Sonntag, 5. August 2012

Edith Stein – Frucht des Baumes des Kreuzes

Sr. Teresia Benedicta a cruce 1938
In den letzten Jahren sehe ich in der Ikonographie immer häufiger Darstellungen der hl. Theresa Benedicta vom Kreuz, zu deren Attributen das Kreuz und die Märtyrerpalme gehören, manchmal auch ein Buch oder eine Schriftrolle (nicht nur als Philosophin hat sie auch im Orden bedeutende Schriften verfaßt, etwa über den hl. Johannes vom Kreuz. Nachgewiesenermaßen war sie dem Karmel mit einem Füllfederhalter in der Hand auch lieber als mit einem Kartoffelschälmesser oder einer Nähnadel) – und mit dem unseligen Judenstern an den Habit der Unbeschuhten geheftet.

Vom Empfinden fühle ich mich mit solchen Ikonen immer etwas unwohl: zum einen, weil sie eine historische Unmöglichkeit abbilden und eine Vermengung von Dingen darstellen, die es so nie gegeben hat: Edith Stein hat als Sr. Teresia Benedicta nach ihrer Einkleidung am 15. April 1934 den Habit der Karmelitinnen getragen wie alle anderen Karmelitinnen des Kölner und später des Echter Karmels auch. So ein Habit besteht aus einer wollenen braunen Tunika mit Ledergürtel und dem typischen, viereckig ausgeschnittenen Skapulier der Karmelitinnen, Schleier, Sandalen und einem Chormantel aus heller Wolle. Da war kein Judenstern aufgenäht, wie wir nicht nur von den Fotografien wissen, die uns erhalten geblieben sind. Nicht, weil die Nationalsozialisten etwas derart Ungeheuerliches nicht auch noch fertiggebracht hätten, sondern weil sie krudeste Gewalt anwenden mußten, nämlich die Abholung und Verschleppung ins Konzentrationslager, um der Märtyrin habhaft zu werden – in die stille Klausur des Karmels hineinregieren konnten sie nämlich nicht. In der Klausur, der Wüste des Karmels, wo man nur der Priorin Gehorsam schuldet, galten Ge- und Verbote der unmenschlichen Gewaltherrscher nicht, dazu mußten erst ein Klausurgitter und ein Holzladen gleichsam mit Gewalt entfernt werden.

zeitgenössische Ikone
der Heiligen
Zum anderen trägt diese Art der Ikonographie dazu bei, etwas zu verdunkeln, worüber es regelmäßig Anlaß zur Verwirrung gibt. Sr. Teresia Benedicta und ihre Schwester Rosa Stein wurden, wie hunderte andere, die durch die Taufe in die Kirche aufgenommen wurden, infolge eines Hirtenbriefes der holländischen Bischöfe verhaftet und verschleppt. In diesem Hirtenbrief vom 29. Juli 1942 hatten die Bischöfe gegen das Vorgehen der deutschen Machthaber gegen die Juden protestiert. Diesen Umstand zu kennen ist wichtig, denn es verdeutlicht, wieso Edith Stein als Märtyrin der Kirche gilt. Die Verhaftung und Ermordung dieser Menschen war ein Racheakt der Nationalsozialisten. Edith Stein jedoch hat ihr Leben und Sterben „in vollkommener Unterwerfung unter den Willen Gottes“ aufgeopfert.

Natürlich ist Edith Stein in einer jüdischen Familie aufgewachsen, und es gibt in ihren Werken ergreifende Zeugnisse dafür, etwa, wenn sie sich selbst als „sehr arme und ohnmächtige kleine Esther“ bezeichnete, die für ihr Volk vor Gott stehe, mit Bezug auf die biblische Königin Esther, die für ihr Volk vor Gott eintrat: Uns aber rette mit deiner Hand! Hilf mir, denn ich bin allein und habe niemanden außer dir, o Herr! (Dies ist ganz sicher der Grund für die Auswahl der Lesung am Heiligenfest).

Im Karmel war die Herkunft Edith Steins und was sie in der Welt gewesen war, allerdings eigentlich nicht weiter wichtig, auch sprach man zu jener Zeit auch in der Rekreation nicht miteinander über die jeweilige Vergangenheit. Vorab hat die Schwestern eher interessiert, was sie an hauswirtschaftlichen Fähigkeiten mitbrachte: „Kann sie auch nähen?“ ist eine überlieferte Frage einer der Mitschwestern vor dem Eintritt der vormals renommierten Philosophin.

Bildchen Sr. Teresia Benedictas vom Kreuz
zur Einkleidung im April 1934,
mit handschriftlichem Zusatz.
„Nicht die menschliche Tätigkeit kann uns helfen, sondern das Leiden Christi. Daran Anteil zu haben, ist mein Verlangen“ – in diesem Bestreben ist Edith Stein am 14. Oktober 1933 zur ersten Vesper des Hochfests der großen hl. Teresa in den Karmel Köln-Lindenthal eingetreten, und dieses Streben zum Kreuz Christi, ja, diese Gnade hat sich in reichem Maß an ihr erfüllt, bis hin zum Gleichförmigwerden mit dem Herrn, im Sterben, dem Martyrium. Im Angesicht des sich abzeichnenden Unausweichlichen vertraut sie alle, die ihr, wie sie schreibt, Gott ihr gegeben hat, in ihrem Testament Gott an:
Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, in vollkommener Unterwerfung unter Seinen heiligsten Willen mit Freuden entgegen. Ich bitte den Herrn, daß Er mein Leben und Sterben annehmen möchte zu seiner Ehre und Verherrlichung, für alle Anliegen der heiligsten Herzen Jesu und Mariä und der Heiligen Kirche, insbesondere für die Erhaltung, Heiligung und Vollendung unseres heiligen Ordens, namentlich des Kölner und Echter Karmels, zur Sühne für den Unglauben des jüdischen Volkes und damit der Herr von den Seinen aufgenommen werde und sein Reich komme in Herrlichkeit, für die Rettung Deutschlands und den Frieden der Welt, schließlich für meine Angehörigen, lebende und tote und alle, die Gott mir gegeben hat: Daß keines von ihnen verlorengehe.
In seiner Predigt zur Heiligsprechung nannte der sel. Johannes Paul II. Edith Stein eine der Früchte des Kreuzbaumes, der unaufhörlich neue Früchte des Heils hervorbringt. Deshalb schauen die Gläubigen vertrauensvoll auf das Kreuz.

Kommentare:

Thomas Sebbel hat gesagt…

Ich habe als Andachtsbild eine Abbildung des großen Wandgemäldes von Edith Stein und Nils Stensen aus der Ludgerikirche in Münster. Sie ist im Habit abgebildet mit dem gelben Stern. Man könnte fast die Stelle in der Kirche bezeichnen wo die beiden stehen. Edith Stein hat in dieser Kirche den Entschluss zum Eintritt in den Karmel gefasst.

Cassandra hat gesagt…

Ich finde die Darstellung mit Judenstern eigentlich gut, auch wenn ich sie so noch nicht kannte.

Sie betont, dass man Katholik werden kann ohne reingeboren zu sein.
Ich höre öfter "wir sind nicht gläubig, waren wir zu Hause auch nicht". Gerade diese Darstellung betont, dass man dazukommen kann.

Und die Hl Edith starb weil sie als Jüdin galt. Das ist eienr der großen Unterschiede zwischen "klassischem" Antisemitismus und Nationalsozialismus. Dem einen kann man durch Taufe entkommen, dem anderen nicht und niemals. (nein, ich heisse Zwangstaufen nicht gut, aber im NS wird das Judentum von der Religion zur Herkunftsfrage, was eine andere Dimension ist)

Braut des Lammes hat gesagt…

Hmm, Cassandra, aber das mit dem Hinzukommen war doch noch nie anders: zu allen Zeiten konnte man Christ werden, ohne es von Geburt an zu sein, die Apostel selbst sind so Christen geworden.

In Bezug auf die Enzyklika denke ich hier tatsächlich so wie oben beschrieben: es war ein schierer Racheakt - die Verhaftung der Konvertiten steht in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit der Enzyklika der holländischen Bischöfe: Datum der Enzyklika: 29. Juli, Datum der Verhafung: 2. August.

Das Judentum ist im Judentum selbst meines Wissens eine Herkunftsfrage (geboren von einer jüdischen Mutter). Womit ich mich unwohl fühle, ist die bewußte ikonographische Vermengung von Dingen, die so einfach nicht zusammengehören, wie dem Unrechtssymbol des Judensterns und dem Kleid der Christus geweihten.

Cassandra hat gesagt…

Ja, war noch nie anders, aber: ziwschen Wahrheit und Wahrnehmnung klafft manchmal ein Graben.

"Wie, das geht?" werde ich manchmal gefragt wenn ich sage, dass ich katholisch geworden bin.
Das wissen manche Leute nicht. Nicht mal Katholiken wissen das unbedingt, selbst wenn sie regelmässige Messbesucher sind und sich selbst als fromm bezeichnen.

Und deswegen ist grade diese Heilige eine Einladung.

Anonym hat gesagt…

Auf einer polnischen Internetseite habe ich gelesen das die hl. Edith Stein mit Judenstern abgebieldet wird um auf ihre Herkunft und auf ihr Martyrium hinzuweisen. Sie wurde getötet weil sie jüdischer Herkunft war, es ging den Nazis nicht rein um die Juden, was der Mord an Polen, Roma usw. zeigt, sie hatten allgemein so einen schrecklichen Menschenhass. Der Stern auf dem Habit weist darauf hin das die Heilige troz ihrer Taufe und ihrm Leben als Ordenschwester von den Nazis als Jüdin getötet wurde. Es ist entsetzlich zu wissen das getaufte Christen zu solchen Morden fähig waren bzw. fähig sind...

Braut des Lammes hat gesagt…

Ich hatte mir beim Schreiben des Beitrags schon gedacht, daß er kontrovers aufgefaßt werden würde.

Die Herkunft Edith Steins aus dem Judentum wie auch die Art ihres Martyriums kann ikonographisch auch auf andere Weise verdeutlicht werden, dafür gibt es Beispiele, etwa hier http://www.edith-stein-taufkirche.de/edith_stein-ikone.html

Daß es den Nationalsozialisten nicht nur um die Juden ging, ist bekannt, es sind in den Konzentrationslagern auch viele Christen gestorben. In diesem Falle allerdings ging es den Nationalsozialisten um Getaufte, die vormals Juden waren, um die Kirche zu terrorisieren.

Und, Anonym: die Erkenntnis, daß irgendein Mensch zu solchen Morden fähig ist, ist erschütternd. Daß auch Getaufte dabei waren (wieso "sind"?), zeigt, daß die Taufe kein magisches Ritual ist, sondern der Mensch sowohl zum Guten als auch zum Bösen fähig ist, er bleibt frei - allerdings besitzt er auch die Fähigkeit, das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Das Rüstzeug dazu gibt ihm der Glaube.

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