Freitag, 20. Juli 2012

Resplendens stella – ein Stern von großem Glanz

O Lehrerin des Glaubens und Licht der Kirche, du hast Gottes Weisung geliebt. Heilige Theresia, bitte für uns bei Gottes Sohn.
(Antiphon zum Magnificat am Fest der hl. Teresa von Avila)

Im August, am 24. um genau zu sein, jährt sich zum 450. Mal die Errichtung des Karmels vom hl. Josef in Avila und damit die teresianische Reform (das heißt, das Gründungsdatum der unbeschuhten Karmelitinnen und Karmeliten).

Aus diesem freudigen Anlaß für die ganze Kirche hat Papst Benedikt vor wenigen Tagen, am Hochfest unser lieben Frau vom Berge Karmel, den Karmeliten, insbesondere denen der Diözese von Avila, einen wunderschönen, fast hymnischen Brief geschrieben, der es wohl wert ist, gelesen zu werden, denn er hat unendlich viel Bedeutung für die Kirche überall auf der Welt: all unser Streben muß auf Christus gegründet sein, zu ihm hin streben und in ihm seine Erfüllung finden, und unsere erste Sorge muß das Gebet sein, vor allem das Gebet um Berufungen. Es ist unendlich wichtig, daß die, die ihr Leben ganz dem Gebet geweiht haben mit ihrem Gebet die stützen, die apostolisch wirken (nicht, daß das Gebet kein Apostolat wäre, aber es trägt und stützt diejenigen, die „in der Welt“ für den Herrn arbeiten, vor allem aber die Priester).

Das Beispiel der hl. Kirchenlehrerin Teresa führt uns vor Augen, daß die Zeit, die wir im fürbittenden Gebet verbringen, niemals sinnlos verbrachte Zeit ist.

Der Brief ist natürlich auf Spanisch herausgekommen und mittlerweile auch auf Englisch. Ich bin zunächst über Vultus Christi auf dieses schöne Dokument aufmerksam geworden, der superschnell reagiert hat (noch am Tage des Erscheinens) und einzelne Absätze des Schreibens kommentiert. In deutschsprachigen Medien ist leider nur eine äußerst knappe Zusammenfassung erschienen und ich fürchte fast, da kommt auch keine deutsche Fassung mehr, zumal nicht mitten im Sommer. Papst Benedikt ist es aber wohl wert, im Ganzen gelesen und übersetzt zu werden – darum habe ich zur Tastatur gegriffen und zugeschlagen. Sowas macht wirklich viel Freude.

Den Brief heute einzustellen, paßt auch irgendwie, denn heute ist auch der Gedenktag des Propheten Elija, auf den sich der Karmel ja auch als Gründervater beruft und der mit großem Eifer für den Herrn eingetreten ist. Sein Ausspruch Zelo zelatus sum pro Domino Deo exercitum umrahmt das Ordenswappen mit dem Berg Karmel und den drei Sternen, von denen einer für Elija steht.

Das Dokument des Heiligen Vaters trägt den wunderschönen Titel Resplendens stella – ein Stern, der großen Glanz ausstrahlt –, der den Werken der hl. Teresa (Vida 32,11) entlehnt ist. Die hl. Teresa meint an dieser Stelle den Konvent zum hl. Josef in Avila, den sie auf die unmittelbare Eingebung Christi errichtete und der, wie er selbst verheißen hat, ein Stern werden solle, der großen Glanz ausstrahlt. Der Heilige Vater schließt mit der schönen Analogie, daß der ganze teresianische Karmel ein solch heller Stern am Himmel der Kirche sei.

Wie ihr seht, bin ich zur Zeit grad „voll des Karmels“ – dazu zu gegebener Zeit mehr, Deo volente.

An meinen ehrwürdigen Bruder, den Bischof Jesús García Burillo
von Avila,

1. Resplendens stella: „ein Stern, der großen Glanz ausstrahlt“. Mit diesen Worten ermutigte der Herr die hl. Teresa von Jesus, in Avila den Konvent vom hl. Joseph zu gründen und damit die Reform des Karmels zu beginnen, deren 450. Jahresgedächtnis wir am 24. August begehen. Aus diesem glücklichen Anlaß möchte ich mich mit der Freude der geliebten Diözese von Avila vereinigen, der des Ordens der unbeschuhten Karmeliten, des Volkes Gottes, das sich auf Pilgerfahrt in Spanien befindet, und mit all jenen in der ganzen Kirche, die in der teresianischen Spiritualität ein verläßliches Licht auf jenem Weg der Erkenntnis gefunden haben, daß der Mensch die wahre Erneuerung seines Lebens durch Christus gewinnt. Entbrannt von der Liebe zum Herrn, wünschte diese erhabene Frau nichts anderes, als ihm in allem zu gefallen. In der Tat sind nicht jene heilig zu nennen, die aufgrund ihrer menschlichen Qualitäten große Dinge vollbringen, sondern im Gegenteil jene, die in Demut Christus ihre Seele durchdringen und ihn durch sich handeln lassen, ihm wahrhaft erlauben, jedes Werk zu beginnen und jedes Stillschweigen zu tragen.
2. Sich von Christus in dieser Weise führen zu lassen, ist nur für den möglich, der ein intensives Gebetsleben hat. In den Worten der Heiligen von Avila besteht es darin, „bei einem Freund zu verweilen, mit dem wir oft allein zusammenkommen, weil wir sicher wissen, daß er uns liebt“. Die Reform des Karmels, deren Jahrestag uns mit innerer Freude erfüllt, wurde aus dem Gebet geboren und strebt zum Gebet hin. Durch die Abkehr von der abgeschwächten Regel und die radikale Hinwendung zur ursprünglichen Regel wünschte die hl. Teresa eine Lebensweise zu fördern, die eine persönliche Begegnung mit Gott begünstigte. Dazu war es erforderlich, „in der Einsamkeit in das eigene Innere zu blicken und sich nicht fremd zu stellen gegen einen so guten Gast“.

3. Die hl. Teresa strebte eine neue Art des karmelitischen Lebens in einer gleichfalls neuen Welt an. Die Zeiten waren schwer und in jenen Zeiten, wie diese Lehrerin des geistlichen Lebens sagte, „sollten die Freunde Gottes stark sein, damit sie die Schwachen stützen können.“ Und sie fügt beredt hinzu: „Die Welt brennt auf allen Seiten, man will gleichsam Christus aufs Neue verurteilen, weil man gegen ihn so viele falsche Zeugnisse vorbringt, man will seine Kirche zu Boden werfen und umstürzen. Nein, meine Schwestern, es ist jetzt nicht die Zeit, daß wir mit Gott von Geschäften handeln, an denen wenig gelegen ist! “[1] Erscheint uns nicht diese mehr als vierhundert Jahre zurückliegende, äußerst erleuchtete und herausfordernde Betrachtung der heiligen Mystikerin vertraut, angesichts der Zeiten, in denen wir leben?
Der äußerste Ziel der teresianischen Reform und der Errichtung neuer Klöster inmitten einer von geistlichen Werten entkleideten Welt bestand darin, die apostolischen Werke durch das Gebet beschirmen und ein Leben nach dem Evangelium zu ermöglichen, das jenen als Vorbild dienen könnte, die sich aufmachten, den Weg der Vollkommenheit zu suchen. Dem lag die Überzeugung zugrunde, daß jede wahrhafte eigene und kirchliche Erneuerung durch die Weise durch die um so treuere Weitergabe dessen bestimmt wird, wie Christus in uns Gestalt annimmt.

Die Heilige und ihre Töchter streckten sich genau danach aus und auch ihre karmelitanischen Söhne strebten einzig danach, in der Tugend voranzuschreiten. Hierzu schrieb Teresa: „Er schätzt eine Seele, die wir durch seine Barmherzigkeit mit unserem Bemühen und Beten für ihn gewinnen, höher als alle Dienste, die wir für ihn verrichten könnten.“ Angesichts von Gottvergessenheit ermutigte die heilige Kirchenlehrerin Gemeinschaften des Gebets, mit Eifer für jene einzutreten, die Christi Namen überall verkündigen, die für die Bedürfnisse der Kirche beten und die Nöte aller Völker zum Herzen des Erlösers bringen mögen.

4. Auch heute inmitten rasanter Veränderungen, muß wie im 16. Jahrhundert vertrauensvolles Gebet die Seele des Apostolates sein, so daß die erlösende Botschaft Jesu Christi mit tiefer Klarheit und großer Kraft erklinge. Es ist von großer Wichtigkeit, daß das Wort des Lebens harmonisch in den Seelen widerhallt, in kraftvollen Klängen, die die Herzen heranziehen.

Teresa von Avilas Beispiel ist uns bei dieser Herausforderung eine große Hilfe. Wir können feststellen, daß die Heilige zu ihrer Zeit bei der Verkündigung kein Blatt vor den Mund nahm und mit mit unerschöpflicher Leidenschaft wirkte, auf eine Weise, der Trägheit fremd war und von erleuchtetem Ausdruck. Ihr Vorbild erscheint an den Kreuzwegen unserer Zeit immer frisch und neu. In dieser Hinsicht erscheint uns von großer Wichtigkeit, daß die Getauften ihre Herzen durch das persönliche Gebet erneuern, das nach der Lehre der Mystikerin von Avila auch auf der Betrachtung der allerheiligsten Menschennatur Christi gründet, als dem einzigen Weg, Gottes Herrlichkeit zu finden. So werden sie wahrhaft Familien sein, die im Evangelium die Glut seiner Heimstatt finden, Gemeinschaften, die eines Herzens sind. Sie sind in Christus als ihrem Eckstein gegründet und dürsten nach hochherzigem und brüderlichem Dienst. Es ist ebenfalls erstrebenswert, daß das unablässige Gebet dem um Berufungen den Vorrang gibt und besonders die Schönheit des geweihten Lebens vor Augen stellt, das als ein Schatz der Kirche betrachtet werden muß, ein Gnadenstrom, in seiner aktiven wie in seiner kontemplativen Ausprägung.

Die Kraft Christi wird gleichermaßen die Anstregungen vervielfältigen, daß das Volk Gottes seine Stärke auf die einzig mögliche Weise wiedergewinne: der Gesinnung Christi in uns Raum zu geben und und sich in jeder Lebenlage radikal am Evangelium auszurichten. Dies heißt vor allem, den Heiligen Geist zu erlauben, in uns zu wirken, auf daß wir Freunde des Herrn und ihm ähnlich werden. Es bedeutet auch, seine Gebote in allen Dingen zu achten und Maßstäbe in uns heranzubilden, wie demütig aufzutreten, dem Überfluß zu widersagen, anderen kein Ärgernis zu geben und mit Einfachheit und Herzensfreundlichkeit voranzuschreiten. Jene um uns herum werden so die Freude erfahren, die unserer Nähe zum Herrn entspringt und erkennen, daß wir dieser Liebe nichts vorziehen, daß wir stets bereit sind, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt, wie Teresa von Jesus in töchterlichem Gehorsam gegenüber unserer heiligen Mutter, der Kirche.

5. Zu dieser Entschlossenheit und Ergebenheit lädt uns die äußerst erhabene Tochter der Diözese von Avila heute ein. In der Annahme ihres schönen Vermächtnisses in diesem Augenblick der Geschichte ruft der Papst alle Glieder dieser Teilkirche und besonders die Jugend auf, die allgemeine Berufung zur Heiligkeit ernst zu nehmen. Den Fußspuren Teresas von Jesus folgend, möchte ich allen, die ihre Zukunft noch vor sich haben, sagen: Mögt auch ihr danach streben, ganz Jesus zu gehören, nur Jesus und immer Jesus. Fürchtet euch nicht davor, so wie sie unserem Herrn zu sagen, „Dein bin ich. Was begehrst du, Herr, von mir?“ Und ich bitte ihn, daß ihr fähig sein mögt, seinem Ruf zu folgen, erleuchtet durch die göttliche Gnade, mit „entschlossener Entschlossenheit“ eure „ kleine Aufmerksamkeit“ darzubieten und darauf zu vertrauen, daß Gott niemals die verläßt, die alles hinter sich lassen, um seine Herrlichkeit zu gewinnen.

6. Die hl. Teresa verehrte mit tiefer Hingabe die allerseligste Jungfrau Maria, die sie unter dem süßen Namen des Karmels anrief. Ich stelle die apostolischen Bedürfnisse der Kirche von Avila unter ihren mütterlichen Schutz, auf daß diese, durch den Heiligen Geist erneuert, geeignete Wege finden möge, das Evangelium mit Begeisterung und Mut zu verkünden. Mögen Maria, der Stern der Evangelisierung, und ihr keuscher Bräutigam, der hl. Josef, dafür eintreten, daß die Kirche, der helle „Stern“, den der Herr durch die teresianische Reform ans Firmament gesetzt hat, weiterhin mit dem großem Glanz der Liebe und Wahrheit Christi die Menschheit erleuchte. Mit diesem Wunsch, verehrter Bruder im Bischofsamt, sende ich Dir diese Botschaft. Ich bitte Dich, sie der Herde, die deiner Fürsorge anvertraut ist, und besonders den geliebten unbeschuhten Karmelitinnen des Karmels vom Hl. Josef in Avila kund zu machen, so daß sie im Geist ihrer Gründerin in der Zeit voranschreiten. Ich bin ihnen stets für ihr inständiges Gebet für den Nachfolger des hl. Petrus dankbar. Ihnen, Dir, und allen Gläubigen in Avila erteile ich den apostolischen Segen als Unterpfand der himmlischen Gnaden.
Benediktus PP. XVI.

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[1] Anm. der Übers.: Ganz zitiert läßt dieser Satz aus dem Weg der Vollkommenheit fast noch tiefer blicken: „
sie wollen seine Kirche zu Boden werfen und umstürzen; und wir sollen unsere Zeit aufbringen mit Bitten für Dinge, die, wenn Gott sie verleihen würde, vielleicht eine Ursache wären, daß wir eine Seele weniger im Himmel haben?“

Bild oben: einziges nach dem Leben gemaltes Bildnis, das noch von der Heiligen erhalten ist (Fr. Juan de la Miseria)

Kommentare:

Gereon Lamers hat gesagt…

Vielen, vielen herzlichen Dank!
Eine großartige Leistung für ein großartiges Dokument; nochmals: Danke!

Ich werde einen Hinweis in "unseren" kleinen Weimarer Karmel mailen!

Winzige Bitte: Wäre es möglich,den Link zum englischen Text noch nachzutragen?

Gereon

Braut des Lammes hat gesagt…

Den englischen Link hab ich grade nachgereicht– insgesamt hab ich drei verschiedene Fassungen gesehen (eine bei Vultus Christi, eine bei news.va und die im Osservatore Romano, die mir sprachlich am Dichtesten am Original zu sein schien. Die Verweise, aus welchem Werk der Heiligen jeweils zitiert wurde, fehlen in meiner Fassung (ich finde, sowas stört den Lesefluß; ich könnte sie aber angeben, falls jemand Bedarf hat).

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