Freitag, 22. Juni 2012

Dürer, der Marsch für das Leben und die Tagesheiligen – ein Potpourri zum Thema Billigtickets der DB


Anläßlich des diesjährigen Marsches für das Leben im September bietet die Deutsche Bahn ein verbilligtes Zugticket an. Die Bahn hat viele solche Aktionen. So hat sie, wie ich auf der Heimreise von Freiburg mit Interesse gesehen habe, ein günstiges Angebot zur Dürer-Ausstellung in Nürnberg. Die Ausstellung Der frühe Dürer wiederum wirbt mit der Haller Madonna[1] – der Sohn Gottes mit seiner Mutter. Dafür treten wir mit dem Marsch für das Leben ein: für Kinder und ihre Mütter. (Für ihre Väter natürlich auch.)

Die Bahn bietet zu allen möglichen Veranstaltungen verbilligte Bahnfahrkarten an, ohne diese Angebote zugleich inhaltlich zu bewerten (was nebenbei bemerkt, auch gar nicht ihre Aufgabe wäre; die Bahn ist schließlich ein Unternehmen). Bietet sie sie allerdings Lebensschützern an, dann ist aber was gefällig.

Nachdem die Bahn wegen der verbilligten Fahrkarten nach Berlin – die sie deshalb anbietet, weil zu der Veranstaltung besonders viele Teilnehmer erwartet werden, diese also eine Großveranstaltung ist – harsch kritisiert wurde, stellte sie klar: Das ist ein völlig normales Angebot. Ja genau. Es ist ja auch völlig normal. (Der Beobachtung Phils, daß die Bahn unter Umständen in letzter Zeit womöglich längst nicht genügend positives Feedback bekäme, kann ich mich nur anschließen.)

Liest man dagegen die Statements der vereinigten Kritikasterinnen – nein, kein Binnen-i! – der Bahn, kommt man allerdings zu dem Eindruck, die Deutsche Bahn sollte es lieber völlig normal finden, nur Leute billiger zu transportieren, die selbigen persönlich oder moralisch in den Kram passen, etwa solchen, „die auf feministische Demos fahren und für Abtreibungs­rechte kämpfen“. Hier kommt offenbar der Autorinnen allgemeiner Neid darüber, daß sie selbst keine verbilligten Tickets für die Demonstration ihrer kruden Ideen erhalten, im Mäntelchen der Sorge um die freiheitlich-demokratische Grundordnung daher und erscheint doch kaum verhüllt. Mir scheint fast, darum geht es letztlich eigentlich: „Wir haben keinen verbilligten Fahrpreis bekommen. Heul.“ Dem läßt sich ganz einfach abhelfen: kauft euch doch einfach für 39 Euronen eine Fahrkarte zu Albrecht Dürer und alles wird schön.

Wir leben übrigens in einer Demokratie. Da darf man demonstrieren (ich tue es ja auch, wie man sieht). Man darf auch für das Leben demonstrieren. Und wenn es eine Großveranstaltung ist, darf man auch Vergünstigungen in Anspruch nehmen.

Das Recht, wenn wir schon von Rechten sprechen, auf Demonstrationsfreiheit wird in einer Demokratie stets auch Leuten zugestanden, mit deren Ansichten man nicht übereinstimmt, auch den Gegendemonstranten. Und weil gerade so schön von Rechten die Rede ist: eigene Rechte enden übrigens unter Umständen dort oder sind zumindest eingeschränkt, wo sie die Rechte eines anderen tangieren, in diesem Falle die eines ungeborenen Kindes, das ein natürliches Recht auf Leben hat.

In der Lesung des Tages und der Predigt zum Gedenktag der hll. Thomas Morus und John Fisher haben wir viel über Gewissensfreiheit gehört. Die Märtyrer sind ihrem Gewissen gefolgt, ja, sie sind deswegen gestorben, getreu dem Wort des Apostels: Wenn einer von euch leiden muß, soll es nicht deswegen sein, weil er ein Mörder oder ein Dieb ist, weil er Böses tut oder sich in fremde Angelegenheiten einmischt. Man beachte übrigens, wie der Apostel das Einmischen in fremde Angelegenheiten in eine Reihe mit schweren Verletzungen anderer auflistet. Um einem Mißverständnis vorzubeugen: wer für den Lebensschutz demonstriert, mischt sich nicht in fremde Angelegenheiten, das tut derjenige, der anderen absprechen will, sich für den Schutz des Lebens – jeglichen Lebens – einzusetzen.

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[1] Den rechten Arm des Jesuskindes finde ich anatomisch übrigens etwas merkwürdig, btw. Theologisch ist die Geste sehr schön.


Nachtrag: Josef Bordat hat hierzu inzwischen einen offenen Brief an den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn geschrieben: Lassen Sie sich nicht aus der Bahn werfen! Der Brief ist, wie immer, lesenswert.

Kommentare:

Cassandra hat gesagt…

Ich habe mir das grad in seiner Gesamtheit durchgelesen. Am großartigsten finde ich den Kommentar: "Nun ja, die Bahn bleibt ihrer Tradition da ganz treu. Tragischerweise. Dass die sich nicht schämen. Bräuchten alle 1x Geschichtenachsitzen."

Das spielt auf die Judendeportationen in Zügen während der Shoah an. Das ist so abstrus, das wird schon wieder komisch.

Die Demo-Teilnehmer fahren freiwllig an ihr Ziel, sie behalten dort die Freiheit, jederzeit umkehren zu dürfen, nicht zur Demo sondern lieber ins Cafe gehen oder was auch immer zu
tun. Sie werden nicht zwangsweise ein einen Zug gesetzt und zu ihrer Ermordung gefahren.
In diesem Fall ist tatsächlich Geschichtsunterricht angezeigt. Für die Kommentatorin.

Das läuft auf ein Beschneiden der Grundfreiheiten von politisch Andersdenkenden hinaus. Und das wiederum erinnert mich dann ganz übel dran, dass während der Shoah Juden zB nicht mehr Bahn, Strassenbahn fahren, sich auf Parkbänke setzen oder ausserhalb von festgesetzten Zeiten auf der Strasse zu sehen sein oder gar einkaufen. Das war eine geplante und gezielte Verdrängung aus dem öffentlichen Leben als Vorbereitung des Mords.

Nu' ist das Nichtgewähren eines Geschäftsvorteils was anderes als ein Verbot und da ist ein sehr, sehr grosser Unterschied zwischen Völkermord und dem Nichtgewähren eines Gruppenrabattes. Aber die Forderung, dass die Bahn Geschichtsunterricht nehmen möge, geht zumindest in diesem Fall völlig ins Leere.

Die Bahn überzeugt sich von der grundsätzlichen Verfassungstreue einer Veranstaltung, nicht einer Person, und verkauft Tickets.
Zu fordern, die Bahn möge politisch gewichten und werten ist, als ob der Gemüsehändler bewerten müsse wen ich vorhabe zum Essen einzuladen.


Das ist der komplette Unfug. Ich geh' was sinnvolles tun, die Kinder werden wach!

Josef Bordat hat gesagt…

Ja, die Stellungnahmen sind unfassbar. Ein FB-Kommentator schreibt: „Warum gibt es Vergünstigungen für fundamentale Christen? Sagt die Bahn dann wieder, sie hätte sich nicht dagegen wehren können? Anfang der 40er hat sie ja schonmal schwer versagt!“ - Verglichen wird hier also ein Deutsche Bahn-Gruppentarif für „fundamentale Christen“ mit der Beteiligung der Reichsbahn an der Deportationslogistik der Nazis im Rahmen der Shoa. Kompliment an alle, die da noch Worte finden. Ich für meinen Teil muss da passen.

Gereicht hat es aber zu einem Offenen Brief an Dr. Rüdiger Grube, Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bahn AG: http://jobo72.wordpress.com/2012/06/23/lassen-sie-sich-nicht-aus-der-bahn-werfen/

LG, JoBo

Braut des Lammes hat gesagt…

Auf die Tatsache einzugehen, daß in den Beiträgen auch mehrerer Blogs die Lebensschützer sich wiedereinmal in der rechten Ecke wiederfinden, hatte ich schon gar keine Lust mehr. Zum einen aus Überdruß, zum anderen scheint mir das teils auch Strategie zu sein: der vermeintlich Beschuldigte ist dann unter Umständen erst einmal so damit beschäftigt, sich zu verteidigen (für was genau eigentlich?), daß er zu tun hat. Es ist ein Versuch, vom eigentlichen Thema abzulenken. Das eigentliche Thema scheint oft zu sein, daß diejenigen, die solche Anwürfe veröffentlichen, es mit der Meinungsfreiheit nicht so haben. Deshalb fordern sie sie für sich selbst, während sie sie anderen nicht zugestehen wollen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke, Joseph, für den offenen Brief.

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