Mittwoch, 30. Mai 2012

Johanna, die Jungfrau


Hingerichtet, weil sie die Wahrheit sprach – auf Eingebung des Erzengels Michael und der heiligen Jungfrauen Katharina und Margareta verschaffte die erst siebzehnjährige Johanna, genannt die Jungfrau von Orleans, dem Dauphin von Frankreich den Thron, indem sie siegreich eine kleine Armee in die Schlacht von Orleans führte – nicht nur für die damalige Zeit für eine Frau eine Ungeheuerlichkeit. Von Amazonen und kriegerischen Göttinnen hatte in Domrémy wohl kaum jemand etwas gehört, und wenn, dann war es heidnisches Zeugs.

Nach der Krönung des Königs in Reims geriet Johanna in Gefangenschaft, man verschacherte sie als Kriegsgefangene an die Engländer, wo sie unter unwürdigsten Bedingungen eingekerkert wurde – Charles VII., der König, der ihr seinen Thron verdankte, hob nicht den kleinen Finger, um irgendetwas für sie zu tun. Als man ihr den Tod auf den Scheiterhaufen vor Augen stellte, schwor Johanna zunächst ab. Sie wurde exkommuniziert und zum Kerker verurteilt – ein vor allem für die Engländer unbefriedigender Ausgang des Prozesses. Statt sie in ein kirchliches Gefängnis zu schaffen, wie man es eigentlich hätte tun müssen, wurde die Jungfrau mißhandelt, es ist mindestens ein Mißbrauchsversuch überliefert, schließlich man nahm ihr ihre eigenen Kleider weg und legte stattdessen Männerkleidung hin, die nicht mehr zu tragen sie in den Verhandlungen gegen sie versprochen hatte. Unter dieser Anklage machte man ihr erneut den Prozeß. Da Johanna diesmal nicht öffentlich ihrer Behauptung, sie hätte auf Eingebung der Heiligen Gottes gehandelt, abschwören wollte, wurde sie am 30. Mai 1431 im Alter von nur 19 Jahren als Häretikerin, Apostatin und Hexe am Pfahl verbrannt. Dreißig Jahre später sprach man sie von jeglicher Anklage frei; 1909 sprach Papst Pius X. Johanna selig; heute ist ihr Gedenktag. Eine Heilige, die an die Theodizee-Frage rührt: warum läßt Gott so etwas zu, durch die Hand seiner Diener?

Kein Ruhmesblatt in der Geschichte der Kirche, außer für Johanna, die nicht öffentlich verkünden wollte, daß das, woran sie geglaubt hatte, erlogen wäre, sondern für die Wahrhaftigkeit einen schrecklichen Tod auf sich nahm.

Zu den Visionen oder Stimmen der Heiligen hatte ich mich früher immer gefragt, wieso jetzt grad der hl. Michael und die hll. Katharina und Margaretha? Ein Grund dafür mag sein, daß jeder dieser Heiligen auf seine Weise als Bezwinger des Bösen gilt. Der Erzengel Michael ist zudem oberster Anführer der himmlischen Heerscharen, die beiden Jungfrauen gehören zu den Virgines capitales, den großen heiligen Jungfrauen. Wie einsam muß die Heilige gewesen sein! Vielleicht ist sie eine ausgezeichnete Schutzpatronin für die ungerecht Gefangenen, solche, die verleumdet werden, die von der Todesstrafe bedroht sind und die Opfer von Mißbrauch.

Das einzige Bild, für das Johanna Modell saß, ging in den Wirren der Zeit verloren. Unter allen Johanna-Verfilmungen gefällt mir besonders die unprätentiöse und unkitschige mit Sandrine Bonnaire, Johanna die Jungfrau.

Kommentare:

MC hat gesagt…

Wenngleich die Diener der Kirche genug auf dem Kerbholz haben, so würde ich doch diesen Fall nur sehr eingeschränkt als kirchliches Problem betrachten.

Zum einen gilt es zu bedenken, dass es sich bei dem Gericht faktisch nicht um ein kirchliches, sondern um ein weltliches Gericht gehandelt hat, da der Auftrag von der weltlichen Gewalt kam, die weltliche Gewalt die Richter quasi bestellt und Druck ausgeübt hat.

Zum anderen weiss ich gar nicht, ob Johannes Visionen jemals von der Kirche anerkannt wurden. Nur weil sie eine Heilige ist, muss das ja nicht heißen, dass die Heiligen ihr wirklich erschienen sind und ihr wirklich den Auftrag gegeben haben, die Engländer aus Frankreich rauszuwerfen. Eine derartige parteiische Behauptung zugunsten der einen gegen die anderen Christen konnte gerade dem englischen und englischfreundlichem Klerus schon häretisch erscheinen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Ich sehe das etwas anders. Zum einen stecken die Prozesse voller Formfehler, worauf schon Claudia heute hingewiesen hat (http://kalliopevorleserin.wordpress.com/2012/05/30/aussagen-uber-jeanne-darc/). Zum anderen: jemanden zu exkommunizieren ist natürlich auch eine Möglichkeit. Bestehen bleibt meines Erachtens die Tatsache, daß man Johanna nach der Exkommunikation in ein kirchliches Gefängnis hätte bringen müssen, da die Exkommunikation eine Beugestrafe der Kirche ist. Hat man das getan, hat sich die Kirche ausreichend dafür eingesetzt? Meines Wissens nicht. Man hat Johanna abgeschrieben.

In der Behauptung, mir sei ein Engel oder ein Heiliger erschienen, steckt - man korrigiere mich, wenn ich irre - keine Apostasie oder Häresie, gleich, ob man mir glaubt oder nicht. Die Kirche kann allenfalls im Laufe eines Prüfungsverfahrens zu der Ansicht kommen, diesem sei höchstwahrscheinlich Glauben zu schenken (oder eben nicht).

MC hat gesagt…

Ohne Zweifel haben die am Prozess beteiligten nicht nach den damaligen kirchlichen Normen gehandelt. Allerdings war das auch meines erachtens gar nicht angestrebt. Es ging schlicht darum Johanna los zu werden und ein kirchliches Prozess bot sich da an. Niemand hat erwartet, dass man die Regeln einhalten würde und jeder wusste, dass das Urteil von Anbeginn feststand.

So wie auch jeder wusste, welches Urteil beim Rehabilitationsprozess heraus kommen würde. War der doch im Grunde eine Auftragsarbeit des französischen Königs, so wie der vorherige eine Auftragsarbeit der englischen Krone war. Das kirchliche Gericht hat sich hier wie da einspannen lassen.

Johanna ist aus meiner Sicht daher kein Opfer eines kirchlichen Fehlverhaltens, sondern ein Opfer der Politik. Ob sie wirklich Visionen hatte, kann ich nicht beurteilen. Das sie sicher daran geglaubt hat und ihr Leben vorbildlich dafür eingesetzt hat, steht außer Zweifel. Genauso wie außer Zweifel steht, das ihr die Sache relativ schnell über den Kopf wuchs und sie am Ende schlicht mit der Situation überfordert war. Das kann ihr niemand vorwerfen, da sie viel zu jung war und auch kaum qualifiziert, das komplexe System zu durchschauen, indem sie sich bewegte.

Johanna sehe ich daher als Zeugin der Opferbereitschaft für die eigenen Überzeugungen, eine Warnung sich selbst zu überfordern und als ein typisches Beispiel für die Verbindung von staatlicher und kirchlicher Gewalt im Mittelalter.

Braut des Lammes hat gesagt…

Zustimmung, was die Rolle der Kirche betrifft – sie hat sich einspannen lassen auf verschiedenste Weise. Die Nummer mit den weggenommenen Frauenkleidern, die Johanna wohl schließlich zum formalen Fall wurde, wäre bei korrektem Verhalten so nicht möglich gewesen. Sollte sie als Jungfrau im Kerker in der Lage ohne Kleider herumsitzen? Da blieb nicht viel Auswahl.

Oben hatte ich übrigens geschrieben „durch die Hand deiner Diener“ – die Bezeichnung „Diener Gottes“ beansprucht seit alters her auch das Königtum, in diesem Falle Karl VII.

Ob jemand wirklich Visonen hat oder die Stimme eines Engels oder Heiligen gehört hat, wer vermag das letztlich zu beurteilen? Es ist hier jedoch auch nicht der eigentliche Punkt. Johanna spricht von dem, was für sie Wahrheit ist und kann daher entweder nur die Wahrheit sagen oder etwas abschwören, was sie doch für richtig hält, wie Galileo Galilei. Die Kirche hat sie rehabilitiert – ein wenig spät, halt – und durch die Heiligsprechung den heroischen Tugendgrad Johannas festgestellt, ihren Mut und ihre Opferbereitschaft hervorgehoben. In diesem Zusammenhang hatte ich bemerkt, daß die Kirche sich durch ihr Handeln zur Zeit Johannas nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Lagert man das alles an ein Fehlverhalten der weltlichen Gerichtsbarkeit aus, macht man es sich in meinen Augen zu einfach.

MC hat gesagt…

Ich stimme voll und ganz damit überein, das das Kirchengericht hier nicht beispielhaft gehandelt hat und scharfen Tadel verdient.

Dessen ungeachtet plädiere ich dafür, die Situation auch aus der Sicht der Richter zu betrachten. Das macht ihr Verhalten nicht weniger falsch, aber es wird doch wesentlich verständlicher. Denn es ist ja nicht so, dass hier eine Gruppe bösartig-korrupter Kirchenfürsten ein unschuldiges Lämmchen auf den Scheiterhaufen hieven wollten (wobei das ja auch von dir nicht behauptet wurde), sondern das eine Gruppe englischfreundlicher und von England abhängiger Prälaten eine Frau vor die Nase gesetzt bekamen, die mehr oder weniger offen dazu aufrief, sie bzw. ihre Verbündeten zu vertreiben und das ziemlich brutal. Da waren sie natürlich eher bereit, sich dem Wunsch der Regierung zu fügen, Johanna loszwerden als in anderen Fällen, wo sie nicht selber mittelbar betroffen waren.

Braut des Lammes hat gesagt…

Es gibt natürlich immer mehr als eine Sicht der Dinge. Verständlicher wird das Verhalten dieser Kleriker nicht, allenfalls erklärbarer.
Dazu Papst Benedikt:
Dieser Prozeß ist ein erschütternder Abschnitt der Geschichte der Heiligkeit und auch ein Abschnitt, der Erleuchtung bringt über das Geheimnis der Kirche. Diese ist, mit den Worten des Zweiten Vatikanischen Konzils, »zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig«. Es ist die dramatische Begegnung zwischen dieser Heiligen und ihren Richtern, die Kleriker sind. Von ihnen wird Jeanne angeklagt und einer Prüfung unterzogen. Am Ende wird sie als Ketzerin verurteilt und zum schrecklichen Tod auf dem Scheiterhaufen geschickt. Im Gegensatz zu den heiligen Theologen, die die Universität von Paris erleuchtet hatten ... sind diese Richter Theologen, denen es an Liebe und Demut mangelt, um in diesem jungen Mädchen das Handeln Gottes zu sehen. Das läßt an die Worte Jesu denken, denen zufolge Gottes Geheimnisse jenen offenbart werden, die das Herz der Unmündigen haben, während sie den Weisen und Klugen, die keine Demut besitzen, verborgen bleiben. So sind Jeannes Richter zutiefst unfähig, sie zu verstehen, die Schönheit ihrer Seele zu sehen: Sie wußten nicht, daß sie eine Heilige verurteilten.

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