Sonntag, 19. August 2012

Für die einen sind es Pferdeäpfel, für die anderen die längste Praline der Welt

Bild: Peter Bachmann
Zwar war ich in Bezug auf die Störaktion der Gruppe Pussy Riot (wie können sich Frauen selbst so einen Namen geben?) schon der Ansicht, für so etwas steckt man Leute nicht sieben Jahre in den Kahn. Die angebliche oder tatsächliche weltweite Empörung über das Urteil wundert mich wiederum. Manchem ist es anscheinend schon ein Ärgernis, daß es überhaupt zu einer Verurteilung kam.

In Berlin hatten wir durchaus auch schon mit Kirchenstörern zu tun, ich denke da an das Sonntagshochamt vor Jahren, in dem ein Mann nach vorne schritt und sich vor der Altarinsel elementarster Kleidungsstücke zu entledigen versuchte bzw. auch entledigt hat. Den haben die Ministranten hinausgetragen (auch ich hatte ein Bein und muß sagen, angenehm ist sowas nicht, wenn demjenigen die Hose zwischen den Knöcheln schlackert). Der Weihbischof em. war hinterher übrigens so nett, mir eine Abschrift seiner Predigt zukommen zu lassen, denn einen größeren Teil davon hatte ich leider verpaßt. Halbwegs drollig an der Geschichte war allenfalls einer der Polizisten, der sich bei der Abholung des Störers in der Sakristei angesichts mehrerer Menschen in Chorkleidung und eines Bildes von Papst Benedikt an der Wand erkundigte, welcher Konfession die Kathedrale denn zuzurechnen sei?

Dann gabs noch den bekannten Kirchenstörer Roy, dem es in der Kathedrale immerhin gelungen ist, eine kostbare Hostienschale aus Jade zu zertrümmern. Roy habe ich nochmals in Aktion gesehen, als er in Mainz bei der Gabenbereitung das Altartuch wegriß, so daß alles, was sich auf dem Altar an Kelchen und Schalen befand, holterdipolter durcheinanderflog. Dem zelebrierenden Kardinal Lehmann stand der Schock darüber deutlich ins Gesicht geschrieben – an sich ist sowas auch geeignet, Leute zu verstören, sonst täten diese Menschen es ja nicht.

Roy ist für diverse Störaktionen (über 50, um genau zu sein, und nicht nur in Kirchen) übrigens zu einer Haftstrafe verurteilt worden, von der er mehrere Monate abgesessen hat – und hat dann damit aufgehört. Einsicht im Gefängnis oder Lernen durch Schmerz, wer weiß, jedenfalls scheint es dauerhaft geholfen zu haben. Auf Einsicht vor der Verurteilung zu einer Haftstrafe hatte man hier übrigens jahrelang vergeblich gehofft.

Und das ist ein Punkt, wo ich die tatsächliche oder vermeintliche weltweite Empörung, bei der man abwechselnd „tief enttäuscht“ oder „besorgt“ ist, wirklich nicht verstehe: da begeht jemand in aller Öffentlichkeit, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und absichtlich eine Straftat, die geeignet ist, religiöse Gefühle zu verletzen, Leute zu schockieren und unter Umständen sogar gesundheitlich zu gefährden: wenn da plötzlich eine oder mehrere Figuren den Altarraum stürmen, kann man nicht wissen, wie das ausgeht. Wie kann man daher jetzt derart empört sein, daß das tatsächlich Konsequenzen hat? Die ZEiT spricht im Auslandsteil von der Furcht vor allem Liberalen, unerwünschter Kirchenkritik und einem „Verhängnis“, das Pussy Riot getroffen habe. Erlaube, ein Verhängnis ist etwas, auf das ich selbst keinen Einfluß habe, weshalb es mich trifft. Solcherart Vermengung von Begriffen, bei der man Äpfel und Pferdeäpfel zusammenlegt und am Ende alles irgendwie „Obst“ genannt wird, ist äußerst unglücklich. Man muß schon die Äpfel Äpfel nennen und eine solche Straftat Exkrement.

Und nein, durch die Kunstfreiheit sind solche Aktionen nicht abgedeckt, ansonsten wäre ja jedem Eierwerfer und Fahrraddieb zuzuraten, seine Handlungen nächstens als Performance zu deklarieren.

Kommentare:

Juergen hat gesagt…

Es gab "weltweite" Proteste. Die ganze Welt ging in Massen auf die Strasse – so könnte man annehmen, wenn man die Medien liest/hört/...

In Berlin demonstrierten knapp 200 Empörte, in Hamburg 100, in London 20, in Dublin 3, und in der Ukraine sägte eine barbusige Blondine ein orthodoxes Holzkreuz ab und verschwand dann im Gebüsch.
http://www.pi-news.net/2012/08/pussy-pussy-pussy-riot-riot-riot/

kalliopevorleserin hat gesagt…

Prinzipiell stimme ich zu.
Allerdings sind diese Frauen wohl Ersttäterinnen, und sie haben nichts kaputtgemacht und niemanden körperlich verletzt.
Die Aktion war blöd, gemein, dumm, sinnlos und sehr ärgerlich, aber das Urteil finde ich viel zu hart. Ob sie durch eine Bewährungsstrafe oder eine Geldbuße oder ein paar Wochen Sozialarbeit auf den Boden der Tatsachen gekommen wären? Das wird man nun nie wissen, weil man nicht gewagt hat, es einfach mal zu versuchen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Hmm. Allerdings hatten sie, seitdem sie in U-Haft waren, ja durchaus Gelegenheit, etwas in sich zu gehen und, wenn es zur vollkommenen Reue nicht reicht, sich zu überlegen, was eine Verurteilung für sie und ihre Kinder bedeutet. Von irgendeinem Unrechtsbewußtsein kam meines Dafürhaltens wenig herüber, religiöse Gefühle sollten angeblich gar nicht verletzt werden, und zugleich wurde die Tat verteidigt.

Man muß in die Bewertung auch einfließen lassen, daß der Altarraum für Katholiken wie Orthodoxe sakrosankt ist. Auch wenn dabei glücklicherweise niemand zu Schaden kam, war die Aktion einigermaßen drastisch und die Angeklagten haben das im Vorhinein erkennen können, sonst hätten sie sich ja nicht vor der Ikonostase aufgebaut.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Hätte man Milde walten und Gesindel laufen oder mit ein paar Stunden Pseudo-Sozialarbeit von dannen ziehen lassen, hätten das die drei Damen und deren Anhang als Sieg für die eigene Sache ausgelegt. Deshalb - aber auch, weil einer Strafe auch stets ein sühnendes Moment innewohnt - war eine Verurteilung in einem Fall, der unzweifelhaft einen Straftatsbestand birgt, fällig.

Ich gehe ja auch nicht ins Willy-Brandt-Haus, um öffentlichkeitswirksam an die Bronzestatue des Hauspatrons im Foyer zu seichen, nur weil mir die aktuelle Politik generell nicht passt. Täte ich's aber, dürfte ich mich nicht wundern, wenn solches Verhalten sanktioniert wird.

PS ... angenehmeres Thema: Dreifache Gratulation! :-)

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke. :) ) BTW: neun Leuchter auf dem Hochaltar in St. Antonius? Wow!

Cassandra hat gesagt…

"Dont do the crime if you can't to the time" hiphopte ein Gansta-Rapper, dessen Name mir entfallen ist wenn ich ihn jemanls wusste.

Im russischen Strafsystem Reformen anzumahnen ist mAn überfällig. Von aussen kann man da zwar nur begrenzt was tun, aber es ist besser als nichts. Zwangsarbeit, Lagerhaft etc sind wirklich nicht mit modernen Strafvollzugsprinzipien übereinzubringen. Aber um die geht es ja in der medialen Auseinandersetzung gar nicht oder nur am Rande. Mich erstaunt, wass reihenweise Politiker&Co sagen, dass alleine die Stafverfolgung einer "völlig friedlichen künstlerischen Protestaktion" demokratischen Grundsätzen widerspricht. Ja, täte es, wenn besagter künstlerischer Protest nicht dummerweise in einer Kirche stattgefunden hätte. Das wäre auch in Deutschland strafbar (wie man in Köln sehen kann). Diesen Umstand so systematisch zu ignorieren spricht nicht unbedingt für gründliche Auseinanderstetzung mit der Tat selber oder bundesdeutschen Gesetzen.

Angesichts der fehlenden Reue, Bemühungen zur Wiedergutmachung etc würde es in Deutschland schwer sein, mildernde Umstände geltend zu machen. Bei einer Maximalstrafe von 7 Jahren in Russland sind diese mildernden Umstände aber anscheinend geltend gemacht worden. Sollte auch erwähnt werden.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...