Montag, 12. März 2012

…to the neon god they made…



And the people bowed and prayed to the neon god they made. And the sign flashed out its warning in the words that it was forming. And the sign said: The words of the prophets are written on the subway walls and tenement halls. And whispered in the sound of silence.

Diese Zeilen aus The sound of silence gingen mir angesichts des gestrigen gefühlt ölfdrölfzigsten verkaufsoffenen Sonntags in diesem Jahr durch den Sinn. Daß ich Leute nicht verstehe, die Einkaufen als Freizeitvergnügen ansehen (während ich mich selbst dabei am liebsten so kurz wie nur möglich oder gleich überhaupt nicht aufhalte) ist es weniger. Die Neigung, andere zu sehr nach den eigenen Maßstäben zu beurteilen, ist verbreitet. Es gibt also Leute, die stundenlanges Einkaufen schön finden. Ich frag mich halt, wohin führt das?

Früher mal war der Sonntag vom Charakter her ein stiller Tag. Das Arbeitstempo verlangsamte sich schon vor dem abendlichen Einläuten des Sonntags und die Geräuschkulisse nahm deutlich ab, was eben auch damit zusammenhing, daß die Geschäfte schon am Samstag mittag schlossen. In unserer pietistischen Gegend wurde die Sonntagsruhe auch nach außen hin übrigens so streng befolgt, daß man am Sonntag weder sein Auto waschen noch sonstwie sichtbar arbeiten[1] durfte – was dazu führte, daß eines Tages bei uns eine nachbarschaftliche Delegation vorsprach, als mein Vater im Garten Bohnenranken aufsteckte.

Neben den Sonntagen gab es auch noch die „geschlossenen Zeiten“ (das heißt, eigentlich gibt es sie noch immer, man nennt sie Bußzeiten, mit dem Begriff „geschlossen“ können zunehmend weniger etwas anfangen. Vielleicht, weil es auch außerliturgisch immer seltener vorkommt, daß etwas geschlossen ist und man eben nicht „shoppen“ gehen kann.)

Daß sowas in einer zunehmend atheistisch geprägten Umgebung nicht mehr durchhaltbar ist, ist leider nur allzuwahr, indes betrifft die Veränderung des jahrtausendealten Schemas, sechs Tage arbeiten, einen Tag ruhen, ja alle. Nun könnte man einwenden, und tut es auch oft, daß dann halt der einzelne Sorge tragen müsse, anstatt die Sonntagsruhe allen zu gebieten. Das Argument aber ist verfehlt: der ganze Charakter des Tages ändert sich dauerhaft, sonntägliche Ruhe und Stille findet man zunehmend seltener, weil womöglich auch noch auf dem Friedhof Dreharbeiten für irgendein Road movie stattfinden (keine Ahnung, ob das legal war).

Natürlich ist es unvermeidlich, daß manche am Sonntag arbeiten müssen, auf keinen Fall aber müssen es so viele sein. Arbeit am Sonntag oder auch das Profitieren davon, daß ein anderer am Sonntag arbeitet – indem die Leute in die Geschäfte strömen – ist immer das zweitbeste.

Die Debatte um die verkaufsoffenen Sonntage in der Adventszeit ging ja heftig hin und her, mit dem Erfolg, daß wir jetzt „nur noch“ zwei verkaufsoffene Sonntage in der Adventszeit haben. Natürlich ist das als Fortschritt zu begrüßen – wiewohl es kulturell ein Rückschritt hinter mosaische Zeiten ist –, wie schön wäre es aber, wir hätten gar keine verkaufsoffenen Sonntage, zumal nicht in den „geschlossenen Zeiten“. Auch muß ich sagen: mir persönlich reicht es, unter der Woche bis zehn Uhr (in manchen Läden sogar bis Mitternacht) einkaufen zu können. Zum Ladenschluß um halb sieben und am Samstag um eins will wahrscheinlich niemand zurück, zumal es für Vollzeitberufstätige wirklich recht knapp war; ich brauche aber wirklich nicht auch noch die ganze Nacht und den Sonntag dazu, es widerstrebt einfach dem Rhythmus des Lebens. Wirklich, manchmal hätte ich als Christ auch gern ein orthodoxes Stadtviertel, in dem die Religiosität jeden Aspekt des Lebens zu durchdringen scheint. Von einer Mitschwester hab ich gehört, daß sie das Leben an der Ave-Maria-Universität in dieser Beziehung sehr genossen hat. Leben unter anderen, denen der Glaube soviel bedeutet wie einem selbst, während wir uns jedes Jahr, wenn wir aus der Karfreitagsliturgie ins ringsum tobende Leben treten, wie Aliens fühlen.

All diese Menschen, die da Tag und Nacht zum Einkaufen in die Städte strömen, kommen mir manchmal wirklich vor, als wenn sie sich vor einem Neongott niederwerfen. Eines der Bilder stammt aus Koyaanisqatsi. Der Film ist nach einem Wort aus der Sprache der Hopi-Indianer benannt; das Wort bedeutet: koyaanisqatsi = a state of life that calls for another way of living. Genau.


___
[1] Eine ähnliche Auslegung finden wir in den kirchlichen Geboten, die den Gläubigen ans Herz legten, am Sonntag keine „knechtlichen Arbeiten“ zu verrichten.

1 Kommentar:

sophophilo hat gesagt…

Danke, schöner Beitrag! Haargenau das hat mich, u.a., heute auch beschäftigt.
My 2 cents dazu:
http://invenimus.blogspot.com/2012/03/laetare-oder-gedanken-zur-nacht.html

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