Mittwoch, 10. Oktober 2012

Eigenartiges bei Maischberger

Von Menschen bei Maischberger hab ich gestern nicht alles mitbekommen – schon, weil ich die Neurosen und Zwangshandlungen Mr. Monks zu so später Stunde einfach unterhaltsamer finde als ewig Vorhersehbares.

Eigentlich klang schon das Sendethema einigermaßen verkorkst: „Wieviel Religion braucht man zum Leben?“ Wer ist wohl man und wo mag er leben? Eigentlich ist es doch Sache der einzelnen Seele, wieviel Religion sie für ihr Leben braucht. (Die Kirche gibt uns darüber hinaus in den Kirchengeboten noch wichtige Hinweise, wieviel es wenigstens sein sollte, damit das Glaubensleben nicht verdorre.)

Irgendwie kurios fand ich ja die Schweizerin mit dem Niqab. Zum einen bin ich der Auffassung, es sollte sich nach Möglichkeit jeder so züchtig kleiden können, wie er möchte – es ist also ihre Entscheidung. Auch meine ich, daß diejenigen, die eine Kleidung, an der sich die Religion desjenigen erkennen läßt, oder das Tragen religiöser Symbole in der Öffentlichkeit überhaupt verbieten wollen, letztlich genau das sind, was sie den Trägern vorwerfen – selbstgerechte, radikale Eiferer. Was die Schweizerin mit dem Niqab –  keine Sorge, das Wort kannte ich vorher schon! – allerdings unter einer „normativen Option“ versteht, ist mir buchstäblich schleierhaft geblieben. Was bitte soll das sein? Entweder kann ich etwas wählen (das wäre die Option) oder ich soll es tun (das wäre die Norm). Jedenfalls fing sie mit dieser normativen Optionsgeschichte mehrmals an, ohne daß jemand einmal nachgefragt hätte.

Zum anderen natürlich macht sie diese Aufmachung, die nach ihrer Aussage gerade dazu dienen soll, daß sie nicht etwa noch jemanden mit ihrer Mimik verführt oder lockt, unweigerlich zum Mittelpunkt einer solchen Gesprächsrunde, und ich hab mich verzweifelt gefragt, wieso eigentlich so gut wie jeder der Anwesenden (bei Ranke-Heinemann weiß ich es nicht mehr) nichts besseres zu tun hatte, als seinem jeweiligen Redebeitrag eine Bekundung des uneingeschränkten Respekts vor Frau Illi voranzustellen. Herr des Himmels und der Erden: die Frau hat einfach nur anzogen, was sie für richtig hält. (Gleichzeitig leben wir übrigens in einer Gesellschaft, in der es in einigen Bundesländern den Ordensfrauen untersagt wird, den Unterricht in ihrem Habit abzuhalten. Das nur am Rande bemerkt.) Irgendwie hat diese Art des Outfits auch etwas von der griechischen Mythologie an sich: in dem Bemühen, etwas unbedingt abwenden zu wollen, ziehe ich es auf mich – in dem Bemühen, möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen zu wollen, ist gerade das jedenfalls gesichert. Nun ja.

Ich sehe mir nicht allzuoft eine Talkshow an, weiß aber wirklich nicht, warum man es auch in den Öffentlich-rechtlichen für nötig hält, zum Thema Religion ein derartiges Panoptikum zusammenzustellen? Schmidt-Salomon als Kistenteufel hätte mir noch gefehlt. Auch wärs schön, wenn nicht immer so getan würde, als müßte der Islam dem Morgen- und dem Abendland jetzt die Welt erklären: so hat es mich befremdet, zu hören, der Islam wäre gegenüber anderen Religionen soviel besser, weil man da immer wieder innehält zum Gebet (letzteres höre ich übrigens zum wiederholten Mal) – in der Tat ist das aber ein Erbe des Judentums, das vor allem im Stundengebet, aber auch im Angelus und dem täglichen Rosenkranz im Christentum fortlebt bis auf den heutigen Tag. Wozu also in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah! Illi war vor ihrer Konversion einmal Katholikin.

Noch mehr befremdet hat mich ihr Lobpreis der Vielehe, der meines Wissens auch völlig unkommentiert dastand. Ja, klar, von der Polygamie kommen alle Wohltaten her. Einerlei, ob man (wie ich) der Auffassung ist, daß Nora Illi vielleicht ein wenig naiv an die Sache herangeht, indem sie dieses Loblied der Vielehe unter deren denkbar günstigsten Voraussetzungen gesungen hat – und interessanterweise ihr Mann auch nur mit ihr verheiratet ist –: die Vielehe ist mit dem katholischen Begriff von Ehe und Sakrament, von endgültiger und ausschließlicher Bindung und von Würde gar nicht zu vereinbaren, und ich finde, darauf hätte getrost einer der anwesenden Katholiken einmal hinweisen dürfen. (Falls es einer genau in der Zeit getan hat, in der ich grade nicht hinsah, drücke ich mein Bedauern aus.)

So wurde jedenfalls ein erheblicher Teil der Zeit, in der ich die Sendung verfolgt habe, damit verbracht, Nora Illi anzustaunen und staatstragende Fragen darüber zu stellen, wie sich die Vollverschleierung anfühle und wie andere Menschen damit umgehen? Ja mei, die gucken halt, manche mehr, manche weniger, das geht auch wieder vorbei. Daß manche Leute für Fußgänger auf Zebrastreifen nicht bremsen, sondern sogar in die Gaspedale treten, ist wiederum etwas, das einem auch ohne Niqab ohne weiteres passieren kann.

Da sitzt also die Schweizerin mit ihrem Schleier – eine Aufmachung, die ich auch im hiesigen Kiez nicht allzuoft sehe, aber Konvertiten nehmen oft alles besonders ernst, es sei ihnen unbenommen – als eine Art Anti-Schneemann gleich neben Uta Ranke-Heinemann, die auch prompt und zu meinem einzigen Gaudium etwas Mintfarbiges anhatte. Daß diese ihren Lehrstuhl verloren hat, weil die von ihr vertretenen Positionen einfach nicht mehr katholisch genannt werden konnten, wissen, glaub ich, die meisten. Daß Frau Ranke-Heinemann schon seit geraumer Zeit gar nicht mehr katholisch ist, wie sie selbst gesagt hat, ist schon erheblich weniger bekannt. Vielleicht liegt das auch daran, daß man sie, bevor man sie ihre neuesten Absonderlichkeiten vortragen läßt, jeweils als katholische Theologin einführt. Das jedenfalls trifft nur insofern zu, als daß Frau Ranke-Heinemann früher einmal katholische Theologie studiert hat, vielleicht müßte man das in den Medien einmal mitmeißeln.

Über Uta Ranke-Heinemann kann ich mich nicht aufregen – letztlich tut sie mir einfach leid. Die Frau ist über 85 und wird in solche Runden nur eingeladen, um für den gewünschten Klamauk zu sorgen, das muß ihr doch selbst einmal zu Bewußtsein dringen. Wenn ich dann noch höre, daß sie anscheinend mittlerweile jeden Glaubensinhalt – wie etwa das Kreuz Christi und die Auferstehung – nicht nur ablehnt, sondern einfach nicht glauben kann, dann komme ich beim Bedauern heraus: weil sie um die Heilsnotwendigkeit der Kirche weiß und dennoch nicht in ihr verharren mag, weil ein Leben mit dem katholischen Glauben so wunderbar und von Gnaden erfüllt sein kann und sie diese Möglichkeit sehendes Auges ausschlägt. Obwohl ich bei Frau Ranke-Heinemann immer schon das Gefühl hatte, sie müsse leicht einen an der Waffel haben, würde ich gern einmal eine unaufgeregte Unterhaltung mit ihr führen.

Bleibt zum Abschluß die Frage, die zwischendurch schon einmal als Froschkopf aus dem Teich guckte: wieso kann man, gerade auch vor dem Beginn des Jahres des Glaubens, nicht eine etwas intellektuellere und anspruchsvollere Gesprächsrunde zu einem solchen Thema zusammenbringen? Eine Runde, die sich sehen lassen kann, die nicht von vornherein auf die bloße Vorführung von als monströs Empfundenem ausgelegt ist, und für die man nicht versucht wäre, sich fremdzuschämen, bis einem klar wird, daß es da überhaupt nichts fremdzuschämen gibt. Es ist einfach nur absonderlich, wenn auch nicht informativ – und letztlich nicht einmal unterhaltsam. Vielleicht ließe es sich bei Maischberger noch toppen: Uta Ranke-Heinemann im mintfarbenen Niqab.

Kommentare:

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Daß eine Schweizer Katholikin zum Islam übertritt, wundert mich angesichts des Schweizer "Normalkatholizismus" nicht. Da wäre ich womöglich ebenfalls bereits davongelaufen ...

Braut des Lammes hat gesagt…

Daß sie von der katholischen Kirche her konvertiert ist wollte ich damit nicht besonders hervorheben (in der Tat hatte ich überlegt, ob ich den Hinweis darauf einbaue), sondern die Begründung, weil man da so oft und „im Alltag“ beten kann, fand ich in dem Zusammenhang schräg. Sowas haben wir ja gar nicht…

Lauda Sion hat gesagt…

Blüm (oder war es Elstner) hatte das dann allerdings auch so gesagt, dass es die Formen seinen Glauben so auszuleben wie Fr. Illi im kath. Ordensleben auch gibt.

Anfangs erzählte sie auch, dass sie vor der Konversion den kath. glauben gar nicht praktiziert hatte...

Uta R.-H. tut mir auch sehr leid.

Braut des Lammes hat gesagt…

An den Einwurf (ich glaub, das war Elstner) kann ich mich dunkel erinnern, mir ist so, als wenn da aber unverzüglich ein anderer darauf hingewiesen hötte, Frau Illi wäre ja schließlich nicht im Ordensleben. Deshalb hätte sie trotzdem mehrmals täglich beten können. Ich glaub, diese Äußerung von Illi kam innerhalb einer Erklärung, wie sie in der Oberstufe verschiedene Religionen verglichen habe, um dann den Islam und seine Gebetspraxis gut zu finden. Da kam mir halt in den Sinn, so besonders tief ist sie mit ihren Nachforschungen und Vergleichen anscheinend nicht gedrungen, sonst hätte sie das mit der Durchdringung des Alltags durch das Gebet nicht sagen können.

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