Mittwoch, 23. Mai 2012

Tradition und der Hihi-Faktor (oder auch nicht)

Bei Ameleo entspinnt sich eine Diskussion unter einem Beitrag über soutanentragende Priester bei der Erstkommunion. Quintessenz: ein Priester, der Soutane trägt, hat offenbar einen hohen Hihi-Faktor. Schade eigentlich. Damit meine ich weniger die Kinder, die sind fast immer exkulpiert, indes kann man mit Kindern natürlich auch wunderbar reden, wenn man sie ernst nimmt.

Versteht mich recht, mir ist es eigentlich egal, ob ein Priester Soutane, einen Anzug mit Kollar oder auch Jeans mit einem Kollarhemd trägt, das muß er selbst wissen (und es bleibt ihm auch meist selbst überlassen), wichtig ist doch, daß er als Kleriker deutlich erkennbar ist. Festtagskleidung für Kleriker ist eben die Soutane, mancherorts ist sie auch Alltagskleidung, das ist unsere Tradition. Vielleicht könnte man das den Kindern freundlich nahebringen, anstatt darüber zu spotten. Wenn man natürlich selbst findet, daß es auf den Punkt trifft…

Mir sind all die Assoziationen zu einem Kleid nie gekommen, weder als Kind noch später, eher denk ich ans Altertum oder, wie bei der Anrede „Monsignore“ auch, an Fernandel als Don Camillo – den Soutanenträger schlechthin. An Sonn- und Festtagen stand unser heimischer Pfarrer in Soutane und Zingulum an der Kirchentür und gab den Gläubigen ein gutes Wort mit auf den Weg. Sonntagsfeeling halt. (Das prächtige violette Zingulum hat mich seinerzeit eher an Zigarren mit Bauchbinden erinnert.) Wenn Regisseure übrigens einem Film den Anstrich des Katholischen geben wollen, lassen sie immer einen Priester in Soutane (oder Chorkleidung) und Birett oder eine Schar Vinzentinerinnen mit Cornette durchs Bild gehen, wahrscheinlich eben wegen des hohen Erkennungswerts. Traditionell – was die Cornettes anbelangt, auch ein wenig skurril –, aber eben deswegen liebenswert.

„Die Welt“, nebenbei bemerkt, stört sich meist gar nicht daran, sie begegnet solchen äußerlichen Zeichen der Zugehörigkeit zu Christus mit Gleichmut oder findet es sogar eher interessant. Selbst ein „Guck mal, Pinguine!“ fällt da noch rein. Schwieriger wird es, so empfinde ich es manchmal, wenn bei Katholiken die eigene Identifikation mit der Kirche ein wenig fehlt. Dann meint man, sich für andere genieren zu müssen. Derjenige, der vor Jahren meinte, zu meinem Schleier eine, wenn auch unreflektierte, Meinung haben zu müssen – hinter meinem Rücken allerdings, sonst hätten wir nämlich drüber sprechen können – ist interessanterweise einer, der selbst meist einen zerknitterten Anzug mit einem Kreuzchen dran trägt. Da schau her. Wie gesagt, Kindern kann man sowas erklären. Manchen Erwachsenen auch.

Überliefertes von meiner Konfirmation: als der Pfarrer die Kanzel erklomm und mit der Predigt anhub, meinte meine kleine Schwester über den Schalldeckel – an dem eine Taube hing, die aussah, als wenn sie mal die Motten gehabt hätte –: „Wenn jetzt der Deckel runterfällt, dann sitzt der Pfarrer in der Dose!“ Danach wollte es bei meiner Oma mit der Andacht nicht mehr so recht klappen.

Kommentare:

ultramontan hat gesagt…

*rotfl* Arme Omma! ^^

Bellfrell hat gesagt…

Paßt dieses Bild vielleicht zur erzählten Geschichte? ;-)

Braut des Lammes hat gesagt…

ROTFLBTC – also, soweit wäre ich nicht gegangen… Aber der Effekt auf die liebe Familie war ähnlich. Ist jedenfalls eine nette Erinnerung.

Dorothea hat gesagt…

*Kicher* Kann ich verstehen.

Freiburgbärin hat gesagt…

Ich habe diese „Gedankenspielchen“ immer subsumiert zu „unaufmerksam in der Heiligen Messe.“
„Ich war viermal unaufmerksam in der Heiligen Messe.“
„Hast Du die Schulmesse Donnerstag mitgezählt?“
„Oh! … Ich war sechsmal in der Heiligen Messe unaufmerksam.“
„Vier und eins sind doch nicht sechs.“
„In der Woche davor beim Kaplan auch!“
Früher konnte man den Priestern kaum etwas verbergen.

sacerdos viennensis hat gesagt…

kleines outing: ich trage den Talar gerne. An Sonntagen, bei Hochzeiten, Begräbnissen und Taufen, kombiniert mit Rochette oder Albe und solo - für das Essen danach.

Das Gekichere rührt daher, dass 1. die Kinder den Priester zu selten sehen (am wahrscheinlichsten), dass 2. der Priester den Talar selten trägt oder 3. Erwachsene seit 40 Jahren soutanenentwöhnt sind und darüber sich entweder entsetzen (wie konservativ!) oder ihr Unverständnis zeigen, indem sie sicher darüber lustig machen.
Seit Neo´s klerikaler Anwandlung in der Matrix finden Jugendliche den Talar einfach nur cool. Also wozu die Aufregung!

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