Montag, 13. August 2012

Die roten Schuhe

Zu dem Beitrag mit Baby Jesus' roten Schuhen ist mir, wie man sieht, der Zauberer von Oz in den Sinn gekommen (weswegen ich ihn eigentlich „die roten Schuhe“ nennen wollte), aber auch das gleichnamige Märchen von Hans-Christian Andersen.

Zu ersteren wäre zu berichten, daß Judy Garland für die Dreharbeiten seinerzeit fünf Paar rote Zauberschuhe hatte. Eines steht mittlerweile in einem Filmmuseum, eines im Smithsonian und ein anderes hat jemandem offenbar so gut gefallen, daß er es gestohlen hat. Shame on you!

Obwohl ich Andersens Märchen sehr gern mag, waren mir Die roten Schuhe immer etwas zuwider. Was soll das denn für eine Moral sein? Ein junges Mädchen, Karen, hat seine neuen roten Schuhe so gern, daß es sich auch zum Sonntagsgottesdienst und – noch weit schrecklicher – zur Konfirmation und damit verbunden zum Abendmahlsgottesdienst nicht von ihnen trennen kann. Weil sie die Schuhe so übermäßig gern hat, wird sie von der Andacht beim Gottesdienst und der Sakramentenspendung doch stark abgezogen. Gut, das ist natürlich suboptimal, aber wer von uns könnte sagen, er sei zu jedem Augenblick vollkommen andächtig?

Auch die Art, wie Karen zu den roten Schuhen gekommen ist, ist moralisch gesehen leicht fragwürdig, denn die alte Dame, bei der Karen lebt, sieht kaum noch etwas und weiß beim Schuhkauf daher nicht, daß die neu angeschafften Schuhe rot sind. Andererseits hatte Karen auch nicht behauptet, sie seien schwarz, sondern über die Farbe der Schuhe geschwiegen. (Das ist wahrscheinlich wieder so eine Auslegungsweise, die eine Mitschwester gelegentlich als „jesuitisch“ bezeichnet hat). Auch daß Karen lieber tanzen geht, anstatt der kränklichen alten Dame zuhause Gesellschaft zu leisten, ist natürlich nicht so nett.

Zur Strafe wachsen die Schuhe fest und tanzen immer weiter. Ein Engel mit einem Schwert verwehrt Karen den Eintritt zur Kirche mit den schrecklichen Worten: „Tanzen sollst du, tanzen auf deinen roten Schuhen, bis du bleich und kalt bist, bis deine Haut über dem Gerippe zusammengeschrumpft ist. Tanzen sollst du von Tür zu Tür, und wo stolze, eitle Kinder wohnen, sollst du anpochen, daß sie dich hören und fürchten!“

Schließlich muß Karen einen Henker bemühen, der die beschuhten Füße abschlägt, nur damit endlich Ruhe ist, und sie verbringt den Rest ihrer Tage als Dienstmagd bei einer Pfarrersfamilie. Zur Kirche kann sie leider gar nicht mehr kommen (schade eigentlich!), die beschuhten Füße haben ihr zuvor schon den Eintritt verwehrt und später gilt offenbar: keine Füße, keine Kirche. Eines Tages erscheint der Engel noch einmal, Karen sieht sich in einer Art Vision in die Kirche versetzt und ist über den feierlichen Gottesdienst so beseligt, daß es sie hinwegrafft und sie gleich in den Himmel eingeht.

Es ist natürlich die puritanische Moral, die hier an allen Ecken und Enden durchscheint. Für Eitelkeit und sündigen Stolz gibts ein paar abgeschlagene Füße, zack! Daß in all den schwarzdüsteren Sonntagsgewandungen ein rotes Paar Schuhe als Inbegriff der Verlockung und der Sünde (so schockierend, daß sogar die Bilder in der Kirche darauf starren) daherkommt, ist noch irgendwie nachvollziehbar. Dieses und daß der Gedanke an die wunderbaren roten Schuhe sie von der rechten Andacht bei der Konfirmation und dem Abendmahl abzieht, ist aber wiederum nichts, was ein solches Büßerleben verdient hätte.

Erschreckend finde ich, daß es von dieser Sünde offenbar kaum Heilung gibt. Der Tod als einzige Form der Sündenvergebung? („Ihre Seele flog auf Sonnenschein zu Gott, und dort war niemand, der nach den roten Schuhen fragte.“) – Ich wage zu behaupten, bei den Katholiken wär das nicht passiert! Bei uns trägt sogar der Papst rote Schuhe. Vorausgesetzt, sie hätte einen tanzenden Priester gefunden, hätte Karen die roten Schuhe wie auch alles andere bei der Beichte vorgebracht. Was ist das für eine Sünde – und was für ein Gottesbild? –, bei der man wegen einer solchen Sache fortan ohne Füße und auf den Knien herumrutschen und hoffen muß, daß eines Tages wieder für den Kirchgang reicht?

Immerhin geht es ja am Ende gut aus (indem Karen in den Himmel kommt), das ganze Märchen scheint mir allerdings, nicht zuletzt wegen des Engels, als eine Art Vertreibung aus dem Paradies, ohne Füße, wohlgemerkt. Und wegen was? Wegen eines Paares roter Schuhe.

Wie glücklich sind wir, daß wir das Bußsakrament haben! (Im Beichtstuhl kann der Priester vielleicht bei der ein oder anderen „jesuitischen“ Auslegungsweise auch noch was klarstellen.) Damit meine ich nicht, daß man fröhlich drauflos sündigen sollte, weil am Ende die Absolution steht. Zum Empfang der Absolution gehört ja der Vorsatz, die Sünde meiden zu wollen. Auch wenn ich weiß, daß ich wieder fallen werde, die Barmherzigkeit Gottes im Sakrament ist immer da.

___
kleines Bild Mitte: immerhin haben die roten Schuhe es mittlerweile auf den Christbaum geschafft. Ob es ein katholischer Baum war, konnte nicht ermittelt werden.

Kommentare:

kalliopevorleserin hat gesagt…

Andersen hat neben vielen sehr schönen leider auch einige höchst moralinsaure Märchen geschrieben, und dies ist meines Wissens das schlimmste davon.

Braut des Lammes hat gesagt…

Momentan kann ich mich auf kein anderes besinnen, bei dem sich mein Gefieder (zu verschiedenen Zeiten) so stark gesträubt hat. Tröstlich, daß es dir auch so geht.

Thomas Sebbel hat gesagt…

Immerhin hat das Märchen Powell und Pressburger zu dem wunderbaren Film Die roten Schuhe insperiert. Mir ist dieses Märchen auch sehr sperrig erschienen. Etwas sehr protestantisch, eine Geschichte aus den Dünen dazu im Gegensatz lässt barocke Pracht und Andacht oder Frömmigkeit durchaus zusammengehen

Braut des Lammes hat gesagt…

In Bezug auf das Ballett habe ich eine Bildungslücke: ich kenne es - und den gleichnamigen Ballettfilm mit Moira Shearer - gar nicht. Meines Wissens ist die Handlung höchstens lose an das Märchen angelehnt, inwieweit genau, kann ich nicht sagen.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...