Freitag, 17. Februar 2012

Tebowing und Tischgebet

Pithless thoughts macht sich in dem Beitrag Conspicious piety Gedanken übers Bekreuzigen zum Tischgebet, wenn andere dabei sind, unter Verwendung des Wortes „tebowing“[1], ein Begriff, den ich noch gar nicht kannte, was kein Wunder ist, er ist noch ganz neu und wird folgendermaßen definiert:
What is Tebowing? To get down on a knee and start praying, even if everyone else around you is doing something completely different.
Hier zwei Beispiele für Tebowing an ungewöhnlichen Orten. Zum im Wald aufgenommenen Foto muß man sagen: das ist anscheinend kein Bild in Not und Gefahr – zuerst dachte ich, ja, wo sollte man denn sonst niederknien und beten? –, sondern eine Brandrodung, derjenige betet (oder tebowt) also bei seiner Arbeit:



Ich muß sagen, ich find es eigentlich gut, wenngleich ich mich frage, ob die Herleitung (nicht die obige Definition) tebowing hier zutrifft? Beide Bilder sehen nicht so aus, als hätte da jemand eine besonders augenfällige Geste vollführen wollen, sondern eher, als sei ihm das Beten völlig natürlich. Warum jemand dazu einen Autoreifen aufsucht, vermag ich nicht zu sagen, vielleicht gilt auch hier: Weil er da ist.

Derselbe Grund trifft für mich aufs Tischgebet und Bekreuzigen zu, und deshalb sehe ich es ein wenig anders: Es erscheint mir völlig natürlich, drum tue ich es und achte nicht weiter darauf, wer mich dabei sieht. Als ich neulich zu einem Essen eingeladen war, bei dem einer der beiden anwesenden Geistlichen dem lauschenden restlichen Lokal nach dem Tischgebet (zu dem wir aufstanden) in voller Phonstärke erklärte, das Essen in der Küche wäre „auch gleich mitgesegnet“, war ich zwar zunächst innerlich etwas erheitert – es wundert mich, daß er uns nicht auch noch einen Kanon hat singen lassen – aber mei, warum eigentlich nicht? Außerdem hatte es was. Je mehr Akte der Frömmigkeit, und seien sie noch so klein, wie es ein Kreuzzeichen vor und nach dem Gebet sein kann, aus der Öffentlichkeit verschwinden, desto eher kommt man doch überhaupt in die Verlegenheit, etwas erklären zu müssen.

Vielleicht geht es mit dem Tebowing wie noch mit dem Planking und man entdeckt nach kurzer Zeit, daß es sich um a fine catholic tradition handelt. Indes, hier gings ja ums Bekreuzigen und das Tischgebet:
Personally, I generally don't. I don't want to be identified as a Christian by my co-workers by my "pious acts" but rather by my Christian acts that they would not view as a public "show" of my religion.
Ich weiß nicht, warum sich das gegenseitig ausschließen muß? (Unwohl wäre mir allenfalls bei demonstrativen Gesten der Frömmigkeit ohne irgendeinen Niederschlag des Kreuzes im gelebten Alltag, indes, wer will das beurteilen? Sein oder ihr Beichtvater vielleicht, ich nicht.)

Grade überlege ich, ob ich die berühmte Ausnahme vom Tischgebet mit dezentem Kreuzzeichen in einer Situation machen würde, in der zu befürchten steht, daß sich das Tischgespräch dann anschließend um Inquisition, Hexenverfolgung, den priesterlichen Zölibat und – hab ich was vergessen? – ja, die Unterdrückung der Frau in der katholischen Kirche drehen wird. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Solche Gespräche können eine wahre Landplage sein, allerdings hab ich mittlerweile einige Übung drin, sie ganz kurzfristig zu einem Ende zu bringen, wenn es angezeigt erscheint. Außerdem: es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für schlechte. (1 Petr 3,17) – Wie seht ihr die Sache mit dem Tischgebet in der Öffentlichkeit?
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[1] Das Verb ist abgeleitet vom Gestus eines amerikanischen Footballspielers namens Tim Tebow. Ob das wirklich eine Siegespose ist, wie verschiedentlich behauptet, sei noch dahingestellt. Augenfällig ist es jedenfalls.

Bild: Fritz von Uhde: Komm Herr Jesu, sei unser Gast, 1888

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich bete grundsätzlich auch in Restaurants und bei Einladungen, aber sitzend und mit stillem Ton. Der Herr hört meine Worte in vollem Ton meines Herzens und die Umgebung kann sehen, was ich tue, wenn sie es sehen / hören wollen oder können.

F. M. hat gesagt…

Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler, die da gerne stehen und beten in den Schulen und an den Ecken auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn aber du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten öffentlich.

Jeus Christus

Braut des Lammes hat gesagt…

F. M., ich glaub, dieses Zitat geht meines Erachtens an der Sache vorbei, denn beim dezent gehaltenen Tischgebet steht niemand an der Ecke und wartet drauf, daß die Leute ihn sehen.

Mit demselben Worten könntest du übrigens jegliche Prozession für vom Herrn nicht erwünscht erklären. Ergo muß etwas anderes gemeint sein.

F. M. hat gesagt…

Weil wir Fronleichnamsprozessionen abhalten, muss Jesus Christus etwas anderes gemeint haben? Mit dieser Argumentation lässt sich JEDES Gotteswort in sein Gegenteil verkehren. Wollen Sie das wirklich? Kann ich mir bei rechtgläubigen Katholiken kaum vorstellen. Eher bei liberalen Linkskatholiken.

Und wenn das Tischgebet in der Familie laut und für alle erkennbar gesprochen wird, so ist das wohl kaum die Öffentlichkeit der der "Ecken auf den Gassen" die Jesus Christus wortwörtlich angeprochen hat. Wenn Sie dagegen in einer Gaststätte demonstrativ mit dem Tischgebet als "tebowing" anfangen, dann ist das genau die Öffentlichkeit von der Jesus sprach. Es ging ihm darum, dass "im stillen Kämmerlein, hinter verschlossener Türe" gebetet wird.
Ein wunderbares Wort hat Bruder Roger von Taize dazu gesprochen: "Rede nicht über deine Religion, wenn du nicht gefragt wirst, aber verhalte dich so, dass du gefragt wirst." Und ich bin sicher, dass Bruder Roger das Gotteswort vom stillen Kämmerlein genau kannte und nicht das "tebowing" gemeint hat. Das Wort Jesu steht schliesslich an einer der prominentesten Stellen der gesamten Bibel: direkt vor dem Vaterunser, dem allerwichtigsten Gebet der gesamten Christenheit.
Jesus wollte ganz sicher, dass alle sein Gebot kennen und hoffentlich auch beachten. Ich frage mich, ob er einer pompösen Machtdemonstration wie der Fronleichnamsprozession viel hätte abgewinnen können, so bscheiden wie er immer aufgetreten ist.

PS: Nicht umsonst tragen die Fahrzeuge des Vatikans im Kennzeichen das SCV, was wohl heissen soll: Wenn Christus das sehen würde .... ;-)))

Braut des Lammes hat gesagt…

Liebe(r) F.M. – kann es sein, daß hier ein Mißverständnis vorliegt? Ich hatte weder das Tischgebet in der Öffentlichkeit noch die Fronleichnamsprozession unter das Wort des Eckenstehens subsumiert. Auch hatte ich meines Erachtens nicht zum Ausdruck gebracht – oder bringen wollen – das Tischgebet jenes Geistlichen wäre Tebowing gewesen. Derjenige hat es gut gemeint, womöglich war ihm der Ausspruch vom mitgesegneten Essen ebenso natürlich wie mir ein Kreuzzeichen und ein stilles oder leises Gebet.

F. M. hat gesagt…

...wie mir ein Kreuzzeichen und ein stilles oder leises Gebet.

Nur gut, dass wir Katholiken die Bibel nicht wortwörtlich nehmen müssen, wie die Evangelikalen, weil uns ja noch der ganze Schatz der Tradition, der "mündlichen Überlieferung", wie ich das im Religionsunterricht gelernt habe, zur Verfügung steht. Deswegen wird sich Jesus Christus auch über den Prunk einer Fronleichnamsprozession nicht allzusehr aufregen müssen. Ich bete selbvertständlich auch in der Öffentlichkeit, sogar sehr oft; auch den Rosenkranz bete ich da, allerdings mit einem Soldatenrosenkranz den niemand bemerkt, der nicht direkt neben mir sitzt und mich sehr scharf beobachtet. Ich versuche Bruder Rogers Empfehlung und Jesu Gebot einzhalten. So gut es eben geht, wie bei allen Menschen die an Gebote gebunden sind.

Braut des Lammes hat gesagt…

*Mir* ist es nicht selbstverständlich, im Lokal aufzustehen und das Tischgebet mit „Lasset uns beten“ oder einer ganz ähnlichen Einleitung zu eröffnen, ich halte es wie Anonym oben und bete sitzend und zumindest leise; so war das gemeint. Ebenso wie ich oben zum Ausdruck brachte, daß der Herrn nicht jegliches öffentliche Beten als unerwünscht angesehen haben kann, sondern er mit den langen Quasten und den Ecken womöglich auf etwas anderes/eine andere Intention hinauswollte. Ist es jetzt etwas klarer geworden?

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