Samstag, 21. Juli 2012

Wenn Pfanne, dann Pfanne…

Im Zuge der Robusta-Nominierungen kam ich bei Glaubenssache vorbei, die über einen vermeintlichen Text der großen hl. Teresa von Avila reflektiert, der unter dieser Zuschreibung auch schon unter anderem von Margot Käßmann, von Ameleo und in öffentlich-rechtlichen Rundfunksendungen zitiert wurde.

Dazu fällt mir erstmal ein: Nö jetzt, oder? Aus dem Grab der Heiligen, zu deren Attributen die Taube des Geistes, die Feder (die ikonographisch manchmal sogar eine flammende Feder ist) und das Birett der Kirchenlehrer gehört, hört man erste Rotationsgeräusche.

Glaubenssache kann kaum glauben – ha! was für ein Wortspiel! – daß dies wirklich der Feder der hl. Teresa von Avila entflossen sein soll, und ich muß sagen, ich kann es auch nicht. Zwar bin ich nicht die große Teresa-Expertin, hab aber unter anderem doch etliche Zeit damit zugebracht, sie ins Englische oder Deutsche zu übertragen bzw. im Rahmen anderer Arbeiten Werke Teresas zitiert. Weder ist das der Sprachfluß Teresas, noch etwas, was Teresa gesagt haben könnte, es klingt einfach überhaupt nicht nach ihr. In welchem ihrer Werke soll das denn bitte stehen?

Durch die Zuschreibung dieses Gebets – meines Erachtens ein übrigens reichlich mäßiges – wird der Heiligen geradezu ein Tort angetan. Das soll die Mystikerin sein, die Papst Benedikt gerade eine „äußerst erleuchtete, erhabene und eloquente Tochter der Diözese von Avila“ genannt hat, die zugleich kein Blatt vor den Mund genommen habe, diese abgehetzte, melodramatische Hausfrauenmeditation? .oO(„Herr der Bratpfannen, am Ende des Tages komme ich zu dir…“)
Kannst Du meinen Spüllappen
als einen Geigenbogen gelten lassen,
der himmlische Harmonie
hervorbringt auf einer Pfanne?
Sie ist so schwer zu reinigen
und ach, so abscheulich!
Jeder, der schon mal mit dicker Bratensoße vollgekleisterte Pfannen und Töpfe am Stück abgewaschen hat, mag letzteres nachvollziehen. Gleichzeitig bin ich der Ansicht, daß Teresa sich nicht damit aufgehalten hätte, sich über die „abscheuliche“ Pfanne auszulassen. Die Pfanne ist halt grad da, man nimmt es, wie es kommt.

Was mich daran, glaub ich, wirklich etwas ärgert, ist, daß die Betrachtung über die unselige Bratpfanne eine Trennung vornimmt, wo für Teresa überhaupt keine ist. Man kann Bratpfannen abwaschen und beten. Man kann den Abwasch als Gebet auffassen oder die widerwärtig erscheinende Arbeit als Opfer darbringen. Um eine andere der karmelitischen heiligen Theresen sinngemäß zu bemühen (in diesem Falle die kleine, von Lisieux): „Verweigern wir nicht das geringste Opfer…, aus Liebe eine Bratpfanne abzuwaschen, kann eine Seele bekehren. Welches Geheimnis!“

Richtig ist, und da kommen vielleicht die Töpfe und Pfannen her, daß Teresa angemerkt hat, Gott wäre auch zwischen ihnen zu finden. Und das stimmt ja auch. Teresa faßte die manuelle Arbeit, die womöglich in der Stille der Zelle verrichtet wurde, ebenso als Möglichkeit des Gesprächs und der Begegnung mit Gott auf wie die Gebetszeit. Deshalb soll bei der Arbeit Stillschweigen bewahrt werden. Alle meditieren und alle arbeiten jeweils nahezu zur selben Zeit (diejenigen, die mit Kaffeekochen oder Wecken dran sind, stehen früher auf. Aber auch bei diesem Amt wechseln sich die Schwestern ab). Teresa hätte also viel eher gesagt „Wenn Gebet, dann Gebet, wenn Pfannen, dann Pfannen“. Und da haben wir es auch schon:
Wenn euch der Gehorsam Beschäftigung mit äußeren Dingen aufträgt, dann versteht, daß der Herr zwischen den Kochtöpfen weilt, falls es in der Küche ist, und euch innerlich und äußerlich hilft. (Buch der Gründungen 5,8)
Das Interessante ist, daß Teresa dies unmittelbar nach einem Exkurs über die innere Freiheit des Menschen im geistlichen Leben schreibt, die er dadurch gewinnt, daß er die Dinge im Gehorsam tut, die ihm jeweils gerade aufgetragen sind. In diesem Sinne gibt es für Teresa kein „Ich habe keine Zeit…“, sondern es ist tatsächlich wie im Buch Kohelet: Jegliches hat seine Zeit, ein jedes Ding unter der Sonne.

Davon, daß der vermeintliche Teresatext auch historische Fehlleistungen wie etwa „die schwarzen Schuhe“ enthält, noch ganz zu schweigen, davon hatten wirs ja grade (die Schuhe der Unbeschuhten). Nachdem Teresa zu der Ansicht kam, es würden Schuhe gebraucht, trug man bei den Unbeschuhten bis in die jüngste Zeit hinein, also über vierhundert Jahre lang, leichte, aus Stroh und Stoffstreifen hergestellte Schuhe, sogenannte Alpargatas.

Und noch was: es gehört mehr dazu, aus einem frommen Gesäusel wirklich erleuchtete Rede zu machen. Solches Zeug führt eigentlich nur dazu, mir solche Gebetssammlungen „von Frauen für Frauen“ noch suspekter zu machen als sie es ohnehin schon sind. Außerdem halte ich es für unfein, grenzwertige Dichtkunst den Heiligen Gottes unterzuschieben. Bis jetzt ist es mir jedenfalls nicht gelungen, eine Quellenangabe für dieses angebliche Gebet der großen Mystikerin zu finden[1]. Da lese ich doch lieber das Original.

____
[1] Eine Sache, die fatal an diese Zusammenstellung von angeblichen Kirchenväter- und -lehrerzitaten über die Minderwertigkeit der Frau erinnert, die seit Jahren durchs Internet geistert. Die sind sämtlich ohne genaue Quellenangabe (Jahr, Werk, Seitenzahl). Wer hat schon die ganze Summa Theologica im Kopf – oder Lust, die an einem lauen Samstagabend mal eben in toto durchzusehen? – und weiß daher, daß der hl. Thomas von Aquin das nicht gesagt hat? Und schwups! wurde einem Kirchenlehrer was untergeschoben. Nicht schön.

Kommentare:

Tiberius hat gesagt…

Danke!

jos.m.betle hat gesagt…

Was Du schreibst unterstreiche ich. Leider leben wir vielfach in einer totalen Oberflächlichkeit. Gerade auch im Blick auf eine leider pseudoreligiöse Wirklichkeit in unserem Land. Zu oft wird nichts verstanden, falsch zitiert ... oder gar bewusst die Wahrheit verdreht. Neben Teresa findet man ähnliche solcher Anzeichen mit Berichten oder vermeintlichen Texten Hildegards (v. Bingen). Und es ärgert mich auch, wenn gerade in katholischen Kreisen Mist verzapft wird. Neulich habe ich wieder einmal etwas in einem Pfarrbrief gelesen und auch moniert. "Es sei ja nicht so schlimm" hat man mir dann gesagt und "außerdem hat niemand etwas gemerkt". Na denn weiter so.
- Im übrigen möchte ich mich gerne ganz herzlich für Deine guten, schönen und bereichernden Beiträge bedanken!

Braut des Lammes hat gesagt…

Auch wenn sie den Lesefluß etwas hemmen, schätze ich in dieser Hinsicht die saubere Arbeit Papst Benedikts, der jeden Ausspruch, auf den er sich bezieht, belegt, unten etwa in Resplendens stella.

Cassandra hat gesagt…

Ich meine mich zu erinnern, dass die Heilige als sie einen Konvent mit niedergedrückten Schwestern besuchte, den Rat gab "feed them steaks" (ich habe es auf English gelesen, was Teresa aber sicher nicht gesprochen haben wird zu dem Anlass. Ob sie überhaupt Englisch gesprochen hat weis sich nicht.)

Eine Heilige, die zu gutem Essen als Mittel gegen Depressionen griff, wird kaum über dreckiges Geschirr gemault haben.

Das scheint mir eher mit der Persönlichkeit Teresa von Avilas zusammenzugehen als Beschwerden über den Abwasch. Da scheint dieses teresianische Augenzinkern durch- beim Beschweren über den Abwasch nicht.

Andrea hat gesagt…

Wie schon der heilige Augustinus sagte: 95% der Zitate im Internet sind erfunden.

Braut des Lammes hat gesagt…

Welch weises Wort des Kirchenvaters!

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

Oh, was Thomas von Aquin angeht, ist nicht alles erfunden, was man ihm unterschiebt. Ich habe in einer Diplomarbeit mal solche Sätze mit Quellenangabe gefunden und brauchte folglich keinen ganzen Abend, um die Stelle zu finden. Stand tatsächlich in etwa so da, wie zitiert.

Dafür brauchte ich dann den ganzen Abend, um mich über den Zitatfehler aufzuregen. Das stand nämlich nicht etwa im corpus articuli oder sonst an einer Stelle, die man als Meinung des Aquinaten ansehen müßte, sondern hinter "videtur quod", von dem jeder, der nur halbwegs was von Thomas, der Scholastik oder auch nur von Rhetorik versteht, daß es am Ende wohl auf das Gegenteil hinauslaufen wird. Sowas aus der Feder von Theologen zu lesen, tut dann schon weh...

Braut des Lammes hat gesagt…

Mit dem Humor stimme ich dir zu, Cassandra. Das mit dem Fleisch ist allerdings ganz ernst gemeint. Teresa berief sich auf die päpstlichen Worte "Enthaltet euch des Essens von Fleisch, es sei denn, es wird als Heilmittel bei Krankheit oder Schwäche genommen." Niedergedrücktheit (Melancholie) subsumiert Teresa aber unter Krankheit, deshalb der Rat, den niedergedrückten Schwestern Fleisch zu reichen.

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