Dienstag, 18. September 2012

Atonement – Fegefeuer und Sühne

Die Verfilmung von Ian McEwans Atonement war gestern auf Arte zu sehen. Trotz aller schönen Bilder ist es letztlich eine niederdrückende Geschichte. „Was ist Wahrheit?“, könnte man mit Pilatus fragen, denn es ist schwierig, aus dem Konglomerat verschiedener Blickwinkel einen herauszufinden, der der echte sein könnte. So bleibt am Ende eher die Feststellung, daß es womöglich verschiedene Wahrheiten gäbe, nämlich die, die jeder der Handelnden jeweils dafür hält.

Der Titel Atonement, ein Wort, das wir eher mit Sühne als, wie geschehen, mit Abbitte übersetzen würden, klingt vertraut in katholischen Ohren. Die junge Briony wählt dazu den harten Weg, etwas aufzugeben, was sie gerne getan hätte (in Cambridge zu studieren), um etwas zu tun, was sie eigentlich nicht tun will: in einem Londoner Krankenhaus Schwesternschülerin zu werden. So gerät sie als Probeschwester im Lazarett in die Wirren des ausbrechenden zweiten Weltkrieges. Indem sie die Arbeit auch unter widerwärtigen Bedingungen nicht aufgibt, beweist sie Stärke. Diese scheinen Teil ihrer Buße, die sie als so unabänderlich hinzunehmen scheint, wie die im Purgatorium – man weiß nicht, wie lange es dauert und hat jede Menge Zeit, über die eigenen Fehler und Unvollkommenheiten nachzudenken.

Die Frage, die mich während des ganzen Films und auch danach erstmal nicht verlassen hat, ist die, inwieweit man überhaupt von Schuld sprechen kann? Ein sehr junges Mädchen sieht etwas, das es für etwas ganz anderes hält – und damit ist die Szene am Brunnen gemeint, nicht die in der Bibliothek! Eigentlich sieht sie es nicht einmal wirklich, sondern wirft nur einen kurzen Blick darauf, ebenso wie später bei dem Ereignis am gegenüberliegenden Flußufer, in dem sich für sie der Anblick in der Bibliothek und der unmittelbare untrennbar zu vermengen scheinen. Daraus entsteht ein Verhängnis.

So ist der Mann, den die dreizehnjährige Briony in der Dunkelheit am andern Flußufer zu sehen glaubt und der (für eine kurze Viertelstunde) der Liebhaber ihrer Schwester war, ihr geheimer Schwarm und zugleich ihre erste Liebe. Daß dieser nicht sie, das Kind, sondern die ältere Schwester liebt, die auch noch schön ist, fügt einen Faden Eifersucht und Auch-haben-wollen zu dem Gewebe unterschwelliger und offen zutage tretender starker Gefühle hinzu. Als sie ihre romantische Phantasie, von ihm aus Todesgefahr gerettet zu werden, unmittelbar umsetzt, schreit er sie an – weil er sich sehr erschrocken hat, verständlich für den Betrachter. Briony dagegen erschrickt darüber selbst heftig – ihr Unbewegtsein ist nur äußerlich. Was auch erklärt, wieso die Dreizehnjährige erstmal einen zweideutigen und unseligerweise vom Absender vertauschten Brief des vermeintlichen Sittenstrolchs aus der Schmuckschatulle ihrer Schwester herauskramt, um ihn den Eltern und damit der Polizei in die Hände zu geben.

Auch hier wie bei der verhängnisvollen Aussage vor der Polizei, kann man sich die Frage stellen, ist das eigentlich Schuld? Eine Aussage vor der Polizei zu machen, von der Briony erst Jahre später in einem Moment, in dem es ihr wie Schuppen von den Augen fällt, erkennt, daß sie so nicht stattgefunden hat? Der Mann von damals war ein anderer.

Man ist geneigt zu sagen, Briony hätte damals lieber sagen sollen, daß sie den Mann nicht erkannt habe, indes weiß der Zuschauer eigentlich nicht, ob das für sie wirklich so war oder ob sie den Bruchteil eines kurzen Anblicks nicht vielmehr so gründlich vergessen hat, daß das Bewußtsein die Lücke mit etwas anderem gefüllt hat, das wahrscheinlicher schien oder vom Unterbewußtsein mehr gewollt wurde – ohne die fatalen Konsequenzen zu erkennen, die das mit sich bringen würde.

Der vermeintliche Täter kommt ins Gefängnis und erst frei, als er vor die Wahl gestellt wird, entweder weiter eine ungerechte Strafe zu verbüßen oder als Soldat für England zu kämpfen. Die ältere Schwester wird Krankenschwester, Briony bleibt wohl mit ihren Eltern auf dem viktorianischen Landsitz ihrer Familie zurück. Sie alle scheinen bereits in einer Art Zwischenwelt zu leben, der des beständigen Wartens.

Briony enthüllen sich die eigentlichen Zusammenhänge nur allmählich, und das, was sie für ihre Schuld, für die Konsequenz einzig ihres Handelns ansieht, begleitet sie ihr ganzes Leben. Selbst bei dem, was sie für die Auswirkungen ihres Tuns hält, ihre Schwester und deren Geliebten um ihre gemeinsame Zukunft gebracht zu haben, habe ich mich gefragt, ob es nicht vielleicht ohnehin so gekommen wäre: er im zweiten Weltkrieg an der Front in der Normandie und Celia derweil ebenfalls als Krankenschwester im bombardierten London? Alles, was danach kommt, hätte sich so auch ohne die Ereignisse im Sommer 1935 zutragen können.

Beim Lesen der Inhaltsgabe des Films habe ich mich später schon irgendwie gefragt, ob wir wirklich denselben Film gesehen haben?
Weil sie durch eine bewußte Falschaussage den nicht standesgemäßen Liebhaber ihrer älteren Schwester ins Gefängnis bringt, zerstört eine altkluge 13-jährige Möchtegern-Schriftstellerin im England der 30er Jahre das Leben und die Liebe zweier Menschen.
Nein, so einfach ist es nicht mit der Frage nach Schuld und Wahrheiten oder dem, was man dafür hält. Es beginnt schon damit, daß ich mich wundere, warum Briony an dieser Stelle eine „altkluge Möchtegernschriftstellerin“ genannt wird. Nur weil ein phantasievolles und begabtes Mädchen offenbar nicht den Vorstellungen entspricht, die der Schreiber dieser Zeilen sich von einer Dreizehnjährigen im Jahre 1935 (oder überhaupt) gemacht hat, braucht sie ja noch nicht altklug zu sein. Und auch „Möchtegernschriftstellerin“ trifft nicht zu, in der Tat ist sie es, ihr ganzes Leben lang. Sogar als Probeschwester im Lazarett schreibt Briony: die Ereignisse des Sommers 1935 und der Jahre danach bestimmen ihr ganzes schriftstellerisches Schaffen. Atonement ist eher der Stoff, aus dem fruchtbare Beichtgespräche oder Psychoanalysen sind. Ein Film, der zugleich die existentiellen Fragen berührt: woher komme ich, wohin gehe ich? Liegt irgendein Sinn im Schönen, im Leiden, im Streben des Menschen nach dem Guten?

Nach The comfort of strangers ist Atonement jedenfalls die zweite Verfilmung eines Romans von Ian McEwan, die ich für ausgesprochen sehenswert halte. Die schöne und stellenweise kühle Optik der dreißiger und vierziger Jahre tut ein übriges dazu.[1] Die rauchenden Trümmer von Dünkirchen mit ihrem Mord und Totschlag an Mensch und Tier wirken dagegen wie etwas, das direkt aus Dantes Inferno kommen könnte.

Noch beim Schlußmonolog – ein Kurzauftritt von Vanessa Redgrave, die dafür natürlich und zu Recht ein „and“ bekommt – ist nicht klar, ob die Schrifstellerin Briony Taliss mit ihrer Aussage, sie habe ihrer Schwester und Robbie durch ihr literarisches Werk die Zukunft verschafft, die sie im Leben nie hatten, nicht einer weiteren Selbsttäuschung unterliegt. Sie nennt dies einen „Akt der Güte“, wiewohl nichts, aber auch gar nichts jemals etwas daran ändern kann, daß die beiden unabänderlich tot und ihre Leiber zerfallen sind. Sie haben keine Zukunft gehabt und werden hienieden keine haben. Und wieder ist man bei der Pilatusfrage: was ist Wahrheit?

Jedenfalls ein Film, der den Betrachter mit vielen Fragen zurückläßt, indes keine Geschichte „ohne Hoffnung“, wie Briony sie im Rückblick nennt. Es gibt Hoffnung, die in der Läuterung liegt, sogar im Prozeß der Läuterung selbst, auch wenn man sie unter Umständen nicht sieht, solange man sich darin befindet. Die Hoffnung ist, daß man aus diesem Prozeß als ein anderer hervorgeht, daß die Buße, die man sich auferlegt oder die einem auferlegt wird, eines Tages wirklich Sühne sein kann. Sie ändert zwar am Geschehen oder an den begangenen Fehlern nichts mehr, trägt aber zur Heilung bei. Die Hoffnung, daß Schmerz und Leid letztlich einen Sinn haben, den wir vielleicht nicht erkennen können, wenn wir uns darin befinden, daß das Gute in uns den Schmelzofen des Leidens überdauert und sich als Gold erweist.
___
[1] Kleider wie Keira Knightley und die kleine Briony sie tragen, sehen wirklich nur an Frauen gut aus, die (noch) überhaupt keine Figur haben, hab ich mit gewisser Faszination festgestellt.

Kommentare:

Admiral hat gesagt…

Och, Mist! Verpasst!

Braut des Lammes hat gesagt…

Falls du eine Möglichkeit zur Aufnahme hast: am 28. September nachmittags 14:25 Uhr gibts noch eine Wiederholung.

. hat gesagt…

arte+7?

Anonym hat gesagt…

oh wow... ich finde deinen Beitrag zu dem Film unglaublich gut.
Vor Kurzem erst habe ich in einer Zeitschrift einen längeren Artikel darüber gelesen. Ich selbst habe den Film noch nicht gesehen weil mich solche Geschichten immer ein wenig... emotional... oder sagen wir lieber wütend machen.

Gruß
Alexis

Admiral hat gesagt…

Danke. Grad programmiert.

Braut des Lammes hat gesagt…

Das interessiert mich: warum wütend, Alexis?

Anonym hat gesagt…

Ungerechtigkeiten machen mich immer wütend. Gerade solche Situationen wenn Menschen falsch beschuldigt werden. Ich denke dann tagelang darüber nacht. Aber natürlich ist die Geschichte deutlich vielschichtiger.

Gruß
Alexis

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