Sonntag, 19. August 2012

Der Zauber des guten Anfangs…

Morgenländers Blogspiel des Monats, in dem es um Lieblingsroman-Anfänge ging, hab ich wohl leider verpaßt, auch wäre dieser hier zu lang gewesen. Er ist aber in seiner Art ein Gesamtkunstwerk, weshalb ich auch nicht begreifen kann, daß in neueren Ausgaben offenbar darin herumgekürzt wurde. Auch kleinste Änderungen stören die Atmosphäre eines Werks. Es ist, als malte man bei einem Bild, das im Museum hängt, einfach einen Vogel dazu oder einer Figur einen schlichten Mantel, die ursprünglich einen mit Blumenmuster trug. Grund jedenfalls, antiquarischen Ausgaben vom Flohmarkt oder sonstwoher unbedingt den Vorzug zu geben. Außerdem strömt meine Ausgabe von 1947 auch den Duft alter Bücher aus.

Im sommerlichen Urlaub lese ich gern auch mal altvertraute Romane wieder. Kapitel 1 von Dame Daphne du Mauriers Rebecca ist jedenfalls mein liebster Buchanfang. (Beim nochmaligen Lesen hab ich spontan Lust bekommen, diesem wunderschön erzählten Roman später noch einen eigenen Blogpost zu widmen. Noch eine Geschichte um ein verwunschenes Haus.)
Gestern Nacht träumte ich, ich sei wieder in Manderley. Ich sah mich am eisernen Tor der Einfahrt stehen, und ich konnte zuerst nicht hineingelangen, denn der Weg war mir versperrt. Schloß und Kette hingen am Tor. Ich rief im Traum nach dem Pförtner und erhielt keine Antwort, und als ich dann durch die rostigen Gitterstäbe spähte, sah ich, daß das Pförtnerhäuschen unbewohnt war.

Kein Rauch stieg aus dem Kamin, und die kleinen Butzenfenster starrten verlassen. Dann aber besaß ich plötzlich wie alle Träumer übernatürliche Kräfte, und wie ein körperloses Wesen durchschritt ich das Hindernis. Vor mir wand sich die Auffahrt, wand und schlängelte sich wie seit altersher, aber als ich weiterging, merkte ich, daß sich etwas verändert hatte; der Weg war nicht mehr der, den wir gekannt; er war schmal und ungepflegt. Zunächst verwirrte mich das, und ich verstand es nicht. Und erst als ich mit dem Kopf einem tief herabschwingenden Ast ausweichen mußte, wurde mir klar, was geschehen war. Die Natur war wieder zu ihrem Recht gekommen; ohne Hast, in ihrer leisen, heimlichen Art hatte sie nach und nach mit langen klammernden Fingern auf den Weg übergegriffen. Der Wald, der auch früher schon eine drohende Gefahr gewesen war, hatte schließlich doch den Sieg behalten. Regellos, in finsterer Dichte drangen seine Bäume immer näher zur Weggrenze vor. Buchen neigten ihre grauweißen nackten Stämme gegeneinander, ihre Zweige in seltsamer Umarmung verschlungen, und bauten ein Gewölbe über meinem Haupt gleich dem Bogengang einer Kirche. Und andere Bäume standen da, Bäume, die ich nicht wiedererkannte, behäbige Eichen und bedrängte Ulmen, die aus der stillen Erde hergewachsen waren und Stamm an Stamm mit den Buchen emporstrebten, und wildes Buschwerk dazwischen und Pflanzen, und an nichts erinnerte ich mich.

Die Anfahrt war ein schmales Band, ein dünner Faden nur ihres früheren Selbst, der Kiesbelag verschwunden, unter Gras und Moos erstickt. Die Bäume streckten niedrige Zweige aus, die den Schritt hemmten; ihre knotigen Wurzeln ragten wie Totenkrallen hervor. Hier und dort erkannte ich in diesem Urwald Büsche, zu unserer Zeit Wahrzeichen, Wesen von Kultur und Anmut, Hortensien, deren blaue Köpfe eine Berühmtheit gewesen waren. Keine Hand hatte sie beschnitten, sie waren verwildert und ragten jetzt blütenlos zu Riesengröße empor, schwarz, häßlich wie das namenlose Unkraut neben ihnen.

Weiter, immer weiter, bald nach Osten, bald nach Westen, wand sich der kümmerliche Pfad, der einst unsere Auffahrt gewesen war. Manchmal dachte ich, jetzt sei er ganz verschwunden, aber er tauchte wieder auf, hinter einem gestürzten Baum vielleicht oder mühsam den Rand eines morastigen Grabens erkletternd, den die Winterregen ausgewaschen hatten. Ich hatte nicht gedacht, daß der Weg so lang sei. Gewiß mußten die Meilen sich vervielfacht haben, nicht anders als die Bäume es getan hatten, und dieser Pfad führte zu einem Labyrinth, in eine erstickte Wildnis, aber nicht zum Haus. Ich stand plötzlich davor; das hemmungslos nach allen Seiten wachsende Dickicht hatte die Sicht versperrt, und ich stand da, das Herz pochte mir in der Brust, und ich fühlte den Schmerz aufquellender Tränen in meinen Augen.

Da war Manderley, unser Manderley, schweigend, verschwiegen, wie es immer gewesen war; das graue Gestein schimmerte im Schein meines Traummondes, die hohen zweiteiligen Fenster spiegelten das Rasengrün, die Terrasse wider. Die Zeit konnte das vollkommene Ebenmaß jener Mauern nicht zerstören und nicht die Harmonie der Lage – ein Kleinod in einer offenen Hand.

Die Terrasse fiel zu den Rasenflächen ab, und die Rasenflächen zogen sich zum Meer hin, und als ich mich umwandte, erkannte ich die silbrige Weite, gelassen unter dem Mond wie ein See, den Wind und Sturm nicht berühren. Keine Wellen würden dieses Traummeer je beunruhigen, keine Wolkenwand windgeweht vom Westen vermochte die Klarheit dieses blassen Himmels zu verfinstern.

Ich wandte mich wieder zum Haus, und mochte es selbst auch unversehrt, unangetastet stehen, als hätten wir es gestern verlassen, ich sah, daß auch der Garten dem Gesetz des Urwalds gehorsam gewesen war, nicht anders als der Park. Von Dornensträuchern durchwachsen und verwirrt, ragten die Rhododendronbüsche fünfzig Fuß hoch und hielten unnatürliche Hochzeit mit der Masse namenlosen Gestrüpps, das sich um ihre Wurzeln klammerte, als sei es sich seiner niedrigen Herkunft bewußt. Ein Fliederbaum hatte sich mit einer Blutbuche vereint, und um sie noch enger aneinander zu fesseln, hatte der boshafte Efeu, von jeher ein Feind der Anmut, seine Fangarme um das Paar geschlungen, um es nie wieder freizugeben. Der Efeu beherrschte diesen verlorenen Garten; die langen Ranken krochen über den Rasen vor, und bald würden sie auch vom Haus Besitz ergreifen. Es gab da noch ein anderes Gewächs, irgendeinen unedlen Fremdling, dessen Samen vor langer Zeit einmal unter den Bäumen verstreut und dann vergessen worden war und der jetzt im Gefolge des Efeus seine häßliche Gestalt wie ein Riesenrhabarber nach dem zarten Grün streckte, wo sich einst Narzissen wiegten.

Nesseln wuchsen überall, der Vortrupp der feindlichen Scharen. Sie überschwemmten die Terrasse, sie lümmelten sich auf den Wegen herum, gemein und ohne Haltung lehnten sie sich sogar gegen die Fenster des Hauses. Sie taugten aber nicht viel zum Wachtdienst, denn an vielen Stellen durchbrach die Rhabarberstaude bereits ihre Reihen, und mit zertretenen Köpfen und kraftlosen Stengeln lagen sie am Boden, wo Kaninchen sich einen Pfad gebahnt hatten. Ich verließ die Anfahrt und stieg auf die Terrasse; mir boten die Nesseln in meinem Traum kein Hindernis, ich schritt verzaubert, und nichts hielt mich auf.

Das Mondlicht kann der Einbildung merkwürdige Streiche spielen, auch der Einbildung eines Träumers. Wie ich da still stand, mit verhaltenem Atem, hätte ich schwören können, das Haus sei nicht bloß eine leere Schale, sondern belebt und beseelt, wie es früher gelebt hatte. 
Die Fenster waren hell erleuchtet, die Vorhänge bauschten sich leise im Nachtwind, und dort, in der Bibliothek, stand gewiß noch die Tür halb offen, die wir zu schließen vergessen hatten, und mein Taschentuch lag auf dem Tisch neben der Vase mit den Herbstrosen.

Alles in dem Zimmer mußte noch beredt von unserer Anwesenheit sprechen: der kleine Bücherstoß aus der Bibliothek, als gelesen abgezeichnet, um wieder zurückgestellt zu werden; und die alten Nummern der Times; Aschenbecher mit zerdrückten Zigarettenstummeln; die zerknüllten Kissen in den Stühlen, die noch den Abdruck unserer Köpfe trugen; die verkohlte Glut unseres Holzfeuers, die noch schwelend den Morgen erwartete; und Jasper, unser lieber Jasper, mit seinen ausdrucksvollen Augen und seinen schweren hängenden Lefzen, lag bestimmt noch vor dem Kamin ausgestreckt und würde mit dem Schwanz auf den Boden trommeln wie stets, wenn er die Schritte seines Herrn vernahm.

Eine Wolke war ungesehen heraufgekommen und bedeckte den Mond für einen Augenblick wie eine dunkle Hand ein Gesicht. Mit ihm verlöschten die Fenster; das Traumbild war verflogen, Ich blickte auf eine öde, nun seelenlos gewordene Schale, die nicht einmal ein Geist mehr belebte, und um die starrenden Mauern raunte nicht länger die Stimme der Vergangenheit.

Das Haus war ein Grabmal unserer Hoffnungen, und unsere Leiden lagen in den Ruinen begraben. Es gab keine Wiederauferstehung. Wenn ich bei Tag an Manderley dächte, würden die Gedanken nicht bitter sein. Ich würde so daran zurückdenken, wie es hätte sein können, wäre ich ohne Furcht dort gewesen. Ich würde mich an den sommerlichen Rosengarten erinnern, an den Vogelsang in der Morgenfrühe; wie wir den Tee unter dem Kastanienbaum tranken und das Flüstern der See von unten über die Rasenflächen zu uns heraufdrang. Ich würde mich an den blühenden Flieder erinnern und unseren glückliches Tales. Diese Dinge waren dauernd, sie konnten nicht vergehen; diese Erinnerungen taten nicht weh.

Alles klärte sich in mir auf, während die Wolke das Gesicht des Mondes verhüllte, denn wie die meisten Schläfer wußte ich, daß ich träumte. In Wirklichkeit lag ich viele hundert Meilen weit weg in einem fremden Land, und bevor noch viele Sekunden verstrichen, würde ich in dem kleinen kahlen Hotelzimmer erwachen, das gerade durch seine Nüchternheit so beruhigend wirkte. Ich würde aufseufzen, mich strecken und auf die Seite drehen; und beim Öffnen der Augen würde mich die blendende Sonne verwirren, dieser harte hohe Himmel, dem sanften Mondschein meines Traums so gar nicht ähnlich. Der Tag würde vor uns beiden liegen, lang ohne Zweifel und ereignislos, aber von einer Stille, einer vollkommenen Ruhe erfüllt, die wir früher nicht gekannt hatten. Wir würden nicht von Manderley sprechen; ich würde meinen Traum für mich behalten. Denn Manderley war nicht mehr unser. Manderley war nicht mehr.

Kommentare:

jeannedarc hat gesagt…

Ach, wie schade!! da hätte ich auch gerne mitgemacht. Also, spontan fiel mir jetzt, was Romananfänge betrifft folgender ein: "Scarlett O'Hara war nicht eigentlich schön zu nennen. Wenn aber Männer in ihren Bann gerieten, wie jetzt die Zwillinge Tarleton, so wurden sie dessen meistens nicht gewahr".
Vom Winde verweht, eines meiner Lieblingsbücher in meiner Jugendzeit. Habe es aber schon sehr lange nicht mehr gelesen. Auch den Film fand ich absolut grossartig. Da konnte man richtig schmachten.......ach ja, lange vorbei, aber schön wars!!

Braut des Lammes hat gesagt…

Das Buch mag ich auch sehr gern, den Film weniger. Gestern abend hab ich grade gehört, daß einer der Mitchell-Erben der Diözese Atlanta bedeutende Verwertungsrechte an dem Werk vermacht hat.

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