Samstag, 7. Juli 2012

Be a mensch!

Der Predigtgärtner berichtet über Wegwerfküken. – Vor etlichen Jahren hatten frühere Bekannte von mir überlegt, eine Kunstinstallation zu machen, bei der tausend Hühnereier irgendwie pyramidal oder sonstwie angeordnet und so ausgebrütet werden sollten, daß die Küken alle gleichzeitig zu einem bestimmten Zeitpunkt schlüpfen. Meine Frage: „Was wollt ihr denn hinterher mit den ganzen Küken anfangen?“ wurde mit einem Achselzucken und „Spree?!“ beantwortet. Kurz zusammengefaßt: das „Kunstprojekt“ kam dann nicht zustande und die Bekanntschaft kühlte sich in der Folge deutlich ab. Abgesehen davon, daß ich diese Wegwerfmentalität in Bezug auf Leben abstoßend finde, hatte ich auch den Eindruck, daß diesen Leuten irgendetwas abging, eine Art Sinn oder Empfinden, den oder das man braucht, um ein Mensch[1] im Sinne des Wortes zu sein.

Ähnliches denke ich von Jahr zu Jahr, wenn, wie heute, wieder einmal Stiertreiben in Pamplona ist. Was ist so toll daran, diese armen Kreaturen zu triezen, zu quälen und zu schinden, die übrigens keine Überlebenschance haben, sie werden am Ende alle getötet. Ich weiß es nicht, möchte auch nicht wissen. Man möchte ihnen mit Wilhelm Busch kommen: Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz. Insofern tut es mir leid, konstatieren zu müssen, daß sich mein Mitleid mit solchen Leuten, die dabei zu Schaden kommen, in recht engen Grenzen hält. Manchmal, wie im Falle der Kükeninstallation, ist es vielleicht bloße Gedankenlosigkeit, bei organisierten und systematischen Tierquälereien wie Stierkämpfen hab ich manchmal das Gefühl, das ist wirklich das Antlitz des Bösen, des Unmenschlichen auf jeden Fall.

Hühner sind übrigens, entgegen gängigen Vorurteilen, keineswegs dumme oder stumpfe Tiere. Wie Forschungen in jüngerer Zeit ergeben haben, sind sie in der Lage, mit ihren Jungen zu fühlen; ein Verhalten, daß man so bisher nur bei Rabenvögeln beobachtet hat. In diesem Falle wären die Hühner „menschlicher“ als so mancher Mensch.

Christus selbst wendet im Evangelium das Bild der fürsorglichen Henne auf sich an: Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; ihr aber habt nicht gewollt. (Lk 13, 34)

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[1] Dieses Wort ist über das jiddische „Mentsh“ unter anderem auch in Billy Wilders The Apartment
eingegangen: „Be a mensch! You know what that means, a mensch? A human being!“
kleines Bild: Jesus Diges

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