Mittwoch, 13. Juni 2012

Das Zelt Gottes unter den Menschen (oder: der Herr wohnt auch im Sichtbeton)

Jetzt, wo die, fast möchte ich sagen, „arme“, Kapelle im Karl-Rahner-Haus so in die Defensive gedrängt ist, tut sie mir fast leid. Selber hätte ich an diesem Kirchraum verschiedenes anders gestaltet, indes, wer fragt mich schon, und die Kapelle ist nun einmal da, da muß man sie verbrauchen wie sie ist.

Ich habe übrigens noch nie an einem Treffen oder einer Konferenz im geistlichen Umfeld teilgenommen, bei der es so problemlos und spontan möglich war, die kirchlichen Tagzeiten – Laudes, Non, Vesper, Komplet – und auch noch den Angelus zusammen zu beten (ums Haar hätten wir am Samstag auch noch die Sext „geschafft“), ganz selbstverständlich, aus dem römischen Stundenbuch und mit den Worten und Versen, die die Kirche uns für den jeweiligen Tag vorgibt.

Sich über die Gestaltung einer Kirche oder Kapelle in Harnisch zu reden, verfehlt meines Erachtens den Punkt. Sicher, man kann an ihre Gestaltung den einen oder anderen Wunsch haben – in der Kapelle im Karl-Rahner-Haus etwa wäre schon etwas Wesentliches getan und ausgesagt, wenn der Tabernakel mittig in die Altarwand eingelassen wäre. Auch hab ich das Mysterium in Kapellen neueren Datums nie verstanden, das den Mitfeiernden statt Bänken nunmehr diese Hocker zumutet. Andererseits hab ich mich zur Zeit halt einfach vor den Hocker gekniet. So what?! Der Hocker hat übrigens sowohl die körperliche Hinwendung zum Evangelium als auch zum Altar ermöglicht. Der winzige, in die linke Ecke gepflasterte Tabernakel, vor den man sich allenfalls auf den Boden kauern oder auf einen Hocker setzen kann, hat mich allerdings auch etwas verwirrt. Wie gesagt, in der Mitte hinterm Altar, und alles wird schön.

In der Akademiekirche hätte ich zuzeiten gern einen Dachreiter mit Glocke und einen Kreuzweg gehabt. Warum man in manche Kirchen einen Beichtstuhl gar nicht erst einbaut, bleibt ebenfalls eines der Rätsel unserer Zeit. Die Karmelitinnen in Regina Martyrum hätten gern etwas weniger „Gräue“, und wer kann es ihnen verdenken? Kann man alles finden und hoffen. Bei solchen Befindlichkeiten stehenzubleiben, verfehlt aber, wie gesagt, den eigentlichen Punkt. Eine Kirche muß zunächst einmal so verbraucht werden, wie sie ist – wir können uns nicht erst noch eine andere bauen, wenn wir uns zum Gebet zusammenfinden wollen. In der Kirche, und sähe sie aus wie ein Trafohäuschen, ist Christus wahrhaft und dauerhaft gegenwärtig. Wenn ich manchmal später am Abend nochmals am Bebelplatz vorbeikomme, sag ich zum in der Kathedrale gegenwärtigen Herrn, „Gut’ Nacht, Jesus!“ Ich finde den Gedanken, daß er da jetzt ist, in der Stille und Dunkelheit, neben dem flackernden roten ewigen Licht, mitten im Herzen der Stadt, und daß er immer da sein wird, einfach so tröstlich – bis ans Ende der Zeiten versammelst du dir ein Volk, damit deinem Namen das reine Opfer dargebracht werde vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang.

Zu Betonkirchen hab ich ohnehin ein entspanntes Verhältnis: ich bin in einer solchen katholisch geworden und hab längere Zeit an einem Ort gelebt, der in diesem Sechziger-Jahre-Stil gestaltet war. Auch finde ich, daß man die Atmosphäre in einer Kirche eigentlich wirklich nur beurteilen kann, wenn man einmal selbst dort gewesen ist. In der Akademiekirche etwa kann ich sehr gut beten – der Tabernakel und der Ort, an dem er sich befindet, sind sehr schön –, was in manch barocker Kirche mit all dem Schwulst und Fleisch (bei dem ich mich oft von dem etwas kindlichen Gedanken „Hätten sie sich doch was angezogen!“, nicht recht freimachen kann) schon deutlich schwieriger ist. Wahrscheinlich kommt man aber in einer solchen Kirche, wo man sie hat, dauerhaft dazu, den Schwulst einfach auszublenden.

Rumer Godden schreibt in In this house of Brede über einen Altaraufsatz im Zuckerbäckerstil, daß die einen Schwestern ihn und seine Engelchen ganz reizend gefunden hätten, während er die künstlerisch Veranlagten „schaudern machte“. Will noch einmal sagen: man muß das vorhandene nun einmal nehmen wie es ist, oder wie es der Pfarrer in der Akademie in zwei Worten ausdrückte „Is’ so!“ Im Grunde kommt es, glaube ich, auch darauf an, welchen persönlichen Bezug man zu einer Kirche hat.

Andrea hat übrigens interessante Photos von der Kapelle gemacht. Wenn man einmal herausfände, wem die Kapelle nun eigentlich geweiht ist, könnte man vielleicht aufhören, sie „Karl-Rahner-Kapelle“ zu nennen.

Eine Kapelle oder ein Oratorium im Haus zu haben, ist eine prima Sache. Man läuft zu jeder Tages- oder Nachtzeit schnell ein paar Treppen hinab oder hinauf und ist bei Christus – was interessieren mich da zersägte Baumstämme?
___
Bilder: Kapelle im Karl-Rahner-Haus via Bachmichels Haus; Tabernakel in der Akademiekirche St. Thomas von Aquin in Berlin-Mitte

Kommentare:

Andrea hat gesagt…

Danke für die Auswahl meines Fotos und die Verlinkung. Findest du, wir reden uns in Harnisch? Ich für meinen Teil habe nur versucht zu beschreiben, was mir gut gefällt.

Finde deinen Satz:

"Eine Kirche muß zunächst einmal so verbraucht werden, wie sie ist – wir können uns nicht erst noch eine andere bauen, wenn wir uns zum Gebet zusammenfinden wollen. "

sehr gelungen. Mir ist damals die Umgewöhnung von "meiner" schlichten gotischen Heimatkirche, in der ich getauft wurde, meine erste heilige Kommunion und die Firmung empfange habe, auf die Barockkirche, in der Gemeinde, in der ich dann lebte, sehr schwer gefallen. Aber eigentlich ist das Drumherum ja vollkommen egal. Und ich bete sowieso mit geschlossenen Augen, da vergesse ich ob schlicht oder barock mich umgibt :-)

Braut des Lammes hat gesagt…

Vielleicht hätte ich doch einen Link setzen sollen: ich fand nicht, daß wir uns in Harnisch reden, bei Ultramontan und Geistbraus hatte ich den Eindruck, sie redeten sich in Harnisch. Natürlich kann man jederzeit schreiben, was einem gefällt oder weniger gefällt.

Vielen Dank für die schönen Fotos, das Kreuz an der Decke war mir ebenfalls dabei gar nicht ins Auge gefallen.

Anonym hat gesagt…

Danke! Du sprichst mir aus dem Herzen. Wie so oft.
Gabriele

kalliopevorleserin hat gesagt…

In Melk an der Donau habe ich vorzeiten die Erfahrung gemacht, vor lauter kirchenprunkvoller Überfrachtung nicht ein Gebet sprechen zu können. Das ist barockes Theater mit so viel goldenen Puttenhintern, daß ich beginne, Bilderstürmer zu begreifen. Obwohl ich den ganzen Rest von Kloster Melk einfach hinreißend finde.

Hier ist die Schlichtheit sehr weit getrieben. Vielleicht hie und da zu weit. Aber gerade deshalb kann ich mir ein Gebet an diesem Ort sehr gut vorstellen.

Cinderella01 hat gesagt…

Also ich würde mich in so einer Kapelle auch nicht wohlfühlen. Natürlich ist Gott überall ... auch in meiner Wohnung, aber die würde ich auch nicht so einrichten. Gerade hier in München wo es ja sehr viele alte Kirchen gibt, habe ich das Gefühl, dass die Leute in den Stadtrandkirchen, die irgendwie doch etwas lieblos hochgezogen wirken, auch ihre Beziehung zum Glauben verloren haben. Aufgefallen ist mir das letztens, als die Tochter meiner Freundin gefirmt wurde: Übervolle Kirche im Garagenlook und die Leute saßen rum und schwatzten. Keiner hat gebetet. Dann fing die Orgel an zu spielen (das heißt der Kardinal kommt). Keiner stand auf - außer mir, weil ich das ja aus dem Dom so kenne, wo alle aufstehen. Kardinal Marx lässt sich von den Ministranten an der Kirchentür abholen, geht zum Altar, kniet, betet und geht dann in die Sakristei, um die liturgischen Gewänder anzulegen.
Beim "richtigen" Einzug standen dann zwar alle auf, aber nur ganz wenige haben sich bekreuzigt, als der Kardinal einzog. Und das machen im Dom oder in einer der anderen Innenstadtkirchen alle, wenn ein Bischof einzieht. Beim Auszug dann das gleiche Bild. Das sah für mich irgendwie so aus, als ob die Leute das verlernt hätten in dieser Garagenumgebung.
Also ich muss ehrlich sagen, wenn ich sonntags in einer der Innenstadtkirchen zur Heiligen Messe gehe, denke ich immer so muss es im Himmel aussehen. So eine kahle Kapelle mit Holzklötzen könnte ich mir im Himmel beim Willen nicht vorstellen.

MC hat gesagt…

Ohne irgendwen ansehen zu wollen möchte ich meinen, dass es von einer gewissen geistig-geistliche Unreife zeugt, wenn man sich derart intensiv vom Raum abhängig macht, in dem man betet und die Messe feiert. Zwar erleichtert ein schöner Innenraum - wobei darunter jeder auch was anderes versteht - die Andacht ganz umgemein, aber zu sagen man kann in dieser und jener Kapelle/Kirche nicht anständig beten ist doch kein Zeugnis von geistlicher Tiefe. Ich darf das sagen, denn mir ging es früher genauso. Da dacht ich mir immer: Also nee, da kannste doch nicht andächtig sein, das geht doch gar nicht, das ist doch ne Zumutung. Na, irgendwann gings dann doch, als ich begriffen hatte, dass es nicht darauf ankommt, wie es draußen aussieht, sondern darauf, wie es in mir drin aussieht. Denn der Tempel, in dem wir beten, der sind wir zuerst selbst.

Georg F. Schimmerl hat gesagt…

....also ich kenne die Kapelle ja nur von den gelungenen Fotos und mir gefällt sie. Mag sein dass das an der Photographin liegt...aber ich unterstelle ihr einmal, hier nicht mit Photshop nacvhgeholfen zu haben. Und meinetwegen soll sie auch Karl Rahner- Kapelle heissen--- irgendwo im Himmel gibts auch für den guten Rahner bestimmt Platz--auf jeden Fall im Raucherabteil

Cinderella01 hat gesagt…

@ MC: Also andächtig beten kann man überall ... das hat nichts mit dem Raum zu tun. Wir haben ja auch im Berliner Olympiastadion gebetet, nicht nur während der Heiligen Messe mit dem Papst, sondern auch vorher, als das "Show-Programm" noch lief, z.B. den Angelus.
Wir beten auch auf dem Marienplatz, z.B. die Stadtmaiandacht oder den Stadtrosenkranz, während ringsrum die Leute shoppen gehen und der übliche Tagesverkehr läuft.
Aber schöner ist es in einer schönen Kirche, weil ich mich dem Himmel dort näher fühle.

ultramontan hat gesagt…

Liebe Braut,

ich will es nocheinmal, inzwischen zum X-ten Mal, wiederholen: Ich habe zu der Kapelle in meinem Artikel absolut nichts gesagt außer einem kleinen Übrigens-Sätzchen: »Die erwähnte energetische Vesper fand übrigens in dieser anmutigen Kapelle statt«.

Mir ist wirklich ehrlich unerklärlich, was daran ein In-Harnisch-Reden über die Gestaltung der Kapelle sein soll. Bitte erkläre es mir.

Am Rande: Früher war ich häufiger mal in Maria-Regina-Martyrum in der Messe. Ich kenne die Kirche (und die Anlage) quasi, seit ich denken kann. Ich habe (soweit ich mich erinnere) nie ein schlechtes Wort über sie verloren und sehe dazu auch keinen Anlass.

Ich habe den Eindruck, du hast irgendetwas anderes gelesen, jedenfalls nicht den Text, den ich geschrieben habe.

*ratlos*

Braut des Lammes hat gesagt…

Lieber Ultramontan, ­­­mit „inzwischen zum x-ten Mal“, ist vermutlich gemeint, daß das noch anderswo zum Ausdruck gebracht wurde?

Die Verbindung zwischen Bloggertreffen und Kapelle ist innerhalb deines von mir als sehr scharf formuliert empfundenen Beitrages so doch überhaupt erst so hergestellt worden. Für die Blogger, die zum Treffen gefahren sind, war sie – so oder so empfunden und reflektiert – eben die Kapelle, die da war; es war naheliegend, sie zum Gebet zu nutzen, und das ist ja auch mit großer Freude und Liebe zum Gebet geschehen, worauf in den Kommentaren deines Beitrags eigens auch noch einmal hingewiesen wird. Darauf sprichst du von „Einwickelung“. Aus der Verwendung eines Wortes für die Vesper, das du so nicht verwendet hättest fließt ein Seitenhieb auf die „anmutige“ Kapelle. (Nun hab ich dich weder bei der Vesper noch in der Kapelle gesehen. Vielleicht ist das auch der eigentliche Punkt.) – Das nenne ich in Harnisch reden.

Die Anmerkung über Regina Martyrum wiederum gehört erkennbar zu meinem eigenen kleinen Exkurs über sakrale Bauweise der einen oder anderen Art. Daß du dich dazu geäußert habest, hatte ich doch auch gar nicht behauptet. Nicht du hast, sondern ich habe schon öfter etwas über Regina Martyrum geschrieben, übrigens auch jetzt kein böses Wort, sondern lediglich, daß man sie als „etwas Grau“ empfinden kann. Die Bauweise der Kirche ist natürlich dem Ort und seiner Historie geschuldet, ebenso natürlich aber auch der Vorliebe der Bameister jener Jahre für Sichtbetonlamellen, gebürstete Sichtbetonwände, Kieselsteinplatten und ähnliches mehr.

Ich hoffe, es ist jetzt etwas klarer geworden.

ultramontan hat gesagt…

Salü.

Mein Beitrag war tatsächlich »sehr scharf formuliert«. (Ich hatte deshalb nach dem Schreiben erwogen, ihn gar nicht erst einzustellen.) Aber er behandelte nicht das Bloggertreffen. Ich war gar nicht anwesend bei dem Treffen und ausreichend Berichte darüber gab’s noch nicht.

Ich hatte das Interview mit Norbert auf kath.net gelesen, in dem er sich kritisch zur »Insidersprache«, die in der Kirche häufig gepflegt werde, äußerte. Das fand ich gut.

Dann habe ich seinen Beitrag auf der Sendezeit gelesen. Und war entsetzt. Ganz körperlich mitgenommen. Weil darin fast jeder Satz in genau dieser »Insidersprache«, in diesem typischen Kirchensprech, abgefasst war, inklusive Rahnerkult.

Deshalb mein Artikel; davon handelt er. Ich mag mich über die Sprache in Norberts Sendezeitartikel "in Rage geredet" haben – aber über die Kapelle? Nö, nirgends.

(Regina Martyrum hatte ich hier nur erwähnt, um an einem Beispiel, das wir beide kennen, deutlich zu machen, dass ich gegen Waschbetonkirchen per se gar nicht viel habe, also eben auch nicht gegen diese Kapelle in Freiburg.)

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