Freitag, 10. August 2012

Freiheit diesseits des Gitters – Laurentia McLachlan OSB

Statio im Kreuzgang der früheren Abtei
 Stanbrook in Worcester
Die englische Benediktinerin Dame Laurentia McLachlan nannte ihren Namenspatron, den heiligen Diakon Laurentius von Rom, ein schönes, aber anspruchsvolles Vorbild. Mitten in den Hundstagen fröhlich scherzend auf einem glühenden Rost zu liegen, sei nicht jedermann gegeben. Nun, das war natürlich very british in Bezug auf einen solchen Tod, sagt aber etwas über den Charakter der Namensträgerin aus. Auch der hl. Laurentius soll der Überlieferung zufolge über eine gewisse Portion schwarzen Humors verfügt haben, indem, als er auf dem glühenden Rost lag, er seinen Henkern zurief, sie möchten ihn wenden, auf der einen Seite sei er durch.

Dame Laurentia muß eine eindrucksvolle Persönlichkeit gewesen sein: von ihren siebenundachtzig Lebensjahren verbrachte sie siebzig in der Klausur der Benediktinerinnenabtei von Stanbrook. (Dame Laurentia starb 1953: damals gab es auch bei den Benediktinerinnen noch Gitter und die Schwestern verließen die Klausur weit seltener. In manchen Klöstern, die die Klausurgitter entfernt haben, ist in den Sprechzimmern durch Löcher und hellere Stellen in den Dielen des Fußbodens noch erkennbar, wo es früher einmal verlief.)

Am 5. September 1884 wurde die achtzehnjährige Margaret McLachlan vor dem Hochaltar von Stanbrook eingekleidet und erhielt dabei den Namen Laurentia, weil man im Konvent unbedingt wieder eine Laurentia wollte. Nachdem sie den Brautzug zur Klausurtür geführt hatte, schloß sich diese für Sr. Laurentia, um sich nie wieder zu öffnen.

Einer ihrer bekanntesten Freunde, der Schriftsteller George Bernard Shaw, bezeichnete Dame Laurentia einmal als klausurierte Ordensfrau mit einem nicht-klausurierten Gemüt. Nach seinem ersten Besuch am Klausurgitter von Stanbrook wollte Shaw das Kloster wegen allgemeiner Aversion gegen Klöster eigentlich kein zweites Mal aufsuchen. Nachdem er erfahren hatte, Dame Laurentia[1] lebe bereits seit über fünfzig Jahren dort, beschloß er, möglichst oft hinzufahren. In der Tat schickte er zudem von überallher auf der Welt Briefe an die Äbtissin von Stanbrook.

Bekannt wurde Dame Laurentia, die vor ihrer Wahl zur Äbtissin Kantorin und eine bedeutende Mediävistin gewesen war, durch die Wiedereinführung und Förderung des gregorianischen Chorals in den englischen Klöstern, wofür ihr sogar von Papst Pius XI. eine Verdienstmedaille verliehen wurde. Später berief man sie auch in die Kommission, die über die Änderungen der Lebensweise der englischen Benediktinerinnen beriet, die sich infolge der Beratungen über die zeitgerechte Erneuerung des Ordenslebens ergaben.

Obwohl George Bernard Shaw Dame Laurentia einmal als eine Frau ohne Grenzen bezeichnete, kam es wegen einer von Shaws Kurzgeschichten[2] zu einem längeren Zerwürfnis zwischen den beiden, das sich auf eine etwas drollige Art wieder einrenkte: Zum goldenen Profeßjubiläum versandte die Abtei Bildchen, versehen mit dem Aufdruck: „Zum Gedenken an den 5. September, 1884-1934 – Frau Laurentia McLachlan, Äbtissin von Stanbrook“. Eines dieser Gedenkbildchen ging auch an George Bernard Shaw, der es ohne weiteres für ein Totenbildchen nahm. Angesichts des Todes schickte er einen bewegten Beileidsbrief an die Abtei Stanbrook, in dem er die Hoffnung aussprach, die verstorbene Äbtissin habe ihm mittlerweile verziehen. Der Brief wurde von einer quicklebendigen Dame Laurentia beantwortet – Dame Laurentia sollte George Bernard Shaw um drei Jahre überleben. Bei all ihren teils hitzigen Diskussionen war Shaw jedoch das fürbittende Gebet Frau Laurentias wichtig, ja, er bat ausdrücklich darum: „Vergessen Sie mich auch fürderhin nicht darin. Ich kann nicht erklären, wie oder warum ich durch sie besser bin; aber ich liebe sie, und ich bin sicher nicht übler dran.“

Dame Laurentia McLachlan
Zu den vielen Freunden Dame Laurentias gehörte auch die Schriftstellerin Rumer Godden, die die Äbtissin – wie auch die Abtei Stanbrook[3] – literarisch in ihrem Roman In this house of Brede verarbeitete.

___
[1] Wen die Bezeichnung mit Dame verwirrt: diese bedeutet nicht den Adelstitel, sondern ist das englische Gegenstück zur Anrede Dom für Männer. Die deutsche Entsprechung Frau ist meines Wissens nur in Frauenwörth am Chiemsee üblich und klingt in meinen Ohren immer etwas ausgefallen.

[2] Das Negermädchen, in dem Shaw die katholische Kirche mehr oder weniger als eine Art Papiertiger bezeichnete, indem er den hl. Petrus eine papierne Kirche tragen ließ, mit der Versicherung, diese Last sei nicht schwer. Als er diese Erzählung probeweise an Dame Laurentia schickte, erhielt er sinngemäß die Antwort, wenn er diese Geschichte veröffentliche, brauche er gar nicht erst wiederzukommen. In seine Arbeit wollte sich Shaw begreiflicherweise nicht hineinreden lassen, Frau Laurentia wiederum nicht in ihre moralischen Ansichten. Shaw ist nach der Veröffentlichung der Geschichte dann aus Scham selbst ferngeblieben, allerdings gab es ihm eigenen Worten zufolge jedesmal einen schmerzlichen Stich, wenn er sich in der Umgebung Stanbrooks aufhielt, ohne dort einzukehren.


[3] 2002 haben die Benediktinerinnen von Stanford angesichts eines Konvents von achtundzwanzig Schwestern beschlossen, ihre Abtei im Zuckerbäckerstil in Worcester nach 164 Jahren an diesem Ort aufzugeben und einen ökologisch wertvollen Neubau in North Yorkshire zu errichten. Vor drei Jahren sind sie umgezogen. Ich wage zu behaupten, der Neubau in einem Nationalpark wird von nicht vielen als schön empfunden werden. Heilige Mutter Gottes, warum läßt du so etwas zu?

Kommentare:

Andrea hat gesagt…

Vielen Dank für den überaus interessanten Blogpost. Man erfährt so viel neues und interessantes bei dir.

Kleine Nebenbemerkung (und bitte nicht allzu ernst nehmen :-) zu "warum die Muttergottes so was zulässt?" Weil IHR Gebäude in dieser Form vielleicht bekannter vorkommen und sie aufgeatmet hat, nach dem Motto: Haben sie es endlich begriffen ;-).

Braut des Lammes hat gesagt…

Die Beurteilung der neuen Abtei war zugegebenermaßen sehr subjektiv, wenn es den Nonnen gefällt. Ich hab mich halt gefragt, ob es nicht doch möglich gewesen wäre, für den Konvent etwas zu finden, was schon gebaut ist - wie es etwa die Karmelitinnen von Pützchen gemacht haben, die nach Dorsten gezogen sind -, anstatt diesen doch recht kühl wirkenden hochpreisigen Neubau hinzustellen.

Marcus, der mit dem C hat gesagt…

>>Dame Laurentia starb 1955<<

>>Später berief man sie auch in die Kommission, die über die Änderungen der Lebensweise der englischen Benediktinerinnen beriet, die sich infolge der Konstitutionen des zweiten vatikanischen Konzils ergaben.<<

Da hab ich so meine Bedenken! Es ist außer als Fürsprecher beim Herrn in der katholischen Kirche unüblich, Toten Posten in Kommissionen anzutragen. :-)

Braut des Lammes hat gesagt…

Die beiden Sätze standen allerdings kontext- und auch sonstmäßig nicht hintereinander. Oben wurde das Todesjahr wegen des Verschwindens benediktinischer Klausurgitter ins Feld geführt, weiter unten im Artikel einiges aus der Lebensgeschichte angeführt. Tote treten ja auch selten in Klöster ein und werden eingekleidet. ;)

Marcus, der mit dem C hat gesagt…

Beide Sätze beziehen sich aber auf eine "Dame Laurentia" die obwohl sie 1955 verstorben sein soll, aber in einer Kommission gewesen sein soll, daß Beschlüsse eines Konzils umsetzt, daß zum Zeitpunkt ihres Todes noch nicht mal angekündigt, geschweige denn begonnen hatte.

Aus dem Artikel ist nicht ersichtlich, daß die Rede von zwei verschiedenen Laurentias die Rede ist, es heißt nur am Anfang, daß man den Namen im Konvent wieder lebendig halten wollte.

Braut des Lammes hat gesagt…

Aua. Manchmal steht man ziemlich lange auf der Leitung. Danke Marcus, ich korrigiere das dann mal.

Marcus, der mit dem C hat gesagt…

Der "andere" Fehler dürfte die "drei Jahre" sein die Dame Laurentia George Bernard Shaw überlebt.

+ 02.11.1950 George Bernard Shaw
+ 1955 Dame Laurentia

:-)

Braut des Lammes hat gesagt…

Nein, das war ein Typo meinerseits, richtig gerechnet hatte ich schon. Todesjahr Dame Laurentias war 1953, nicht 55. Mittlerweile hab ich das oben korrigiert. Es gab seinerzeit eine Kommission, die tatsächlich über die Änderung der Lebensweise der Benediktinerinnen beraten hat, offenbar vorkonziliar.

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