Mittwoch, 4. April 2012

Mittwoch der Karwoche

Die Karwoche ist ein Weg mit Jesus: nach Jerusalem, wo wir ihm folgen und Hosanna rufen, in das Obergemach des Hauses, in dem er seinen Jüngern die Füße wäscht und die Sakramente der Eucharistie und des Priestertums einsetzt. In das Gebet am Ölberg und die Verlassenheit von Gethsemane zu den Gerichtshöfen der Ältesten und des Statthalters Pilatus. Durch Geißelung, Verspottung und Anspeien hindurch den langen Weg nach Golgotha hinaus zu Johannes und Maria unters Kreuz – seht den Menschen!

An diesem Weg Jesu treten uns immer wieder Menschen besonders deutlich vor Augen: die Frau, die seine Füße in Bethanien salbt und mit ihrem Haar trocknet, sodaß das ganze Haus vom Duft des kostbaren Öls erfüllt wird. Ein unbekannter Wohltäter Jesu, der ihm den Raum für das Paschamahl zur Verfügung stellt und der, von dem er den Esel borgt, auf dem er nach Jerusalem hinaufreitet. Der Jünger, der beim Abendmahl an seiner Brust ruht und Petrus, der zuerst sich nicht die Füße waschen lassen will, Petrus, der ihn später verleugnet. Wenn ich die Passion mitlese, ist mir an der Stelle, an der es heißt, da erinnerte sich Petrus an das was Jesus zu ihm gesagt hatte und er ging hinaus und weinte, selbst zum Weinen zumute.

Die Frau, die die Tradition der Kirche Veronika nennt, die Jesus ihren Schleier gibt, um ihm etwas Linderung zu verschaffen und dafür ein Abbild seines Antlitzes auf ihrem Schleier und auf ihrem Herzen zurückerhält.

Simon von Cyrene, der vorübergeht und gezwungen wird, Jesus das Kreuz schleppen zu helfen. Die, die um sein Gewand würfeln, die ihn am Kreuz noch verspotten – welcher Mensch bringt so etwas fertig? Andererseits, als ich früher einmal mit einem Chor in szenischen Aufführungen mitgesungen habe, habe ich bei der Matthäuspassion und auch beim Elias gemerkt, welche Eigendynamik solche Volksmengen entwickeln können[1], ich wäre daher sogar vorsichtig zu sagen, so etwas hätte ich niemals getan.

Die Schächer am Kreuz – manche Ikonen zeigen Dismas, den Schächer, dem Jesus vergeben hat, mit einem Heiligenschein, denn er ist des Paradieses gewiß, am selben Tag noch.

Die Soldaten der Wache, die Jesus in seinem Durst einen Schwamm mit Galle und Essig anbieten und der, der ihn mit seiner Lanze in die Seite sticht und sogleich flossen Blut und Wasser heraus. Und der unbekannte Hauptmann, der das in Worte faßt, was wir im Credo bekennen: wahrer Mensch und wahrer Gott – wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen. Schließlich die, die ihn vom Kreuz nehmen, beweinen und zu Grabe legen.

Gern wäre wohl jeder von uns eine Veronika oder ein Simon an Jesu Weg, und doch ist es vielleicht nur allzuoft ein Petrus: Und wenn dich alle verlassen, ich niemals. Tja.

Bleibt noch Judas. Armer Judas. Am Mittwoch der Karwoche gedenkt die Kirche seines Verrats, was ein Grund ist, warum manche Christen außer Freitags auch Mittwochs Abstinenz und Fasten halten. Um Allerheiligen herum hatte ich eine längere Diskussion mit dem besten Freund von allen, der es unfair von Gott findet, daß er Judas zugemutet habe, das zu tun, was er getan hat und die Konsequenzen dafür zu tragen. In der Tat gibt es wohl auch solche, die Judas als heilig verehren, weil er, indem er Jesus verriet, zum Zustandekommen des Erlösungsgeschehens am Kreuz beigetragen habe.

Gott allein weiß, wo Judas ist. Mich dauert er. Es berührt dies die grundlegende Frage der Freiheit des Menschen, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden und (hoffentlich) das Gute zu tun. Judas hätte Jesus nicht zu verraten brauchen (womöglich hätte es dann ein anderer tun müssen), aber nachdem er es einmal getan hat: warum hat er sich von seiner Schuld überwältigen lassen? Jesus in seiner Güte – die Judas kennen mußte, aber vielleicht war gerade diese ihm ein Stachel – hätte ihm wahrscheinlich, wie dem Schächer, noch vom Kreuz herab seine Schuld vergeben. Jeder der anderen Jünger hätten sie ihm nach dem Pfingstereignis vergeben können, er hätte sich nur überwinden und Reue und Schuld vor den bringen sollen, der einzig sie vergeben kann, denn er hat die Schuld der ganzen Welt auf sich geladen.

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[1]„Habt ihrs gehört, wie er geweissagt hat wider dieses Volk?“ – „Wir haben es gehört.“
Bilder: Fresken von Giotto di Bondone in der Cappella degli Scrovegni in Padua

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