Samstag, 7. April 2012

Hinabgestiegen in das Reich des Todes – Karsamstag

Dies ist die Nacht, von der geschrieben steht: „Die Nacht wird hell wie der Tag,
wie strahlendes Licht wird die Nacht mich umgeben.“ (aus dem Exsultet)

Manchmal wird der Karsamstag fälschlich als „dies aliturgicus“ oder sogar als „liturgisch tot“ bezeichnet, was natürlich nicht zutrifft, wie jeder weiß, der das Stundengebet der Kirche mitbetet. Zwar beten alle, die an der Liturgie der Osternacht teilnehmen, keine Komplet, jedoch erhebt die Kirche am Morgen des Karsamstags ihre Stimme in den Karmetten, und auch Terz, Sext, Non und Vesper werden gehalten. In der Tat aber ist der Pulsschlag der Kirche am Karsamstag auf seinen Tiefpunkt gesunken.

Der Karsamstag ist ein seltsamer Tag, vor allem wahrscheinlich für die, die es gewohnt sind, täglich zur Heiligen Messe zu gehen und die hl. Kommunion zu empfangen. Angesichts des kahlen Altars, auf dem sich weder Kreuz, Leuchter noch Altartuch befinden, des leeren Weihwasserbeckens am Eingang und vor allem der weitgeöffneten Tabernakeltüren und des gelöschten ewigen Lichts erfaßt einen beim Eintritt in die Kirche eine seltsame Orientierungslosigkeit – wohin soll ich mich wenden, da das Herz der Kirche, das Allerheiligste, fehlt, Christus weggegangen ist und sich an diesem einen Tag im Kirchenjahr auch nicht als Speise zum Trost reicht?

Die Tradition der Kirche gibt darauf die schöne Antwort: Am Karsamstag verweilt die Kirche betend und betrachtend am Grab des Herrn und betrachtet sein Leiden und seinen Tod. Wohl den Kirchen, die ein sogenanntes „Heiliges Grab“ haben, wo die Gläubigen am Kreuz Blumen niederlegen und in der Stille beten können. Gestern nach der Kreuzverehrung (die in Hedwig ja ihre Besonderheiten hat) war es sehr schön, in der Unterkirche dem Heiligen Kreuz seine Verehrung erweisen und dem gekreuzigten Herrn die Füße küssen zu können, es war die Beweinung Christi in unserem Hier und Jetzt.

Wer die Kirche schmückt, das Osterfeuer vorbereitet oder in einem Kloster in Waschküche, Refektorium oder Sakristei zu tun hat, weiß wieviel es noch zu tun gibt. Zwischen Weißwäsche mangeln, Osterlämmer backen und Kirche und Refektorium mit frischem Grün und Forsythien schmücken, ist der Karsamstag zwar ein stiller aber zugleich eigenartig fröhlicher Tag: alles wartet auf das Wunder, das sich in der Nacht vollziehen wird und ohne das unser Glaube tot und leer wäre und wir immer noch in unseren Sünden. Vielerorts ist dies auch der letzte Beichttermin vor dem hohen Fest – direkte Umsetzung dieses Glaubens.

Noch aber wartet die ganze Kirche.

Den bombastischen doppelchörigen Schlußchor der Matthäuspassion Wir setzen uns mit Tränen nieder und rufen dir im Grabe zu… liebe ich sehr, ich singe ihn auch gern immer wieder mit, trotzdem ist mir dabei durch den Sinn gegangen, daß er eigentlich etwas irreführend ist: Christus ruht nicht sanft im Grab, dessen Leichenstein uns ein sanftes Ruhekissen sein soll, er tut etwas. Etwas, das wir Sonntags und an Hochfesten im Credo bekennen: hinabgestiegen das Reich des Todes; descendit ad inferos, heißt es in der lateinischen Fassung. Das heißt nicht, tot sein und wieder lebendig werden, sondern es drückt eine Aktion aus: hinabsteigen und wieder heraufkommen. Dies ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg, hören wir im Exsultet.

Hinabsteigen, zu welchem Zweck?, kann man fragen. Es gibt viele Darstellungen des Hinabstiegs Christi in die Unterwelt, aus der Christus, Kreuz und Banner als Siegesfahne vorantragend, jene herausführt, die ihn durch die Zeiten hindurch sehnlichst erwartet haben.

Auf manchen dieser Darstellungen sind Schlüssel abgebildet, die die Fesseln des Todes lösen und das Tor zur Unterwelt aufschließen – Christus, der Schlüssels Davids, der aufschließt, was niemand jemals wieder verschließen kann. Du öffnest und niemand kann schließen, du schließest und niemand vermag wieder zu öffnen. Unter dem Zeichen seines Leidens, das er wie ein Prozessionskreuz oder den Hirtenstab hält, öffnet er die Tore der Unterwelt auf immer und führt die herauf, die sehnsüchtig das Kommen des Messias erwartet haben. Auf wieder anderen Darstellungen liegt unter der geöffneten Zugbrücke zur Unterwelt der zerquetschte Widersacher, oder Christus spießt diesen mit seinem Kreuzstab auf, erhebt sich über ihm oder einem gähnenden Abgrund, entreißt die Menschen buchstäblich dem geöffneten Maul der Unterwelt und führt sie hinauf ans Licht – siehe, geschwunden ist allerorten das Dunkel. Allerorten ist hier sogar der tiefste Grund der Unterwelt, der Sünde und des ewigen Todes.









Kommentare:

sophophilo hat gesagt…

Sehr schöne Sammlung!

Thie hat gesagt…

Frohe und gesegnte Ostern

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