Mittwoch, 12. September 2012

Berlin, Berlin

Als Einsprengsel zum Thema Ökumene: den begehbaren Stadtplan vor dem Berliner Dom hab ich mir mit Freunden letztens vor allem deshalb angesehen, weil ich dieses Gullivergefühl beim Begehen derartiger Dinge irgendwie mag und sicher keine andere Möglichkeit gefunden hätte, einmal über den Wannsee zu wandeln.

Es ist dies ein Projekt zum 775jährigen Jubiläum der Stadt Berlin, das unter dem Gesichtspunkt der Zuwanderer „zu einer Zeitreise in nur wenigen Minuten einladen“ soll. Wohlan – „wenige Minuten“ ist selbsterklärend bei einem Maßstab von 1:775 (bei der Angabe, wie groß der Plan ist, mußte wieder einmal das berühmte Fußballfeld herhalten. Warum man heute alles in Fußballfeldern mißt, bleibt eines der Geheimnisse der modernen Urbanologie. Es ist scheints irgendeine Entsprechung zum antiken Fußmaß). Auf dem Miniberlin sind über hundertfünfzig Orte markiert, an denen sich früher oder heute vorwiegend Zuwanderungsgeschichten abgespielten.

Wie man sieht – oder ahnt – stecken die meisten dieser Stäbe mit bunten Bällen, die Stecknadeln darstellen sollen, im Bezirk Mitte. Wie wir bei der Gelegenheit auch feststellen durften, fiel dabei für die Hedwigskathedrale, die nicht nur seit 1930 Sitz des Bischofs von Berlin, sondern auch die älteste katholische Kirche Berlins ist (nach der Reformation selbstverständlich, vorher waren sie natürlich alle katholisch), weder ein Nädelchen noch ein erläuternder Text ab. Das nahm uns vor dem Hintergrund, daß die Karte, wie auf einer eigenen Schautafel explizit erklärt wird, auch das religiöse Leben in Berlin im Kleinformat abbilden soll („Was glaubt Berlin – Religionen in der Stadt der Vielfalt“), nun wirklich wunder. Zumal auch das buddhistische Haus in Frohnau – sehr nette Menschen übrigens, die Mönche dort – und die afrikanische Gemeinde in Rixdorf markiert sind.

Der erläuternde Text zu „Was glaubt Berlin?“ erscheint mir allerdings geradezu hanebüchen (tut mir leid, als Proof Reader kann ich einfach nicht aus meiner Haut heraus):
Berlin ist – neben allen Debatten um Religion und Zugehörigkeit – eine Stadt religiöser Vielfalt. Christliche Gemeinden, Juden und Muslime jeglicher Couleur [ähm…], Buddhisten, Hinduisten und viele andere haben hier einen Ort für sich und ihren Glauben gefunden. Diese religiöse Vielfalt gibt es nicht schon immer: Erst Ende des 20. Jahrhunderts [sic!] kommt es durch die katholische Zuwanderung ins protestantische Berlin zum Bau katholischer Kirchen. Berlin ist eine Stadt religiöser Toleranz, aber auch ein Ort wiederholter Pogrome gegen Juden. [warum hier Präsens? Werden weitere Pogrome erwartet?]
Berlin – die letzte Bastion der Protestanten? Immerhin erst anno Domini 2000 gefallen. Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich.

„Hugenotten, Böhmen, osteuropäische Juden, Arbeiter aus Südeuropa, Kriegsflüchtlinge, Werkvertragsarbeitnehmer, Aussiedler und seit dem Mauerfall junge Künstler zog und zieht es nach Berlin“, textet der Focus – in der Tat, und auch Katholiken zog es seinerzeit nach Berlin, denn eigens für die vielen schlesischen Zuwanderer hat Friedrich II. 1747 ja eine katholische Kirche im im evangelisch-preußischen Berlin errichten lassen, auf daß auch diese nach ihrer Façon selig werden durften. Das wäre also nun wirklich eine Stecknadel wert gewesen. Wir haben zu dritt danach gesucht und sie nicht gefunden. Schade!

Wahrscheinlich sind sich bei der Planung und Erstellung der Karte wiedermal alle wahnsinnig ökumenisch und multikulturell vorgekommen. – Der Stadtplan ist noch bis Ende Oktober vor dem Berliner Dom zu bereisen. Vielleicht findet sich noch irgendwo eine Stecknadel für die älteste katholische Kirche Berlins und Mutter aller Kirchen des Bistums? (Wir bräuchten eigentlich nur einen farbigen Ball, eine drei Meter lange Stange und vielleicht einen halben Eimer Tipp-ex…)

Kommentare:

ultramontanus hat gesagt…

Wegen »Proof Reader«: Das Wort ist Pogrom (russisch).

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke, habs ausgebessert! Leider machen auch Proof Reader Fehler und brauchen daher einen solchen.

ultramontanus hat gesagt…

Ich habe heute eine 50-seitige Niederschrift einer Ausschussreise fertiggestellt. Meine Schreibkraft muss geschlafen haben. Wohl drei Mal hat sie "für" geschrieben, wo ich "wir" diktiert hatte und mindestens ein Dutzend ähnlicher Fehler, sodass die Sätze überhaupt keinen Sinn mehr hatten. Aus dem russischen Primorsk wurde an einer Stelle Bremhorst (wo bei St. Petersburg soll denn "Bremhorst" liegen?), dabei hatte ich den Namen extra aufgeschrieben beigefügt. Irgendwann wird man dann selber weich in der Birne, wenn man das Korrektur liest.

nachtwache hat gesagt…

Soweit ich weiß, hat schon der Soldatenkönig, Friedrich Wilhelm I., der Vater des "Alten Fritz " (=Friedrich II.)für die Katholiken unter seinen Soldaten in der Berliner Krausenstr. in einem Magazin eine Raum für den Gottesdienst herichten lassen.
Und vorher gabs auch Katholiken, mehr oder weniger im Untergrund.
Meine Information stammt aus dem sehr lesenswerten Roman von Jochen Klepper "Der Vater" ( das ist der Dichter, von dem unter anderem "Die Nacht ist vorgedrungen" im Gotteslob zu finden ist ). Und bestätigt im dem Buch:"Erzbistun Berlin" von Harald Schwillus und Matthias Brühe.
Ist den der jetzige Regierende Bürgermeister nicht Katholik? Vielleicht kann man ihn mal ansprechen, ob er diese Gläubigen nicht für erwähnenswert hält..

Braut des Lammes hat gesagt…

„Progrom“ hätte mir allerdings auffallen sollen – was sollte denn auch das „pro“ an der Stelle bedeuten? Eigene Fehler finde ich meist nach dem Ausdruck, beim Bloggen druckt man halt oft nicht vorher aus. Danke für die historische Info, Nachtwache, das mit dem Raum in der Krausenstraße wußte ich nicht. Was das Projekt angeht, könnte man vielleicht wirklich noch nachbessern.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...