Samstag, 1. September 2012

Berliner Kieze und die Ringparabel

In der Berichterstattung über den in Berlin angegriffenen Rabbiner und seine Tochter habe ich, neben aller berechtigten Betroffenheit, nun mehrmals die Forderung gelesen, eigentlich sollten zur Solidarität alle eine Jarmulke tragen. Ich bitte, das jetzt nicht falsch zu verstehen, aber man braucht nicht aus Solidarität mit dem angegriffenen Rabbiner eine Jarmulke tragen – unter gewissen Umständen reicht ein Kreuz. Daß es sich bei den Angreifern „vermutlich“ um Araber gehandelt haben soll, ist mir übrigens neu, in den ersten Berichterstattungen war eindeutig die Rede von Arabern; ich hatte mich nämlich gewundert, daß es diese Formulierung überhaupt in die Medien geschafft hat. Sprich, hier haben Menschen, die vor gar nicht so langer Zeit selbst in Deutschland gastliche Aufnahme gefunden haben, andere ihres Glaubens wegen bedroht und mißhandelt. Insofern sind meiner Ansicht nach Schuldreflexe à la „daß es das in Deutschland schon wieder gibt“ nicht am Platz.

Es geht hier um mehrere Probleme. Es gibt zum einen das Phänomen, daß es immer wieder einmal – und keineswegs auf hier und jetzt beschränkt – Menschen gibt, die alles und jedes zu hassen scheinen, das anders ist als das, was sie selbst sind, seien es nun Juden, Katholiken, Christen im allgemeinen, Schwarze, Schwule, Ausländer, „die Ungläubigen“, alles Religiöse überhaupt, Nicht-WASPs, Asiaten, man könnte wahrscheinlich noch lange weitermachen. Ob das nun die Aryan Brotherhood ist, der Ku-Klux-Klan, die American Party oder Banden arabischer Jugendlicher – es bleibt sich gleich und die Ursachen bleiben sich vielleicht auch gleich, man weiß es nicht. Sich fremdzuschämen oder die Empfehlung auszusprechen, daß Juden besser keine Jarmulke trügen, hilft da meines Erachtens nicht weiter, man muß dem Haß etwas entgegensetzen.

Dann haben wir es hier mit einer Religion zu tun, bei denen einige, keineswegs alle, Moslems aus dem Koran einen Abscheu gegenüber Juden und Christen ableiten. Diese Gefahr muß man sehen und darüber muß man offen sprechen dürfen. Umständehalber begegnen mir öfter Kinder und Jugendliche, in deren Gegenwart man es eigentlich nur mit Ohrstöpseln aushält, denn jedes zweite Wort ist: „du Christ, du Opfer, du Schwuchtel, du *****sohn!“ – nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge. Natürlich gibt es nicht nur solche, aber diese fallen halt auf, schon weil mir bis dahin nicht bekannt war, daß das Wort Christ als Schimpfwort gebraucht wird. „Du Opfer“ ist natürlich höchst bezeichnend.

Der Tante-Emma-Laden, den ich frequentiere, weil dort eine Packstation ist, wird von einer sehr netten alevitischen Familie geführt. Der Inhaber grüßt mit „Salem aleikum“, ich grüße zurück mit „Grüß Gott“, und alles ist schön. Neulich haben der Bruder des Inhabers und ich zusammen mit einem atheistischen älteren Herrn eine Diskussion über den Sinn des Lebens und die Theodizeefrage geführt (wobei mich der Alevit um Beistand gebeten hat, sonst hätte ich mich womöglich nicht reingehängt. Anschließend haben wir uns gegenseitig unseren Dank ausgesprochen.)

In dem Internetcafé, das sich ebenfalls dort befindet, halten sich manche Kinder und Jugendliche anscheinend den ganzen Tag auf. Fallen Ausdrücke wie die obigen zu oft, werden diejenigen kurzerhand vor die Tür gesetzt. Allerdings, das weiß ich von den Inhabern, kommen dann die Eltern dieser ausnahmslos männlichen Herzchen (die es mit „mein“ und „dein“ im übrigen auch nicht so genau nehmen, indem sie den ein oder anderen Kopfhörer aus dem Café einfach mal mitgehen lassen) und beschweren sich. Eines der Probleme, die wir haben, ist meiner Ansicht nach, daß seit einiger Zeit Kinder hier aufwachsen, die nicht erzogen werden und deren Eltern offenbar auch nicht möchten, daß wenigstens ansatzweise Erziehungsversuche an ihnen unternommen werden.

Als ich am Fest der Enthauptung des Täufers die Blumen für den Altarschmuck unten gepflückt habe, kam eine Frau an mir vorbei, die angesichts des Kreuzes vor mir ausspuckte und mich als „Nazi“ beschimpft hat (letzteres passiert ja leicht auch mal beim Marsch für das Leben). Das ist natürlich mit einem körperlichen Übergriff nicht zu vergleichen, indes ist es symptomatisch. Im Zweifel würde ich demjenigen zu seinen Gunsten unterstellen, daß er vielleicht ohnehin nicht alle Tassen im Schrank hat. Die Beschimpfung als „Nazi“ wird im allgemeinen meiner Vermutung nach gewählt, weil man damit die Leute hierzulande wohl am ehesten auf die Palme bringt. Da ich Blumen gepflückt hab und daher gute Laune hatte, hat es nicht geklappt mit der Palme, das Ausspucken vor dem Kreuz allerdings gab mir zu denken – an die Bergpredigt.

Am Tag vor dem Papstbesuch war ich auf einer Wallfahrt. Auf dem Weg dorthin (mit Schleier) kam mir einer der orthodoxen Lubawitscher entgegen, die ich sehr gern mag. Irgendwie ging mir bei der kurzen Begegnung auch flüchtig durch den Kopf, daß das jetzt ein schönes Foto abgeben würde: er mit Jarmulke, Hut und Ohrlocken und ich mit dem christlichen Schleier. Und schon war er vorüber. Warum geht sowas mit den erwähnten Arabern nicht? Warum können die sich nicht ihr Häkeldings[1] auf den Kopf setzen und Moslems sein, ohne daß alle anderen zugleich auch Moslems sein müssen? Das ist etwas, worüber wir hierzustadt reden müssen, nicht nur über Antisemitismus. Die Ringparabel aus Nathan der Weise läßt grüßen. Es ist ganz natürlich, daß jeder seinen Ring für den einzig echten hält, und von mir aus kann es dabei auch mehr als drei Ringe geben. Wichtig ist jedoch, daß man dem jeweils anderen überhaupt zugesteht, einen Ring zu tragen, der möglicherweise anders aussieht als der eigene.

Dem hiesigen Kiez kommt meiner bescheidenen Meinung nach Multikulti gerade dahingehend zugute, daß es in der letzten Zeit außer vorwiegend muslimischen Zuzügen auch vermehrt solche anderer Glaubensrichtungen gegeben hat: da gibt es christliche Afrikaner in pompösen Sonntagskleidern, die um die Ecke eine Gemeinde aufgemacht haben, Zuzügler aus Osteuropa, die vorwiegend Orthodoxe oder Juden sind (wenn sie denn eine Konfession haben), ein Gutteil Chinesen und sogar Hindus, denn derzeit entsteht hierherum ein Hindutempel. Dies kann nur gut sein, denn Fakt ist: wir müssen (und wollen) hier alle miteinander auskommen und wollen in Gerechtigkeit und Frieden leben.

___
[1] Tut mir leid, ich weiß nicht, wie es heißt.
Bild: Benedetta Anghieri

Kommentare:

Bellfrell hat gesagt…

Sehr interessant und ein Zeichen von Größe ist das Interview mit dem Rabbi in der "Jüdischen Allgemeinen"

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/13895

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke für den Hinweis, das war wirklich gut zu lesen.

Admiral hat gesagt…

Zu [1] wollte ich Dir jetzt den Namen liefern, komme aber nicht weiter als "Weiße Häkelmütze". :-)

http://www.oriental-style.de/index.php/de/Weisse-Haekelmuetze/c-KAT70/a-ART-NR.%3A%20U10?sidB3530DC5254946C4A40AEE4DB45123F8=8143sgr5687qqh1p1m5902hpq7

Braut des Lammes hat gesagt…

Falls ich richtig recherchiert habe, heißt sie womöglich "Takke". "Häkeldings" schient allerdings nicht ganz verkehrt gewesen zu sein.

Anonym hat gesagt…

Liebe Braut des Lammes,

ich möchte dir etwas zur Ringparabel sagen bzw. zum Ring selbst, um den es ja in dieser Geschichte geht.

Zunächst einmal ist er tatsächlich verloren, das ist etwas was einige Menschen die ihre Identität in Religion oder Nation oder z.B einer Sportart suchen akzeptieren bzw. erleiden müssen.

Auch GOTT müssen wir seinen freien Willen lassen zu kommen und zu gehen wie er will, egal welchen Namen wir ihm geben oder welches Bild wir uns von ihm machen. Nicht einmal ein Bild
hinterläßt er, nicht einmal seinen Ring könnten wir sagen.

Wer dies nicht übt,
wer nicht übt auch GOTT so sein zu lassen in Freiheit, der wird nicht erleben wie schön es ist einen Ring an den Finger gesteckt zu bekommen als Zeichen dafür nicht mehr verloren zu sein,
sondern wiedergefunden zu sein
von GOTT selbst.

Der 1. September ist mein Hochzeitstag, Hochzeitsmahl ist das Bild der Christen für den Himmel. In diesem Bild gehen auch Muslime Hand in Hand und wer seine Hand als erster ausstreckt wird vermutlich leider der letzte sein, wenn sich der Ring um die ganze Welt ersteckt und schliesst.
und damit

Braut des Lammes hat gesagt…

Lieber Anonymous, dein Bemühen in allen Ehren, aber was hat das außer dem Wort Ring noch mit meinem Beitrag zu tun? Im Himmel mögen auch Muslime Hand in Hand gehen – ich wüßte auch nicht, daß jemand etwas anderes festgestellt hätte.

Hier geht es darum, daß einige Moslems anderen die irdische Freiheit nicht zugestehen, sei es die des Glaubens, des Gewissens oder sogar die körperliche Freiheit, von der körperlichen Unversehrtheit gar nicht zu reden. Wie bemerkt: Es ist ganz natürlich, daß jeder seinen Ring für den einzig echten hält, und von mir aus kann es dabei auch mehr als drei Ringe geben. Wichtig ist jedoch, daß man dem jeweils anderen überhaupt zugesteht, einen Ring zu tragen, der möglicherweise anders aussieht als der eigene. Spätestens da, wo Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt werden, fehlt dieses Zugeständnis.

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