Mittwoch, 1. Februar 2012

Warum das Kreuz nach Dachau gehört

Vor einiger Zeit kam ich zufällig auf dem Blog einer Amerikanerin vorbei und las, daß diese bei einem Besuch der Gedenkstätte Dachau das Kreuz des nahegelegenen Klosters Heilig Blut als „offensive“ ansah. Wie man sieht und wie diejenige selbst zugibt, ist dieses Kreuz nicht gerade monumental. Ein weiterer Blick auf die Ansicht des Klosters vom Gelände der Gedenkstätte aus gesehen zeigt übrigens, daß man sich eigentlich schon Mühe geben muß, zu einer solchen Ansicht zu kommen. Es erinnert ein wenig an Watzlawicks Geschichte mit der Frau, die eigens auf den Dachboden steigt, um sich über Badende beschweren zu können: „Aber vom Dachboden aus kann ich sie mit dem Fernglas immer noch sehen!“


Eine ähnliche Haltung hatten wir vor einiger Zeit an der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, die die polnischen Karmelitinnen, die ihr Kloster in den 80er Jahren ursprünglich auf dem Gelände selbst errichtet hatten, wieder verlassen mußten. Ich erinnere mich aus dieser Zeit neben Berichten von deutschen Karmelitinnen, die ihre Mitschwestern in dem neuerrichteten Karmel besuchten, an Fotos der Demonstranten: „Carmélites, quittez Auschwitz!“, war unter anderem auf deren Transparenten zu lesen. Die Schwestern waren damals verwundert, wie man an ein paar armen, sandalentragenden Nonnen soviel finden kann.

Mittlerweile sind die Karmelitinnen in ein neu errichtetes Gebäude neben der Gedenkstätte gezogen – aber auch hier gibt es Statements im Netz, Papst Johannes Paul II. hätte den Karmelitinnen klargemacht, sie hätten in Auschwitz nichts zu suchen. Weit gefehlt, ich wage zu behaupten, wäre das so, hätte Papst Benedikt bei seinem vielbeachteten Besuch in Auschwitz-Birkenau nicht auch die Karmelitinnen in ihrem Kloster persönlich aufgesucht.

Wie anders klingen dagegen die Worte des Rabbiners Teitelbaum, die dieser 2006 an Papst Benedikt richtete: „Es liegt in den Händen des Menschen, Gutes zu tun und nicht zu zerstören, zu beleidigen oder zu vernichten.“ Anschließend reichte der Rabbiner in einer bewegenden Geste dem Papst die Hand als Symbol des Friedens für alle Völker.

Die stille Gegenwart der Karmelitinnen in einer Stätte des Gebets wird durchaus noch anders wahrgenommen – so kam es in den Sprechzimmern dieser Klöster immer wieder zu bewegenden Begegnungen mit Überlebenden wie auch mit den Angehörigen der an diesen Stätten des Schreckens Umgekommenen. In Dachau haben die Karmelitinnen übrigens seinerzeit die Gitter in den Sprechzimmern entfernen lassen, nicht um ihrer selbst willen, sondern um solche Menschen durch ein Gitter an diesem Ort nicht zu verstören.

Der Wachturm, einst Symbol des Schreckens, für Terror und Gewalt, führt heute in den Innenhof des Karmels, einem Ort der Stille und des fürbittenden Gebets für alle Opfer, ja, für alle Menschen. Er ist Zeichen, daß selbst an solchen Orten ungeheuren menschlichen Versagens etwas Neues und Besseres entstehen kann. (Im Detail dieses Fotos sieht man übrigens die Nähe von Kreuz und Menorah.)

Auch blicken die, die ein Kreuz an dieser Stätte stört, zu kurz: Opfer der Nationalsozialisten wurden Menschen verschiedenster Religionen (so waren unter den Häftlingen des Priesterblocks auch zwei Moslems). Der Dachauer Priesterblock hat seinen unrühmlichen Namen von den tausenden Priestern und Geistlichen anderer Konfessionen, die dort inhaftiert waren und von denen gut die Hälfte dort starb. Andere erlitten an anderen Orten des Schreckens das Martyrium, allein in Sachsenhausen 700, ungezählte in Auschwitz – Orte des Schreckens, die wir niemals vergessen dürfen. Wir dürfen aber vor allem auch die nicht vergessen, die dort umgekommen sind, und darunter waren viele, die ihr Leben und Sterben unter das Zeichen des Kreuzes gestellt haben.

Mancher, der vielleicht überlebt hätte, opferte sich für einen anderen und gewann so die Krone des Martyriums, wie etwa der Franziskaner P. Maximilian Kolbe. Unter den Häftlingen von Dachau war auch der selige Karmelit und Märtyrer Titus Brandsma. Trotzdem scheint das Schicksal dieser Priester insgesamt der breiten Öffentlichkeit eher unbekannt.

Noch vergessener scheint zuweilen das Zeugnis der vielen Ordensschwestern, die in KZ gefangengehalten wurden, die den Tod erlitten oder auch gleich zum Tode verurteilt wurden, wie etwa die Ordensschwester M. Restituta Kafka, die als Operationsschwester am städtischen Krankenhaus in Wien eingesetzt war. Sie wurde der Feindbegünstigung und Vorbereitung zum Hochverrat beschuldigt und wenige Tage später enthauptet. Aus ihrem Brief, den sie nach der Urteilsverkündung an ihre Oberin schrieb:
Meine gute Schwester Oberin, wohl tut es mir von Herzen leid, daß ich Ihnen sowie allen Schwestern solches Leid zufüge; doch kränkt euch nicht, denn was Gott tut, ist wohlgetan. Ich selbst fühle mich keiner Schuld bewußt, und muß ich mein Leben lassen, so bringe ich gerne das Opfer; denn so hoffe ich, daß ich gnädige Aufnahme bei meinem Heiland finde. Heute, am Fest Allerheiligen, an welchem mich mein Heiland jene herrlichen Wunder betrachten läßt, bitte ich meinen Heiland, auch mich bald in diese Scharen einzureihen. O liebe Schwester Oberin, bitte verzeihen Sie mir all die Sorgen und Leiden, die ich Ihnen bereitet habe, bitte auch alle Schwestern um Verzeihung, vergeßt mich nicht in euren Gebeten, betet viel für mich um eine gute Sterbestunde und dann für meine Seelenruhe. Tausendmal „Vergelts Gott“ Ihnen, liebe Schwester Oberin, für alle Liebe und alles Gute, das mir durch Sie zuteil wurde, ebenso allen lieben Schwestern. Allen habe ich von Herzen verziehen, die zu meiner Verurteilung beigetragen haben … möge mir der liebe Gott dafür Seelen schenken. Bitte tragt niemandem etwas nach, sondern verzeiht allen von Herzen, wie auch ich es tue.
Andere Ordensschwestern verloren ihr Leben, weil sie sich für die ihnen Anvertrauten einsetzten, etwa Geisteskranke, Behinderte und Kinder, die dem sogenannten „Euthanasieprogramm“ der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Von den Schicksalen dieser Schwestern berichtet das Buch Nonnen unter dem Hakenkreuz, von einigen das Martyrologium, denn Papst Johannes Paul II. sprach Sr. Restituta 1998 selig.

Viele gab es, die aus ihrem christlichen Glauben und Gewissen heraus, als Glieder des Leibes Christi, den Tod fanden. Am 5. Februar (meines Dafürhaltens ist dies bisher ebenfalls wenig beachtet worden), verherrlicht die orthodoxe Kirche eines der Mitglieder der Weißen Rose, Alexander Schmorell – ein Vorgang, der meines Wissens dem der Seligsprechung der römisch-katholischen Kirche entspricht.

Unter den letzten Worten, die die Mutter von Sophie Scholl an ihre Tochter im Gefängnis von Stadelheim richten konnte, war: „Gell, Sophie, Jesus!“ Diese antwortete: „Ja, aber du auch“. Die Glocke, die seinerzeit zu Hinrichtungen im Stadelheimer Gefängnis angeschlagen wurde, läutet nun zu den Gebetszeiten der Karmelitinnen.

Das Kreuz wie das Gebet gehören zu Dachau, zu Auschwitz, zu all diesen Orten des Schreckens. O komm und öffne den Kerker der Finsternis und die Fessel des Todes! bitten wir in der wundervollen O-Antiphon O clavis David. Der Sohn Gottes ist selbst hinabgestiegen in die Finsternis und den Schrecken des Todes. Der sakramentale Christus hat sich selbst in Finsternis und Tod den Gefangenen zum Trost dargereicht. Deshalb gehört das Kreuz nach Dachau.

Kommentare:

jos.m.betle hat gesagt…

Schöner Text. Danke. Und: Gottes Segen!

Nepomuk hat gesagt…

Das hast Du wunderbar anrührend geschrieben, Danke!

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