Montag, 27. Februar 2012

Und noch immer verbrennen sie Bücher


Über die Erklärung der Vereinigten Staaten in der letzten Woche zur Verbrennung von Koranen durch US-Soldaten hab ich auch Bauklötze gestaunt: „unangemessene Entsorgung“. Abgesehen davon, daß sich einem bei dieser Wortwahl doch eigentlich gleich die Frage stellt, wieso da überhaupt ein Buch oder ein religiöses Symbol „entsorgt“ werden mußte (laß doch denjenigen die Sorge tragen, dem es gehört, was er damit macht) – warum ist es eigentlich nicht möglich, sich mannhaft hinzustellen und eine Erklärung etwa des Inhalts zu formulieren: „Ja, es trifft zu, daß einige Soldaten Korane verbrannt haben. Diese Handlung war höchst unangemessen, wir bedauern den Vorfall und werden mit den Betreffenden ein ernstes Gespräch über den adäquaten Umgang mit religiösen Symbolen führen“? Aber nein!

Mittlerweile hat sich das eingestellt, was man beim Hören der Nachricht leider bereits erwartet hat, es brannten wieder Kirchen, es wurden wieder Menschen ermordet.

Weder die „unangemessene Entsorgung“ noch die unangemessene Erklärung der US dazu sind meines Erachtens das eigentliche Problem: Das eigentliche Problem ist, daß wir derzeit auf der Welt mit einer Religionsgemeinschaft leben, deren einzelne Vertreter, möchte ich sagen, überdurchschnittlich häufig mit der Kanalisation ihrer Empfindungen unangemessen umgehen, denn als Reaktion auf die Verbrennung eines Korans eine Kirche oder einen Menschen anzuzünden ist keine angemessene Reaktion (das sollte jetzt bitteschön nicht zynisch klingen). Die Reaktion auf etwas tatsächlich Blasphemisches oder etwas, das als solches empfunden wird (wie etwa Karikaturen oder künstlerische Umsetzungen), kann eben nicht Brandstiftung, Mord und Totschlag noch dazu meist unschuldiger Menschen sein.

Zumindest mir als Berlinerin steht, wenn die Rede von brennenden Büchern ist, sogleich die Verbrennung von Büchern auf dem Bebelplatz durch die Nationalsozialisten vor Augen. Bücher, die nicht religiöse Symbole sind, aber das macht es nicht besser. Das Mahnmal der Bücherverbrennung auf dem Bebelplatz wird von vielen Touristen nicht gleich gefunden (weil man bei Mahnmal eher an etwas denkt, das sich über der Erde erhebt) – ich führe Suchende meist gleich selbst hin –, ist aber auf seine Weise ergreifend. Man blickt durch den Boden des Bebelplatzes auf leere, weiße Bücherregale – die verlorene Bibliothek. Verloren ist sie, weil in all dieser weißen Leere die Bücher, das Wissen, hätten stehen können, die diejenigen in ihrem Unverstand verbrannt haben. Vor einigen Jahren hat jemand beim Marsch für das Leben dort dem teilnehmenden Weihbischof Laun eine brennende Bibel vor die Füße geworfen – ebenfalls ein Manifest menschlicher Dummheit.

In seinen Roman Spencer's Mountain[1] berichtet Earl Hamner jr. von einem solchen, ganz ähnlichen Ereignis mit umgekehrten Vorzeichen: als Deutsche in die Blue Ridge Mountains ziehen, versammelt sich ein Mob, der, aufgestachelt vom Haß gegen alles Deutsche infolge des zweiten Weltkrieges, die mitgebrachten Bücher der Deutschen verbrennen will. Die Verbrennung kann abgewendet werden, als einer, der des Deutschen mächtig ist, aus einem der Bücher, die verbrannt werden sollten, vorliest: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.

Ein nicht nur künstlerisch absolut irrsinniges Beispiel über Terror, der von der Verbrennung der Bücher anderer ausgeht, zeichnet Ray Bradbury in seiner Kurzgeschichte Fahrenheit 451, einem Science-Fiction-Szenario[2], in dem Feuerwehrleute Bücher verbrennen, anstatt Brände zu löschen. Es endet damit, daß Menschen im Verborgenen Bücher auswendig lernen, um sie für das Gedächtnis der Menschheit zu bewahren.

Eines aber darf man bei der Betrachtung solcher Ereignisse nicht aus dem Auge verlieren: Man macht einen Fehler, wenn man Bücher verbrennt (egal welche). Man macht aber einen schwereren, wenn man für die darauffolgende Ermordung von Menschen eine Erklärung oder gar Entschuldigung sucht. Egal, ob eine Bibel oder ein Koran verbrannt worden ist, oder ob der Koran den Moslems mehr bedeuten soll als uns die Bibel – was ich eigentlich bezweifeln möchte, denn Christus ist das fleischgewordene Wort – beides ist kein Grund, herzugehen und Unschuldige zu ermorden.

___
[1] Seine Jugenderinnerungen, die uns viel eher als filmische Umsetzung in der Fernsehserie Die Waltons bekannt sein dürften.
[2] der Film dazu mit einem brillianten Oskar Werner, den ich sehr schätze, der sich allerdings wegen der Interpretation seiner Rolle mit dem Regisseur Truffaut heftig zerstritt.

Kommentare:

Papsttreu im Pott hat gesagt…

Immer diese Nietzschesche Fernstenliebe...
In Berlin hat man uns eine brennende Bibel vor die Füße geschmissen und massenhaft Kreuze gestohlen und geschändet beim Marsch für das Leben - wo bleibt da die Empörungswelle?

Anonym hat gesagt…

Liebe Braut,
das ist völlig richtig. Doch sollten diejenigen, die Korane verbrennen, gerade WEIL man inzwischen um die entsprechenden Reaktionen weiß, bedenken, dass sie nicht "nur" ein Buch verbrennen und ihrer uangemessenen Verachtung unangemessen Ausdruck verleihen, sondern dass sie mit einer solchen Handlung das Leben vieler Menschen gefährden.
Gabriele

Braut des Lammes hat gesagt…

@Papsttreu: so ganz versteh ich den Einwand hier nicht: über die brennende Bibel hab ich mehrfach geschrieben, davon abgesehen wird das Verbrennen eines Buches ja nicht richtiger oder dadurch relativiert, daß man zu einem anderen Zeitpunkt ein anderes verbrannt hat. Es ist beides daneben.

Braut des Lammes hat gesagt…

@Gabriele: Ja, aber da frag ich mich halt eben immer: wie kann das sein, daß die Relation so ist? Wenn hier der hpd (!) öffentlich dazu aufruft, Kreuze in de Spree zu werfen, fliegt anschließend auch nichts in die Luft.

Papsttreu im Pott hat gesagt…

Das war keine Kritik an dir, sondern am herrschenden Atheismus. Ich finde es natürlich auch immer schlecht, wenn man etwas verbrennt, was anderen heilig ist.
Aber wie der BBC-Chef schon sagte: Wir Christen haben (brauchen?) breite Schultern, mit uns kann man es ja stillschweigend machen...
Ja, was sind das für unangemessene Relationen?

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...