Dienstag, 11. September 2012

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen − pränatale Diagnostik und der Name des Menschen

Was mir an der derzeitigen Debatte und Berichterstattung über den seit dem 20. August zugelassenen Bluttest in Bezug auf das Down-Syndrom weitgehend fehlt, ist der Hinweis auf die Tatsache, daß wir bereits seit geraumer Zeit vorgeburtliche Diagnoseverfahren haben, die zum Teil sogar dasselbe Ergebnis bringen, nur auf ungleich viel gefährlichere Weise.

Die Amniozentese ist etwa − ich habe es nach der Billigung der PiD durch den Bundestag schon einmal angeführt − mit einem überraschend hohen Risiko für das Ungeborene behaftet. Dieses beträgt im günstigsten Fall zweieinhalb Prozent: das heißt, von zweihundert Ungeborenen sterben einem solchen Diagnoseverfahren, bei dem mit einer Nadel Zellen aus dem Fruchtwasser oder Blut aus der Nabelschnur des Ungeborenen entnommen wird, fünf. Dieses Risiko steigt mit zunehmendem Alter der werdenden Mutter noch einmal dramatisch an, bis es bei mehr als fünf Prozent liegt.

Dies bedeutet wiederum: Gerade Frauen in Altersgruppen, in denen die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, allmählich sinkt[1], während zugleich die Wahrscheinlichkeit steigt, ein Kind zu bekommen, das an chromosomalen Mißbildungen leidet, werden im Rahmen der pränatalen Versorgung oft geradezu gedrängt, eine Amniozentese vornehmen zu lassen.

Dabei riskiert die Schwangere, wie gesagt, daß es durch die Amniozentese selbst zu einer Fehlgeburt kommt, wie man sich denken kann: es geht immerhin um das Eindringen eines Fremdkörpers, in diesem Falle einer Hohlnadel, in das zuvor intakte System von Fruchtblase und Plazenta, die den Embryo erhalten. Wer darüber hinaus einmal einen Ultraschallfilm gesehen hat, in dem man sieht, wie ein Ungeborenes in einem späteren Stadium der Schwangerschaft vor der in die Fruchtblase eindringenden Nadel zurückweicht, mag zu solchen Diagnoseverfahren ein ganz neues Verhältnis entwickeln.

Es geht mir jetzt nicht darum, festzustellen, daß die Amniozentese schlecht sei, Bluttests dagegen gut, sondern es muß meiner Ansicht nach tatsächlich eine breite Wahrnehmung dafür hergestellt werden, wie belastend alle diese Formen pränataler Diagnostik sein können, vor allem, wenn das Ergebnis ist, daß Frauen bei Vorliegen einer Unregelmäßigkeit anschließend zur Abtreibung gedrängt werden oder in Rechtfertigungsdruck geraten, wenn sie sich in der Lage dagegen entscheiden. In der Tat ist Gewissensbildung ein gutes Wort.

Auch gibt es chromosomale Mißbildungen, die für das Ungeborene sehr oft (keineswegs ausschließlich) letal sind: Trisomie 18 etwa. Ich wage nicht über Frauen zu rechten, die sich bei einer solchen Diagnose zur Beendigung der Schwangerschaft und des ungeborenen Lebens, das in ihnen heranwächst, entschließen, weil sie zu der Auffassung gelangen, daß das Austragen einer solchen Schwangerschaft, um dann vielleicht ein totes Kind zu gebären, für sie zu schmerzlich sei. Indes habe ich mich auch in solchen Zusammenhängen immer gefragt, ob es nicht letztlich viel schmerzlicher ist, das eigene Kind nie in den Armen gehabt und auch kein Grab für es zu haben.

In diesen Tagen feiern wir die Feste der kleinen Gottesmutter Maria: Mariä Geburt und Mariä Namen. Auch die Geburt und das Namensgebungsfest des Erlösers selbst feiert die Kirche im Kranz der Feste des Kirchenjahres. Menschen, die geboren wurden und zumindest so lange leben durften, daß man ihnen einen Namen gab. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Der Psalmist besingt die Herrlichkeit Gottes, in dem er das Wunder anführt, daß er selbst im Mutterleib gebildet wurde, gewoben, wie er dichtet:
Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, daß du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke. (Ps. 139, 13-14)
Ich habe dich schon gekannt, noch ehe ich dich im Mutterleib bildete, ruft Gott auch der einzelnen Seele zu, denn für ihn ist jedes Leben unendlich kostbar. Wer nie geboren wird, dem wird von Menschen vielleicht niemals ein Name gegeben − wohl hoffen wir, daß Gott sich ihrer erbarmt und sie bei dem Namen ruft, den Menschen ihnen nicht geben wollten.

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[1] So braucht, vorausgesetzt körperlich ist alles in Ordnung, eine Vierzigjährige durchschnittlich ein Jahr, um überhaupt schwanger zu werden, eine ganz junge Frau dagegen im Mittel nur drei Monate.

Bilder: das kleine Universum des Ungeborenen in der 16. Woche und später.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Zitat:... sondern es muß meiner Ansicht nach tatsächlich eine breite Wahrnehmung dafür hergestellt werden, wie belastend alle diese Formen pränataler Diagnostik sein können, .../Zitat

Ist es nicht ein ganz klein wenig blauäugig, ein Diagnoseverfahren, das weniger belastend und vor allem weniger gefährlich ist, als "belastend" hinzustellen und bei einem schwerstbehinderten Kind dieses aber als "reine Freude" darzustellen, wie dies in Kreisen besonders gläubiger Menschen immer wieder auffällt?

Zitat: [1] So braucht, vorausgesetzt körperlich ist alles in Ordnung, eine Vierzigjährige durchschnittlich ein Jahr, um überhaupt schwanger zu werden, eine ganz junge Frau dagegen im Mittel nur drei Monate.

Wollen Sie jetzt nicht nur der in gläubigen Kreisen so oft geschmähten "Frühsexualisierung" das Wort reden, sondern gar verlangen, dass sich so viel sechzehnjährige Mädchen wie möglich schwängern lassen, um ihre Fruchtbarkeit richtig auszunutzen?

PS: Die Mär vom Fötus, der angeblich der Nadel entkommen will ist eine Lüge und noch nicht einmal eine fromme, sondern eine bösartige.

Braut des Lammes hat gesagt…

Werter Anonymus, möglicherweise hatten Sie übersehen, daß es im Zitat heißt, „alle diese Formen“ und auch darauf verzichtet, den verlinkten Artikel über die PiD einzusehen, in dem ich genaueres zu der Belastung, die in allen diesen Formen pränataler Diagnostik liegen kann, ausführe. Die Belastung ist hier die der Eltern, vor allem der werdenden Mütter.

Wo Sie den Artikeln die „reine Freude“ entnehmen wollen, ist mir unklar – im Gegenteil, ich hatte damit einhergehende Traumatisierungen durchaus thematisiert, darüber hinaus aber über die möglicherweise noch schwerere Traumatisierung gesprochen, die einer Mutter daraus erwachsen kann, daß sie das eigene Kind nie in die Arme schließen kann (was Frauen, die Fehlgeburten erleiden, genauso einschließt).

Auch der Rest Ihres Kommentares hat mit meinem Beitrag kaum etwas zu tun. Aus einer rein wissenschaftlichen und empirischen Feststellung, die hier aus Gründen des Kontextes in Bezug auf pränatale Diagnostik angeführt wurde, ziehen Sie einigermaßen wirre Konklusionen. Gemeint war: Frauen mittleren Alters haben es im statistischen Mittel schwerer, schwanger zu werden – das ist einfach biologisch so – und tragen darüber hinaus ein um mehr als das Doppelte erhöhtes Risiko im Falle einer Amniozentese eine Fehlgeburt zu erleiden als jüngere. Trotzdem wird gerade Frauen in diesem Alter in der pränatalen Vorsorge vermehrt zur Amniozentese geraten, was bedeuten kann, daß sie das unter Umständen sehr ersehnte Kind verlieren kann.

Zum PS: Äußerst erstrebenswert wäre es, wenn Sie das, was Sie als angeblich „bösartige Lüge“ etikettieren, auch durch wissenschaftlich relevante Quellen widerlegen könnten.

kalliopevorleserin hat gesagt…

Daß es eine schonende Möglichkeit gibt, Behinderungen früh zu erkennen, ist grundsätzlich gut. Angenommen, eine Frau erfährt nicht erst ganz kurz vor oder sogar nach der Geburt, daß ihr Kind in besonderer Weise hilfsbedürftig ist, kann sie sich eher darauf vorbereiten und einstellen. Das kann nützlich sein.
Übel ist die wachsende Auffassung, ein behindertes Kind müsse unbedingt so schnell wie möglich beseitigt werden. Das verkehrt eine Maßnahme, die der Vorsorge für das Kind gelten sollte, in ihr Gegenteil.

Anonym hat gesagt…

Zum PS: Äußerst erstrebenswert wäre es, wenn Sie das, was Sie als angeblich „bösartige Lüge“ etikettieren, auch durch wissenschaftlich relevante Quellen widerlegen könnten.

Um bewusst einer Nadel ausweichen zu können, müsste erst mal ein Bewusstsein existieren. Und um unbewusst einer nadel ausweichen zu können, müsste ein Sinn existieren, der die Nadel erkennt, zum Beispiel der optische Sinn. Im übrigen ist eigentlich der beweispflichtig, der behauptet, dass die Angst vor der Nadel existiert, der Fötus weiss, was das bedeutet und ihm deswegen ausweichen will. Da dies alles nicht möglich ist, ist die Behauptung ein Fötus würde einer Nadel ausweichen wollen lediglich eine Behauptung.

Braut des Lammes hat gesagt…

In der Tat wäre es für Sie schwierig gewesen, einen negativen Beweis erbringen zu sollen. Indes hatten Sie von einer „bösartigen Lüge“ gesprochen, obwohl es sich um belegte Fakten aus der Humanmedizin handelt.

Mir scheint, als unterlägen Sie hier wiederum (oder immer noch?) einem Mißverständnis: Fruchtwasseruntersuchungen können während der gesamten Dauer der Schwangerschaft durchgeführt werden; auch war oben vom fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft die Rede. Daß Ungeborene in verschiedenen Stadien der fötalen Entwicklung hören und sehen können, ist bereits seit längerer Zeit nachgewiesen; die Materie ist mir durchaus vertraut.

Ein Geschöpf braucht kein Wissen um sich selbst zu haben, um Sinneswahrnehmungen zu empfinden und verarbeiten zu können. Ungeborene Kinder hören Musik und laute Außengeräusche, sie erkennen die Stimme ihrer Mutter, reagieren auf Lichtreize. Sie können optische Reize wahrnehmen und zumindest einige von ihnen reagieren auf das Eindringen einer Hohlnadel in die Fruchtblase.

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