Donnerstag, 16. August 2012

Auf dem heiligen Berg

Im Jahre 1486 faßte der Franziskaner P. Bernardino Caimi den Plan, auf den Höhen eines Berges über dem piemontesischen Varallo aus Spenden gleichsam ein „neues Jerusalem“ auf Erden zu errichten. Ins Heilige Land zu reisen, war damals sehr gefährlich geworden und nur wenige hatten ohnehin die Möglichkeit dazu.

Was dabei herausgekommen ist, rührt das Herz an. Inmitten eines Waldgebietes erheben sich auf dem Berg in verschiedenen freskenverzierten Kapellen – fünfundvierzig insgesamt – Szenen aus der Heilsgeschichte Gottes mit dem Menschen. So sehen wir nach dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies das Erlösungsgeschehen: die Verkündigung der Geburt Jesu Christi, sein Leben und Sterben bis hin zur Verurteilung vor Pilatus, die Via Dolorosa, Grablegung und Auferstehung. Am Ende steht die Aufnahme Mariens in den Himmel, unter deren Patrozinium auch die Kirche auf dem Sacro Monte di Varallo steht; diese hat immerhin den Rang einer Basilka. Von den neun „heiligen Bergen“ Italiens ist dies der älteste.

Betrachtet man die Sacro Monti Italiens, muß man bedenken, wie das Leben damals war: um 1490 wurden Bücher noch überwiegend handschriftlich vervielfältigt, sie waren sehr kostbar und nur wenige Menschen waren des Lesens kundig. Die Stationen der Sacro Monti eröffneten gerade ärmeren Leuten, die kein Latein und nicht lesen konnten, die biblischen Perikopen gleichsam mitzuerleben. Bei aller Ehrfurcht muß die kindliche Freude daran etwa ähnlich gewesen sein, wie bei uns, wenn es seinerzeit in den Märchengarten ging.

Viele der Darstellungen mögen vielleicht nicht im üblichen Sinne als schön empfunden werden – das Leben selbst ist das ja oft auch nicht. Bemerkenswert ist das Haar vieler Figuren: es ist echtes Haar, das jemand als Votivgabe der oder dem Heiligen verehrt hat oder auch dem Ort im allgemeinen. Da solche Gaben, wie auch mancherlei Kleidungsstücke, nicht für die Ewigkeit gedacht sind, besteht diese Sitte bis heute fort: so hat etwa ein Älpler seinen jahrelang gewachsenen Rauschebart der Figur des hl. Josef gespendet, einfach so.

Nachdem der Sacro Monte di Varallo zwischenzeitlich nahezu in Verfall zu geraten schien, zählt er mittlerweile zum Weltkulturerbe. Verhältnismäßig ruhig geworden ist es im Vergleich zu früheren Zeiten trotzdem auf dem heiligen Berg. Nur selten noch kommt man wie früher in Prozessionen. Stille zur Betrachtung kann man auf den Sacro Monti daher trotzdem finden und das Ganze hat den angenehm maroden Stil, der vieles in Italien so liebenswert macht.







___
Bilder: Luca Privitera

Kommentare:

Stille Linde hat gesagt…

So very beautiful! and wonderful photographs, I'm so happy to discover this :-) thank you!

Richelieu88 hat gesagt…

Auf Youtube habe ich vorhin noch eine schöne Doku über Varallo gefunden: http://richelieussammelsurium.blogspot.de/2012/08/sacri-monti-in-pietmont.html

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...