsch angeschafft wurde, daß der Vorbeter den Leuten nicht Jahr für Jahr dieselben Fürbitten vortrage. Warum man das eigentlich nicht können soll, kann ich nicht recht sagen, diejenigen, die das Stundengebet der Kirche beten, beten ja auch Jahr für Jahr dieselben Preces und Fürbitten. Indes werden aber mit einer neueren Ausgabe tatsächlich gewisse Klippen umschifft, deretwegen derjenige, der die Fürbitten liest, auch gut daran tut, sie sich vorher genau anzusehen: es ist etwas unangenehm, wenn man um Kraft und Hilfe für die Christen in politischen Unrechtssystemen betet, die bereits vor erklecklicher Zeit niedergegangen sind, Deo gratias!)

Darüber hinaus kann man auch die Fürbitten aus dem Stundenbuch nehmen – die ich sehr schön finde –, und wir haben noch weitere Sammlungen für Fürbitten vornehmlich für bestimmte Anlässe: Bitte um Priesterberufe, Fürbitten für Heiligenfeste nach den Kategorien des Communes geordnet (also hll. Märtyrer, Jungfrauen usw.), Erntedank, um Frieden, Kasualien – alles sowas.

Nun haben wir seit kurzem auch das Fürbittenheft Liturgie konkret aus dem Hause Pustet (eine Anschaffung, die auf Dauer gesehen, auch nicht ganz billig ist, da es sich um ein fortlaufendes Abonnement handelt). Anscheinend wurde dieses gewünscht, weil die Fürbitten so zeitgemäß abgefaßt seien. Mir selbst sind diese Fürbitten ein Akt der Buße. Himmel hilf! Meist klingen sie – und noch mehr die Einführung, die über ihnen steht – so, als sei derjenige, der die Fürbitten geschrieben hat, am Hals gepackt und gewürgt worden, mit den Worten: „Ich lasse dich nicht, du schriebest mir denn Fürbitten“.

Wenn mehrere Dienste anwesend sind, gibt es bei diesen Fürbitten vorher in der Sakristei gern einmal ein mehr oder weniger lustiges Pingpong-Spiel damit. Wenn ich sie vortrage, muß ich jedenfalls auf den Tonfall meiner Stimme und vor allem meinen Gesichtsausdruck achtgeben. (Leider habe ich die hohe Kunst, einen undurchdringlichen Ausdruck zu wahren, nie erlernt, vielleicht geht das mit einem Gesicht wie dem meinen auch nicht, ich weiß es nicht.) Ein Diakon oder ein anderer liturgischer Dienst[2], dessen Stimme bei den Fürbitten einen ironischen Unterton hat, geht jedenfalls gar nicht.

Konkret frage ich mich bei dieser „Gottesdiensthilfe“[3] manchmal auch nach dem Warum und Wozu, etwa neulich, zum Gedenktag der hl. Lioba. Die Fürbitten im Schott enthalten, da die hl. Lioba Jungfrau und Äbtissin war, vornehmlich solche, die einen Bezug darauf haben: für die Oberinnen der Frauenorden, für die Frauen, die in der Glaubensverkündigung wirken, und für die Mädchen in unserer Gemeinde. In den Fürbitten von Liturgie konkret kein Wort davon, Fürbitten, wie man sie an jedem anderen Tag auch hätte sprechen können (womit ich nichts gegen jeden anderen Tag gesagt haben will). Wenn ich es mir recht überlege, waren diese Fürbitten womöglich gleichermaßen für den Tag im Jahreskreis und das Heiligenfest gedacht. In dem Falle wäre das aber eine Verschlechterung gegenüber dem Schott, der beides bietet, auch wären dann Interzessionen, die irgendetwas mit der Tagesheiligen zu tun gehabt hätten, komplett hintenruntergefallen.

Neulich nun die bisher für mich schreckliche Variante: Fürbitten, in denen wir Gott erklären, worum wir bitten (im Falle er es sonst nicht versteht?). Fürbitten, in denen wir Gott das Gebet erklären, daß er uns selbst gelehrt hat:
Lasset uns beten und Fürbitte halten.
Vater im Himmel und auf der Erde. Wenn wir deinen Namen heiligen, dann bitten wir um einen respektvollen, sensiblen Umgang mit deinem Namen in unserer Alltagssprache und auch in unseren Gebeten.
Wenn wir um das Kommen deines Reiches beten, dann bitten wir um mehr Raum und Zustimmung für deine Gerechtigkeit und lebendige Gegenwart unter uns. …
Wenn wir in den Versuchungen unserer Tage uns als schwach und anfällig erfahren, dann führe du uns auf eine neue Heilsspur.
Wenn wir aus unseren Abhängigkeiten um deine Erlösung bitten, dann befreie uns aus Angst und Enge, Neid und Haß.
Vater im Himmel dir sie [sic!] die Ehre in Ewigkeit.     Reinhard Kleinewiese
Das sind so Bitten, wo ich auf mein Gesicht, meinen Tonfall und meine Gedanken aufpassen muß, denn ich fange, einerlei ob ich lese oder zuhöre, unweigerlich das Grübeln an: etwa, ob es wohl auch Gebete gibt, in denen mit dem Namen Gottes nicht „respektvoll und sensibel“ umgegangen wird, oder wo wohl diese „neue Heilsspur“ hinführen mag, von der da die Rede ist? Hoffentlich zum Heil. Von der Unsäglichkeit, langschweifig Gott und den Gläubigen zu erklären, was wir meinen, wenn wir beten, noch ganz zu schweigen. Bei manch gewundenen und feingedrechselten Fürbitten weiß die Gemeinde hinterher nicht mehr, worum wir eigentlich gebetet haben. In diesem Falle möchte man es doch wirklich einmal mit Martin Luther halten: „Tritt frisch auf, tu's Maul auf, hör bald auf.“

Vielleicht sollte ich bei selbstformulierten Fürbitten nächstens auch meinen Namen neben das Wort Ewigkeit setzen? Wer schreibt, der bleibt. Nein, Spaß beiseite, zum einen hat das wahrscheinlich der Redakteur zu verantworten, oder vielleicht ist es auch dazu gedacht, den Leserbrief (Gläubigenbrief?) gleich dem Richtigen zu senden. Sicherlich schreib ihn aber doch wieder nicht, schon weil ich viel lieber etwas Nettes schreibe. Soifz.

Tröstlich finde ich in diesem Zusammenhang den Gedanken an den Geist Gottes: Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen. Der Geist selber jedoch tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.

_____
[1] AEM, 69,70

[2] Die allgemeine Einführung ins Meßbuch bezeichnet die Fürbitten als einen Ausdruck der tätigen Mitfeier, der der ganzen Gemeinde zukommt und nennt als diejenigen, die die Bitten vortragen sollen, Diakon oder Kantor „oder jemand anderer“.

[3] Daß man eigentlich eine Mappe braucht, um den häßlich-grünen Einband zu verbergen und das Teil als Zeitschrift natürlich auch kein Lesezeichen hat, was es für den liturgischen Gebrauch unpraktisch macht, tut ein übriges dazu.

Kommentare:

chiqitac hat gesagt…

ganz schlimm, da bekomme ich auch immer wieder innere Krampfanfälle bei diesen "ich-erklär-Dir-erstmal-die-Welt,lieber-Gott"-Fürbitten, wahlweise "wir-belehren-Dich" o.ä.
Ganz furchtbar finde ich auch diese
für...
für...
für...
Fürbitten - ohne konkrete Anliegen.

Braut des Lammes hat gesagt…

D'accord. Ich mag einfach Fürbitten nicht, die von der Form her zunächst einmal einen Status quo feststellen, um dann daraus eine Fürbitte abzuleiten. Kann man dieses ewige Dozieren nicht sein lassen und gleich eine anständige Fürbitte formulieren?

Eugenie Roth hat gesagt…

Kann man nicht einfach andere Fürbitten nehmen oder drückt euch der Zelebrant dieses hochinteressante Buch verpflichtend in die Hand?

Braut des Lammes hat gesagt…

Letzteres. Der Zelebrant entscheidet über die Fürbitten, das ist einfach so.

Gereon Lamers hat gesagt…

Oh, vielen herzlichen Dank für diesen Beitrag! Ja, so ist es und es ist schrecklich (vielfach, viel zu oft).

Mich erinnern gerade die "politisch-aktuellen" Fürbitten von ihrer ganzen sprachlichen Gestalt her immer an Pressemitteilungen aus dem politischen Tagesgeschäft (womit ich mich ein bißchen auskenne) und daran, wie solche Texte entstehen (wohl "müssen").

Und diese Entstehungsweise und das, was dabei heraus kommt, eignet sich nun mal so gar nicht, wenn man mit dem Allerhöchsten spricht.

Gereon

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