Dienstag, 24. April 2012

Rosemary's Baby


Zu den Filmen, die ich mir immer wieder einmal anschaue, gehört Rosemary's Baby (gestern auf Arte). Das mag für eine Katholikin vielleicht seltsam anmuten, erscheint doch Rosemary trotz ihres Namens als eine Art Anti-Maria: sie soll nicht den Sohn Gottes, sondern den des Teufels zur Welt bringen. Interessanterweise heißt der Film vollständig eigentlich Pray for Rosemary's Baby.

Der Grund, warum ich mir den Film vor allem gern anschaue, ist, daß er eine einzige Sechziger-Jahre-Augenweide ist, von den Kleidern, Ballerinas, Morgenmänteln und Mützen Mia Farrows über die Stoff- und Tapetenmuster bis hin zu den Kissenbezügen der neuen Wohnung. Auch mag ich Mia Farrows Haar (nachdem sie es von Vidal Sassoon hat schneiden lassen) und Sommersprossen gern.

Ein Hingucker ist auch das in der Eingangssequenz in der Draufsicht gezeigte Dakota, im Film Bramfordhaus genannt, das ich gar nicht mal so düster (wie verschiedentlich geschrieben[1]) finde, sondern eher romantisch. Wer hat schon einen solchen Springbrunnen mit metallenen Lilien im Innenhof? Dasselbe gilt für die Wohnung der alten Ms. Gardenia, die mir besser gefällt, bevor die Woodhouses sie renovieren – eine Omawohnung halt. Witzigerweise weist meine eigene Wohnung eine gewisse Ähnlichkeit damit auf. Irgendjemand hatte diese Wohnung als „incredible creepy place“ beschrieben. Hmm. Vorher hatte die Wohnung Charakter, nachher sieht sie aus wie etwas, das direkt „Schöner Wohnen“ entsprungen ist. Auch die Möbel der alten Dame, die ja laut Hausverwalter zumindest teilweise den Woodhouses überlassen werden sollten, werden nie mehr gesehen, stattdessen gibt es weißgestrichene Regalbretter zwischen weißgestrichenen Ytongsteinen als Betthaupt. Das ist nun wirklich gruselig.

Das verrufene Bramford House

Allerdings ist die Renovierung Teil des 60erJahre-Konstrukts, in dem der Mann arbeiten geht (auch wenn es brotlose Kunst ist) und die Frau zu Hause bleibt, Tapeten klebt und Möbelbezüge näht. Was ihm im Gegenzug offenbar das Recht einräumt, seine Frau wie ein Kind zu behandeln, indem er bestimmt, was sie ißt, bzw. wieviel davon, und von welchem Frauenarzt sie sich behandeln lassen darf. So ist es anscheinend nur möglich, Rosemary, wenn auch unvollständig, zu betäuben, weil ihr Ehemann – gäbe es wohl anderswo einen noch unsympathischeren? – darauf besteht, daß sie einen geschenkten Nachtisch auch dann aufzuessen hat, wenn er ihr nicht schmeckt. Diese Szene hat wie das Dessert selbst „einen kalkigen Beigeschmack“.

„Tannis gefällig?“
Der Name ist ein Anagramm
und die Szene gut für eine Gänsehaut…
Die Sixties in Reinkultur

Der Film schweigt sich darüber aus, warum die Untermieterin der Castevets, die ursprünglich als Mutter des Kindes vorgesehen war, verworfen und daher dazu gebracht wurde, aus dem Fenster zu springen, und, was das betrifft, auch, warum die alte Ms. Gardenia so plötzlich verblich, nachdem sie zuvor noch ganz allein ein schweres Vertiko vor den Wandschrank geschoben hatte, der die Verbindung zur Nachbarwohnung darstellt. Ich weiß nicht mehr, ob Ira Levins Roman das irgendwie erklärt, es ist zu lange her, daß ich ihn gelesen habe.

Wie die ausgezeichnet umgesetzte Traumszene am Beginn der Schwangerschaft gleich einen Blick auf deren Ende wirft, in dem sie Klauen und vor allem die Augen des Erzeugers zeigt („Das ist kein Traum, das passiert in Wirklichkeit!“), deutet schon die Eröffnungssequenz des Filmes, in dem eine Frau – Farrow selbst übrigens – ein Wiegenlied singt, das ein echter Ohrwurm ist, auf das Ende: Mutterliebe kann stärker sein als alles andere, kann sich selbst darüber hinwegsetzen, daß man ein ungeheuer fremdartiges Kind geboren hat, das nicht notwendigerweise ein Ungeheuer sein oder werden muß.[2] Wenn man Rosemary, die ja offenbar irgendwann auch genug davon hat, sich wie eine Schachfigur herumschieben zu lassen, das Kind erziehen ließe, müßte es nicht unbedingt böse werden. Vor diesem Hintergrund hätte auch der Titel Pray for Rosemary's Baby irgendwie Sinn.
_____
[1] „Düster“ bezieht sich vielleicht auf die Vorgeschichte des Hauses. Dieses Konstrukt eines vom Bösen geprägten Hauses ist ja ein Klassiker, wenn man an The haunting of Hill House, The house next door, The shining oder Rose red denkt.

[2] Was einen wiederum zu interessanten Überlegungen bringt, wie der, ob jemand, der so fremdartig aussieht wie dieses Baby ja offenbar („Es hat die Augen seines Vaters“) in größerer Gefahr ist, böse zu werden, einfach weil alle außer seiner Mutter mit Furcht und Ablehnung auf ihn reagieren – siehe etwa Frankensteins Monster?

Der Film ist übrigens farbig, aber ich fand Schwarzweißbilder mal wieder edler.

Kommentare:

Meckiheidi hat gesagt…

Schade, das habe ich nicht mitbekommen, dass der Film auf Arte lief! Den hätte ich auch gerne noch einmal gesehen. Obwohl er nicht annähernd an das Buch herankommt - aber dazu müsste er um Stunden länger sein! Meines Wissens brachte Terry, die junge Frau sich um, weil sie zu früh in die satanistischen Riten und Absichten "eingeführt" wurde - Rosemary hört Mrs Castevet im Halbschlaf in der Nachbarwohnung darüber sprechen und verknüpft es mit einem Traum. Und die Vormieterin Mrs Gardenia hatte für die Castevets Pflanzen gezogen und wohl auch erst später mitbekommen, dass es sich um "all them witches" handelte. Das Baby hatte gelbe Augen mit einem senkrechten Schlitz, Klauen und Knospen von Hörnern unter weichem rotem Haar. Aber Rosemarie sagte sich, dass er - Adrian Steven, nach ihrem Wunsch Andrew John - zur Hälfte menschlich sei und dass ihre Liebe stärker sein könne als all das Böse, das die Satanisten vorhätten, im Namen ihres "Gottes".
Die Schwarzweißbilder sind wirklich toll!

Braut des Lammes hat gesagt…

Ah, danke dir, das erklärts. Ich glaube, ich lese das Buch dann und wann doch nochmal.

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