Sonntag, 15. April 2012

Paradrop bibles

Heißluftballons, bei denen es eigentlich schade wäre,
wenn sie explodieren würden
Was ich von der salafistischen Aktion, Gratiskorane unter die Leute zu bringen, halte, darüber bin ich mir noch nicht recht schlüssig geworden, muß ich vielleicht auch nicht. In Berlin war dies heute, nicht wie angekündigt, nur in Mitte, sondern an gleich vier Orten, darunter auch dem Kuh-Damm, der Fall. Mir ist in den Sinn gekommen, man könnte einfach einen annehmen, dann wäre jedenfalls einer weniger im Umlauf. Für etwas, das im Befehlston und mit Befehlsbalken („Lies!“), daherkommt, bin ich aber wohl ohnehin der falsche Typ. Das läßt doch sehr auf den Geber schließen.

Giovannis Vorschlag, dem eventuellen Geber ein christliches Gegengeschenk zu offerieren, hat was, mir ist das auch schon mal in den Sinn gekommen, als mir jemand erzählt hat, er habe einen Koran geschenkt bekommen und bewahre ihn im oberen Fach des Bücherregals auf. Wider den Stachel zu löcken und zu fragen, ob er im Gegenzug eine Ikone oder ein Kruzifix verschenkt hat und auf deren adäquaten Aufbewahrungsort im Heim des solcherart Beschenkten achtet, hab ich mir versagt.

Vergleiche der Koranverschenkaktion mit den Schriften irgendwelcher Hare Krishnas oder Hubbards Dianetik, die ja immerhin auch in Fußgängerzonen angeboten werden (allerdings soll man hier im Austausch „spenden“), führen vielleicht in die Irre. Es geht hier wie dort wohl auch weniger um das Buch als den Missionierungsversuch, der damit einhergeht. Indes hab ich den Koran schon gelesen[1] und trotzdem nicht im Traum daran gedacht, Moslem zu werden.

Bei Mirjam vom hörenden Herzen fragt unter einem Beitrag über die Aktion eine Kommentatorin, wann eigentlich die katholische Kirche zuletzt Bibeln verteilt habe? Hier eine Variante, wie das Wort, das bei Gott war und das Gott ist, zu Menschen kommt, die oft sehnlich darauf hoffen:
Neulich hatten wirs von Paradop churches. In extremeren politischen Systemen, in denen sogar der Besitz bzw. die Einfuhr von Bibeln oder Stundenbüchern verboten ist (einige der islamischen Länder oder auch Nordkorea), läßt sich ein ähnliches Prinzip auf solch begehrte Bücher anwenden: paradrop bibles. Zehntausend davon wurden kürzlich über Nordkorea abgeworfen.
Nordkorea gehört zu den Ländern, zu denen es keinen Zugang gibt und in denen die Verfolgung am schrecklichsten ist. Die Kirche muß dafür kämpfen, daß sie das Evangelium verkünden darf, der Besitz einer Bibel kann mit der Haft in einem Konzentrationslager bestraft werden, heißt es in dem Bericht. Jeweils 1.000 Bibeln werden mit einem Heißluftballon auf den Weg gebracht, die in unterschiedlichen Zeitabständen explodieren.
berichtete dazu Ende 2011 Zenit über eine Aktion der ökumenischen ICC (International Christian Concern), unfreiwillig nach „interessanten Zeiten“ klingend. Explodieren soll ja der Heißluftballon, nicht die Bibeln.

Das ist jedenfalls eine Aktion, von der ich genau weiß, wie ich sie finde. Bitte weiter so!
___
[1] Vielleicht, weil kein Ausrufezeichen dran hing.

Kommentare:

F. M. hat gesagt…

Zitat: Für etwas, das im Befehlston und mit Befehlsbalken („Lies!“), daherkommt, bin ich aber wohl ohnehin der falsche Typ. Das läßt doch sehr auf den Geber schließen./Zitat

Gut erkannt!

Tolle lege! (= Nimm und lies!)

Aurelius Augustinus von Hippo

Miriam hat gesagt…

Der Vergleich mit den Zeugen Jehovas hinkte wohl etwas, aber von dieser Gruppe war mir bislang als einzige bekannt, dass sie in der Öffentlichkeit rumstehen und Leuten ihre Sachen in die Hand drücken.

Aber die Idee mit den "paradrop bibles" ist wirklich erstklassig!
Nicht nur für Nordkorea. :-)

Und übrigens, schickes Titelbild ;-)

Braut des Lammes hat gesagt…

Hmm, das Tolle lege stammt aus einer Vision. Ich dachte eher an den Messias: er schreit nicht und lärmt nicht und läßt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen – das war im übrigen schon, bevor uns Lies!-T-shirttragende Salafisten etwas zu sagen hatten.

Cassandra hat gesagt…

"fragt unter einem Beitrag über die Aktion eine Kommentatorin, wann eigentlich die katholische Kirche zuletzt Bibeln verteilt habe?"

Ich war's.

Wir gehen imemr davon aus, dass die Bibel so was wie Allgeeinkenntnis ist. ist es aber nicht.
Einer emier Literaturdozenten bestand drauf, dass wir im Grundstudium einmal die Bibel gelesen haben sollten. Nicht weil er Christ war, sondern weil englische Literatur ohne Kenntnis der Bibel nicht verstanden werden kann.
Unsere Mittelalter-Dozenten sagten das auch imemr wieder- für das Geschichtsstudium sei Bibelkenntnis absolut grundlegend.

Trotzdem hatten bei entsprechdnden Themen die überwieegende mehrzahl der Studenten diesen leeren Gesichtausdruck.
Da wurde die Frage, wo in der Bibel eigentlich Gotteslästerung verboten sei, erst mit leichter Panik im Gesicht der Referenten und dann mit "in der Bergpredigt" beantwortet.

Ich bin in einem bibellosen Haushalt aufgewachsen. Meine Eltern sind zwar beide konfirmiert, aber ohre älteren geshcwister hatten ja Bibeln bekommen, das reichte ja. Sie waren auch kirchlichverheiratet und wir getauft. Zum Konfirmationsunterricht bekam ich dann auch eine Bibel.

Meine Eltern haben keine Bibel im Haus, mein Bruder auch nicht.

Das ist alles überhaupt nicht repräsemntativ weil persönlich. Es gibt bestimmt auch ganz viele Haushalte mit ganz vielen Bibeln.

Aber trotzdem ist Deutschland ein Land, das dringend der Neu-Mission bedarf.
Das Feld den Salafisten zu überlassen...? Nö, doofe Idee. Oder den dawkinsschen Kampfatheisten oder den Esotherikern oder dem Dalai Lama.

Wir werden uns dieser Herausforderung stellen müssen.

irgendwie. Nur wie.. ich weiss es nicht.

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