Mittwoch, 26. September 2012

Taten, nicht Worte – Emily Davison

An diese Frau mußte ich gestern denken: Emily Wilding Davison, eine der englischen Suffragetten, eine der Frauen, die sich unter Einsatz ihrer Gesundheit und ihres Lebens für das Wahlrecht der Frauen eingesetzt haben. Im kommenden Juni jährt sich ihr Todestag zum hundertsten Mal.

Die Umstände ihres Todes werden wohl niemals völlig geklärt werden können, trotzdem es Augenzeugenberichte und sogar Filmaufnahmen des Vorfalls gibt. Sicher ist: Am 4. Juni 1913 kaufte Emily Davison eine Hin- und Rückfahrkarte zum Rennen nach Epsom und geriet dort auf der Rennbahn unter das Pferd des Königs. Vier Tage später starb sie an ihren schweren inneren Verletzungen im Krankenhaus. Allem Anschein zufolge war dies kein inszenierter Selbstmord um der Sache willen, sondern ein Versuch, die Aufmerksamkeit des Königs zu gewinnen, da sie ja eine Rückfahrkarte nach London hatte. Es ist möglich, daß Emily Davison auf die Rennbahn gestoßen wurde; vielleicht wollte sie auch nur ein Fähnchen der Suffragetten am Geschirr des Pferdes anbringen. Der Jockey, der das Pferd des Königs ritt und der viele Jahre danach zu Ehren Davisons und Emmeline Pankhursts, einer anderen Suffragette, einen Kranz an Pankhursts Grab niederlegte, war der Ansicht, Emily Davison habe das Pferd zu Fall bringen wollen. Armes Tier und auch armer Jockey, denn er wurde bei dem Vorfall selbst verletzt, und der Anblick hat ihn jahrelang verfolgt; 1951 beging er Selbstmord. Wie auch immer die genauen Umstände gewesen sein mögen, sie sind im Fluß der Geschichte verloren.

Emily Davison, die zur Women's Social and Political Union gehört hatte, war zuvor wegen mehrer Aktionen immer wieder verhaftet und zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Unter schwierigen Umständen und großen finanziellen Opfern hatte sie zuvor mehrere naturwissenschaftliche Fächer, Englisch und Literatur studiert; da sie eine Frau war, konnte sie allerdings keinen akademischen Grad erringen.

Daß sie sich in der Nacht zum 2. April 1911 in einem Schrank im Westminster Palace versteckte, damit sie später auf einem Erfassungsbogen als Wohnsitz das House of Commons angeben konnte, zeigt, daß sie auch Sinn für Skurrilität hatte. Davison gehörte zu den rund eintausend Frauen, die in der Zeit zwischen 1903 und dem ersten Weltkrieg wegen politischer Aktivitäten der Frauenbewegung verhaftet wurden. Sie ertrug Spott, Hohn, Verachtung, gerade auch die anderer Frauen, Hungerstreik, Zwangernährung, Arbeitslager und letztlich den Tod, damit andere Frauen eines Tages etwas haben konnten, was sie nicht hatte: das Wahlrecht. Spott und Verachtung überdauerten auch ihren Tod, denn der Daily Herald veröffentlichte eine Karikatur von fragwürdigem Geschmack, die sie als Skelett zeigte, das ein Schild mit der Forderung nach dem Frauenwahlrecht trägt. Emily Davison liegt in Morpeth in Northumberland begraben. Die Inschrift an ihrem Grab lautet: Taten, nicht Worte.

1 Kommentar:

Lauda Sion hat gesagt…

Toller Beitrag!!
"Effi Briest" spiegelt diese Zeit/ Rolle der Frau etc. auch ganz gut wider.

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