Samstag, 5. Mai 2012

Wir sind viele und stehen für alle – das Kelchwort

Schon weil ich keine Theologin bin, war ich etwas zögerlich, zu dem Thema „pro multis“ etwas zu schreiben, da gibt es sicherlich Berufenere. Andererseits ist es doch auch wieder ganz einfach: wenn Jesus Christus, als er die Eucharistie einsetzte, „für viele“ gesagt hat, dann hat er es eben gesagt, und deshalb wird es im lateinischen Hochamt ja auch so gebetet, ohne daß jemand etwas dabei findet.

Als Übersetzerin wiederum liegt mir viel an der sprachlichen Qualität übersetzter Texte. Schon zu Schulzeiten hat man uns die Regel eingeprägt: so genau wie möglich, so frei wie nötig. (Übersetzungen, die allzusehr am Wort kleben, sind ein Graus.) Was heißt, vielleicht müßig zu sagen, daß die Übersetzung die Sprachmelodie der Sprache, in die übertragen wird, treffen und gegebenenfalls deren Bilder verwenden muß, dabei aber den Bedeutungsgehalt nicht verändern darf. Und eben das ist bei einer Übertragung von pro multis in für alle meines Erachtens so nicht gegeben.
Nehmet und trinket alle daraus: das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“
(So ungewohnt klingt das für mich im übrigen auch auf Deutsch nicht, es gibt Priester, die das „für viele“ verwenden, es ist mir über die Jahre immer wieder einmal aufgefallen, vor allem dann, wenn ich die Altarglocken zu läuten hatte. Was nicht heißt, daß ich sonst nicht hinhöre.)

Was der Wunsch, Übersetzungen der liturgischen Texte in die einzelnen Volkssprachen nicht in eine Form abgleiten zu lassen, bei denen „zwischen den verschiedenen Übersetzungen manchmal kaum eine Gemeinsamkeit zu finden ist und der zugrundeliegende gemeinsame Text oft nur noch von weitem erkennbar bleibt“[1], mit Traditionalismus zu tun haben soll, ist mir unverständlich. Es ist doch vielmehr der Wunsch nach einer Übersetzung, die das zum Ausdruck bringt, was auch tatsächlich dasteht.

Den Brief des Heiligen Vaters habe ich mir am Tag nach dem Bekanntwerden durchgelesen und war angerührt, wieviel Mühe sich Papst Benedikt gegeben hat, seinen Bischöfen den Sachverhalt darzulegen – der verschiedentlich verwendete Begriff „werbend“ trifft es genau. In schlichter, gütiger und zugleich überzeugender Weise wirbt er für sein Anliegen, weil es ihm spürbar am Herzen liegt. Dabei überfährt er die, an die er sich wendet, jedoch nicht.

Druckt man sich den Brief aus, wie ich es getan habe, so werden daraus in normaler Schriftgröße mehrere Seiten. Zwar ist der Brief an einige, doch ist er für alle, denn der Heilige Vater bittet ja, daraus eine Katechese zu machen – eigentlich ist der Brief ja schon eine. Ich bin überzeugt, läse man den Brief als Hirtenbrief in der Heiligen Messe vor, wäre schon viel gewonnen. Zwar kenne ich niemanden, der sich an der Verwendung von „für viele“ störte, indes diskutieren wir in den Gemeinden nicht täglich theologische Sachfragen. Dies ist allerdings kein Indikator, und manch einer mag dankbar sein, wenn ihm der Sachverhalt auf solch schöne Weise dargelegt wird.

Besonders gefallen hat mir an dem Brief des Papst Benedikts der Verweis auf die Anbetung des Lammes durch die vielen: Danach sah ich eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen, heißt es in der Offenbarung des Johannes. Wir sind viele und stehen für alle. So gehören die beiden Worte „viele“ und „alle“ zusammen und beziehen sich in Verantwortung und Verheißung aufeinander.
Das Sein und Wirken Jesu umfaßt die ganze Menschheit, Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft. Aber faktisch, geschichtlich in der konkreten Gemeinschaft derer, die Eucharistie feiern, kommt er nur zu „vielen“. So kann man eine dreifache Bedeutung der Zuordnung von „viele“ und „alle“ sehen. Zunächst sollte es für uns, die wir an seinem Tische sitzen dürfen, Überraschung, Freude und Dankbarkeit bedeuten, daß er mich gerufen hat, daß ich bei ihm sein und ihn kennen darf. „Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad in seine Kirch berufen hat…“ Dann ist dies aber zweitens auch Verantwortung. Wie der Herr die anderen – „alle“ – auf seine Weise erreicht, bleibt letztlich sein Geheimnis. Aber ohne Zweifel ist es eine Verantwortung, von ihm direkt an seinen Tisch gerufen zu sein, so daß ich hören darf: Für euch, für mich hat er gelitten. Die vielen tragen Verantwortung für alle. Die Gemeinschaft der vielen muß Licht auf dem Leuchter, Stadt auf dem Berg, Sauerteig für alle sein. Dies ist eine Berufung, die jeden einzelnen ganz persönlich trifft. Die vielen, die wir sind, müssen in der Verantwortung für das Ganze im Bewußtsein ihrer Sendung stehen. Schließlich mag ein dritter Aspekt dazukommen. In der heutigen Gesellschaft haben wir das Gefühl, keineswegs „viele“ zu sein, sondern ganz wenige – ein kleiner Haufen, der immer weiter abnimmt. Aber nein – wir sind „viele“: „Danach sah ich eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen“, heißt es in der Offenbarung des Johannes. Wir sind viele und stehen für alle. So gehören die beiden Worte „viele“ und „alle“ zusammen und beziehen sich in Verantwortung und Verheißung aufeinander.
Die ganze Katechese Papst Benedikts kann man hier nachlesen.
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[1] aus dem Brief des Heiligen Vaters an die Bischöfe vom 14. April 2012

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich verstehe die Aufregung - als jemand, der weder theologisch geschult noch katholisch ist - wirklich nicht. Nach dem, was ich noch aus meiner katholischen Erziehung (lang ist's her) weiß, ist Jesus ja nicht für die Erlösung ALLER gestorben, sondern für die, die ihm nachfolgen und sich für ihn entscheiden. Dahinter steht Respekt vor der freien Willensentscheidung: ich kann mich FÜR oder auch GEGEN Jesus entscheiden, und genau das ermöglicht der freie Wille ja.
Die Bibel legt immer wieder Wert auf die Feststellung, dass nicht ALLE gerettet werden, so als Automatismus, sondern nur die, die den vorgegebenen Regeln folgen (das machen alle Religionen so, und das ist ja auch ein logisches Vorgehen. Man wird sich ja nicht selbst seines Verkaufsargumentes berauben.).
Als jemand, der sich bewußte gegen das Christentum entschieden hat, möchte ich auch nicht so quasi automatisch mitgerettet werden.

Wo ist also das Problem?

Braut des Lammes hat gesagt…

Also, Jesus ist tatsächlich für das Heil aller Menschen gestorben. Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen, ist eines der Worte, mit denen er sein Leiden ankündigt. Ob man sich ziehen läßt, ist natürlich eine andere Frage.

Der Blogger Nacht des Herrn hat einen Beitrag verfaßt, der das Thema von einem ganz anderen Standpunkt aufgreift: http://nachtdesherrn.wordpress.com/2012/05/06/alle-oder-viele/

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