Mittwoch, 4. Juli 2012

Bildersturm und Bauarbeiten – Berlin im Umbruch

Eigentlich ist Berlin im Hinblick auf Kunst und Kultur (und auch Krempel!) eine aufregende Stadt, „one of the most fascinating places in Europe at the time“, wie mir von Städtebummlern im Vorübergehen gern einmal versichert wird. Immer wieder gibts was Neues zu sehen – wenn ich etwa an Blasen in Hinterhöfen und um Bäume herum, aufblasbare Ringe um die Oper, orange Kühe, die eine Hauswand hinaufstreben, die Gastspiele des MoMA und die Stippvisite von Jeff Koons' rotem Balloon dog denke.

Dann wieder kann man sich nur wundern (um es zurückhaltend auszudrücken): Zuerst planen die vereinigten Ikonoklasten die Auslagerung weltbedeutenden Kulturgutes aus der erst 1998 errichteten Berliner Gemäldegalerie in irgendwelche Magazine – ungewiß ist alle Wiederkehr, falls man sie dann überhaupt noch wiederfindet. Man braucht den Platz vorgeblich für ein weiteres Museum mit zeitgenössischer Kunst drin. Davon haben wir ja so wenig. Und an den alten Meistern besteht derzeit ja so wenig Interesse.
Um die Dramatik dessen zu verstehen, was hinter der Ankündigung steckt, auf absehbare Zeit eine der bedeutendsten Altmeister-Sammlungen der Welt nur noch „in komprimierter Weise“ zu zeigen, muß man sich vorstellen, daß die Leitung des Metropolitan Museum in New York plötzlich entschiede, Poussin und Goya vorerst ins Depot zu tun und stattdessen erstklassige Designermöbel in den so freiwerdenden Räumen zu zeigen. Eine solche Idee würde in New York für einen dummen Scherz gehalten werden, und schlüge es jemand ernsthaft vor, würde er schnellstmöglich entlassen. (Niklas Maak in der FAZ vom 28. Juni 2012)
Ich frage mich seit der Lektüre des Artikels verzweifelt, was man als „Normalbürger“ gegen eine derart hirnverbrannte Idee tun kann, bevor es zu spät ist?

Maak weist zudem völllig zutreffend darauf hin, daß es, wenn Besucherzahlen stagnieren, es vor allem daran liegt, daß der Eingang zur Gemäldegalerie – und mithin in diesem Fall die Gemäldegalerie selbst – schwer zu finden ist. Meines Erachtens wird mit diesem speziellen Pfund alter Gemälde auch viel zu wenig gewuchert, das heißt, die Galerie ist auch noch schlecht beworben. Wer sie einmal gefunden hat, wird sie lieben und immer wiederkommen. Bis vor nicht allzulanger Zeit war übrigens Donnerstagabend ab 18 Uhr bis zum Schluß um zehn der Eintritt frei, man konnte sogar von Kunststudenten geführt werden, wenn man wollte. Das hat man abgeschafft, eine unglückliche Entscheidung, wie ich finde.

Installation von Plastique fantastique an der Neuköllner Oper

Jeff Koons' Balloon dog (red) in der Neuen Nationalgalerie

Dann sind da die immerwährenden Bauarbeiten in der, an der und um die Staatsoper herum, an denen wir uns seit Monaten erfreuen dürfen, während die Kathedrale im Staub versinkt. Vielleicht übernimmt der Senat ja fairerweise auch die anschließend fällige Innensanierung der Kathedrale und die Überholung der Klaisorgel? Vielleicht auch macht man ja noch weitere interessante und „unerwartete“ Holzfunde? (Ich bitte euch, es war vorher allgemein bekannt, daß die ganze Gegend dortherum auf Pfählen errichtet wurde, weil Friedrich II. ein Sumpfgelände für sein Forum erworben hat.)

Daß die Bauarbeiten – was baggert so spät im Baggerloch? Es ist der Bagger, er baggert noch! – nunmehr nicht nur werktags, sondern auch sonntags während der Gottesdienste weitergeführt werden, ist ein neuer trauriger Höhepunkt in der unterschiedlichen Bewertung von Profit und Sonntagsruhe. Die Autorin dieses Blogbeitrags hat in der Messe am Sonntagabend zur Wandlung jedenfalls mit einer gewissen Vehemenz auf den Gong gedroschen, da es draußen so laut war, daß man selbst nur ein weniges vom Altar entfernt die Wandlungsworte kaum noch verstanden hat. Eigentlich ist das meines Erachtens schon fast als Störung der Religionsausübung zu betrachten. Jedenfalls haben die Altarglocken einmal den Zweck erfüllt, den sie ursprünglich einmal hatten: dem Volk, das nichts versteht, anzuzeigen, wann die Wandlung ist. Und das ganz ohne Latein.

Um auf die obigen Bilderstürmer zurückzukommen: schnell hin in die Gemäldegalerie, solange noch drin ist, was hineingehört: Fra Angelico, Bruegel, van Eyck, Dürer, Tizian, Caravaggio, Raffael, Rubens, Rembrandt und Vermeer.
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Bild oben: Das Perlenhalsband von Vermeer in der Berliner Gemäldegalerie – bald ein Fall fürs Magazin? kleines Bild: Bauarbeiten an der Hedwigskathedrale am 30. Juni und 1. Juli (eigene Aufnahme)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Ich frage mich seit der Lektüre des Artikels verzweifelt, was man als „Normalbürger“ gegen eine derart hirnverbrannte Idee tun kann, bevor es zu spät ist?"

Hier gibt es eine Petition:
http://www.change.org/petitions/stiftung-preussischer-kulturbesitz-berlin-reconsider-the-plan-to-empty-the-gem%C3%A4ldegalerie-of-old-masters

Herzlichen Gruß,
Barbara

Anonym hat gesagt…

War grad vor einigen Tagen stundenlang in der Gemäldegalerie, völlig überwältigt ... allerdings ist das Perlenhalsband, auf das ich mich so freute, gerade in Japan! (Kuriose Nebenbemerkung zur Gemäldegalerie und ihrem Bekanntheitsgrad: Wenn man Süddeutschen erzählt, man wolle in Berlin die Gemäldegalerie besuchen, kommt die Gegenfrage: Was für eine Gemäldegalerie? Davon gibts doch sicher viele ...)

Braut des Lammes hat gesagt…

In gewisser Weise gibts ja auch mehrere – die Alte und die Neue Nationalgalerie und auch das Bode-Museum fallen mir etwa noch ein. Wie man auf die Idee verfallen kann, die extra für diese Bilder mit Stoff bespannten und ausgeleuchteten Räume jetzt ausräumen wollen, ist halt so gar nicht nachvollziehbar.

@Barbara, danke für den Hinweis, hab ich gleich genutzt.

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