Donnerstag, 26. Juli 2012

Größenwahnsinn

Bei der Hitze reizt es mich zu Satirischem:

Über das meist handelsübliche Kleidergrößensystem bin ich früher manchmal in eine Art komischer Verzweiflung geraten. Mein persönliches Highlight hatte ich diesbezüglich vor Jahren bei agnès b.: Auf die Frage, ob das Twinset meines Wohlgefallens in Größe 40/42 vorhanden sei, bekam ich die Auskunft, die führten sie leider überhaupt nicht. Das macht staunen. Auf die unwillkürliche Frage: „Warum nicht?“ wurde mir die schlichte Antwort: „Weil wir nicht wollen, daß so dicke Frauen [sic!] bei uns kaufen!“ An dieser Stelle vergab ich spontan die goldene Zitrone aller Zeiten und wandte mich von dannen, um mein Geld fortan anderswo unter die Leute zu bringen.

Vorher schon und nachher auch wieder kaufe ich das meiste, was ich brauche, bei langlebigen Labeln, bei denen M wirklich mittel ist und mir paßt – ich brauche es nicht einmal zu probieren.

Am Dienstag nun brauchte ich sehr kurzfristig Söckchen und kehrte daher spontan bei H & M auf der Friedrichstraße ein (in dem haben sie auch halbwegs normale Sachen, wie mir von draußen aufgefallen ist). Auf dem Weg zu den Socken hab ich eine Jacke in einer meiner Lieblingsfarben entdeckt, deren Material sich auch ganz wunderbar anfühlte; kein Wunder, ein Gemisch aus Baumwolle und Modal.[1] Größe M sah zunächst passend aus, eine weitere Prüfung ergab allerdings, daß ich in diesem Falle besser L nähme – vielleicht liegt das aber auch an meinem Schicklichkeitsempfinden. An dieser Stelle wiederum ist es Zeit, sich über das Größensystem außerhalb irgendwelcher Öko- oder handgenähter hiesiger Label zu wundern:

Teilweise finde ich die Hersteller hier eher uncharmant: wenn ich ein Top Größe 40/42 kaufe, kann es mir bei verschiedenen Anbietern passieren, daß ich eines der Größe XL wählen muß. Wieviele Xe vor dem L braucht denn jemand, der Größe 52 benötigt? Eigentlich habe ich eine Figur wie Marilyn Monroe, ein Etikett der Größe XL gibt mir dagegen das Gefühl, die Ausbuchungen eines Kartoffelsacks zu haben.[2] Größe XS wird wahrscheinlich gern von Spazierstöcken getragen.

Größe L war nicht da, dafür aber massig XS (siehe oben). Eine sehr nette Unterhaltung an der Kasse – die mir an dieser Stelle auch nicht schwerfiel, denn die Verkäuferin hätte eine noch viel größere Größe gebraucht – ergab allerdings, daß es durchaus L gäbe, nur war sie halt ausverkauft. Eine Gelegenheit, die tiefschürfende Frage im Herzen zu bewegen, warum man zu Zeiten, wo offensichtlich die meisten Frauen L brauchen (sonst wär sie ja nicht ausverkauft) nicht einfach mehr von L vorhält und weniger XS? Oder man nennt einfach die Dinge beim Namen und eine mittlere Größe eine mittlere Größe.

Kaufe ich unter solchen Umständen dann L, kann ich mich übrigens über merkwürdige Korrelationen bei Stangenware wundern: daß jemand eine weibliche Figur hat, bedeutet nicht notwendigerweise, daß er an sich würfelförmig wäre oder 2,50 m groß oder aber Arme hätte, die ihm bis ans Knie reichen. Nur mal so bemerkt. (Ärmel oder Säume lassen sich wenigstens schnell ändern, bei fehlender Taille oder zu breiten Schultern sieht das schon anders aus).

Also Leute, wenn ihr mich aus einer Menschenmenge herausfinden wollt oder euch angesichts eines Fotos fragt, welche mag sie wohl sein? Ich bin die Dicke, die Größe L trägt. (Andererseits tragen alle anderen womöglich auch L.)
___
[1] Modal ist eine Hohlfaser, die aus Zellulose gesponnen wird. Atmungsaktiv, glatt, natürlich und spendet Wärme.
[2] Und nein, der Spruch, „Ich habe Größe 38 – auf einer Seite!“, paßt nicht. Auch hab ich keine Konzertflügelbeine.

Kommentare:

Andrea hat gesagt…

Also ich hätte dich in die Kategorie S bzw. 36 gepackt. Dieser Blogpost lässt mich jetzt schon staunen :-)

Cinderella01 hat gesagt…

Sehr seltsam, in die Läden wo ich hineinkomme, hängt immer haufenweise 38, 40 oder M, L herum, aber es gibt nie was in Größe 34, 36 bzw. XS oder S ...

Scheint so zu sein, dass man nie das findet, was man gerade braucht

Braut des Lammes hat gesagt…

Andrea, da kannste mal sehen… ;) Cassandra, vielleicht sollten wir die Läden tauschen – ich kenn einen, da hängt ganz viel XS.

Zumindest, was Schuhe betrifft, scheint aber tatsächlich was dran zu sein: ich hab kleine Füße und Größe 37 ist scheinbar immer zuerst weg, während 41 immer da ist. Die Frau, die 41 trägt, sagt, sie findet schwer was, 41 ist meist nicht da. Dafür sind Schuhe meist wirklich so groß, wie es draufsteht.

Cinderella01 hat gesagt…

Wenn ich einmal im Jahr in Berlin bin, krieg immer den Tip, doch mal shoppen zu gehen. Ich frage dann immer, was gibt es in Berlin, was es in München nicht gibt? Offensichtlich kleine Größen. ;-)

Valentina hat gesagt…

Ich musste grad so lachen..
Du und dick - Größe L *lol*
Dann muss ich zum Zeltverleih *lach*
bin ja net umsonst die "Bayerische Big Mama"

dafür kann ich mir meine Schuhe auch in der Kinderabteilung kaufen (Gr.36)

Hat halt alles ein für und ein wider..
Aber ich muss sagen, ich finde es teilweise schon erschreckend, in welche Größe sich manche dann hineinhungern, um "uptodate" zu sein..

Nee, dann lieber a bissl rund und gesund *lach*

dir einen sonnigen Nachmittag
pfiati

Valentina

Braut des Lammes hat gesagt…

Na ja, an der Figur ändert sich ja nur wenig, ob man nun X oder L draufschreibt. An sich finde ich ja, daß man mit ein paar Pfund mehr meist sowieso besser aussieht.

Ich hatte mich halt angesichts der "so dicken Frau" gefragt, ob die jetzt verrückt geworden sind? Wenn wir jetzt mittlere Größen als "dick" klassifizieren und daher vom Kauf hübscher französischer Ware schon mal prophylaktisch ausschließen (eine Betrachtungssweise, die für große Größen übrigens genauso unverschämt ist) – sind vielleicht im Kopf mancher Modeschöpfer endgültig ein paar Maßeinheiten durcheinandergeraten und man täte gut daran, zu realistischeren zurückzukehren.

Cinderella01 hat gesagt…

Schuhgröße 36 geht ja noch halbwegs, aber versuch mal 35 oder 35 1/2 zu kriegen. Vor 20 Jahren gab's die überall, heute ist es nahezu aussichtslos. Die ganzen schicken Sachen, die im Schaufenster stehen, gibt es in der Regel nicht so klein. Gott sei Dank, dass man jetzt im Internet mal das eine oder andere Stück ergattern kann.
Das schlimme ist aber eigentlich, dass Größe nicht gleich Größe ist. Manchmal ist ein S ein XS, dann wieder ein M ein S oder ein S ein M und man fragt sich, wofür es diese Größenbezeichnungen überhaupt gibt, wenn jeder Hersteller macht, was er will. Ich habe 32er (!) Hosen, die zu weit sind und 36er Hosen, die zu eng sind ....

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