Samstag, 25. Februar 2012

Fastenzeit und Fastenopfer – Lust auf Brezeln?

Vor einigen Tagen habe ich mir – eher aus Zufall als gezielt im Zusammenhang mit der Fastenzeit – Timothy Kardinal Dolans Blogbeitrag External markers of our faith vom letzen Sommer noch einmal angeschaut:
But, what are the external markers that make us stand out? Lord knows, there used to be tons of them: Friday abstinence from meat was one of them, but we recall so many others: seriousness about Mass on Sundays and Holy Days of Obligation; fasting on the Ember Days; saints names for children; confession at least annually; loyal membership in the local parish; fasting for three hours before Holy Communion, just to name a few.
External markes of our faith? – Die Begriffe Fastenzeit und Fastenopfer sind mir dazu eingefallen. Die Vorgaben der Kirche für das Fasten sind im vergangenen Jahrhundert einem starken Wandel unterlegen. Die Fastenzeit und ihre charakteristische Ausprägung war über Jahrhunderte hinweg etwas, das die Christen der Ostkirchen und die der lateinischen Kirche miteinander verband. Daß diese eine durchaus starke leibliche Komponente hatte, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckt, geht unmittelbar aus dem Namen hervor: Fasten-Zeit (ím Lateinischen funktioniert das in Bezug auf die Länge auch: Quadragesima, vierzig Tage). Dies ist übrigens einer der Gründe, warum ich mit dem verbreiteten Begriff „österliche Bußzeit“ nichts anfangen kann. Was soll das denn sein? Sagt man zum Advent wohl auch „weihnachtliche Bußzeit“?

Im Herbst vergangenen Jahres sind die Bischöfe von England und Wales zu dem früher von der ganzen Kirche geübten Brauch zurückgekehrt, das Freitagsopfer der Gläubigen wieder verbindlich in der Form festzusetzen, daß der Freitag ein Abstinenztag für alle ist, die daran gebunden sind[1]. Diese Verlautbarung der englischen Bischöfe wurde in der Weltkirche vielfach begrüßt und man fragt sich, ob das nicht ein Schritt in die richtige Richtung war, auch in Bezug auf die Fastenzeit?

Freitage und die Fastenzeit als leiblicher Ausdruck einer geistlichen Dimension. Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist, das ist richtig, und doch bietet das Fasten eine Möglichkeit – eine Einladung –, diesem Geist einen körperlichen Ausdruck zu verleihen. Gewiß kann der einzelne dies nach Belieben tun, doch hat es noch einmal einen anderen Charakter, wenn er dies in Gemeinschaft mit der Kirche tut, die es sich als ganze vornimmt, und da erscheinen zumindest mir Aschermittwoch und Karfreitag als einzige verbliebene Fast- und Abstinenztage eines ganzen Kirchenjahres als deutlich zu wenig.

Die einzige „Schwierigkeit“, die ich bei der Umsetzung einer Fastenordnung wie der von 1917 für mich selbst sähe, ist, daß ich eigentlich selten mehr als eine warme Mahlzeit (oft auch diese nicht) und kleine Stärkungen zu mir zu nehmen scheine. Doch halt: wieso fällt mir dann aber die Einhaltung einer solchen Fastenpraxis an den gebotenen Fast- und Abstinenztagen punktuell doch mal nicht leicht? Weil die Eßgewohnheiten unserer Zeit doch eher auf eine ununterbrochene Folge kleiner Stärkungen hinauslaufen? Weil ich klein und zierlich bin und schnell unterzuckert (was man mir dann auch anmerkt)? Weil „es“ gerade an diesen Tagen „verboten“ ist? – Ich weiß es nicht, ist vielleicht auch nicht weiter wichtig.

Mit der Briefwaage stelle ich mich trotzdem nicht hin, ich versuche halt, die Anzahl und Ausstattung der kleinen Stärkungen zu reduzieren. Um ein Beispiel zu bringen: in einem Konvent eines als asketisch geltenden Ordens gibt es für jede Schwester unterm Kirchenjahr die Möglichkeit, an den Arbeitstagen irgendwann während der Arbeitszeit eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen, die aus Kaffee und Brot mit Margarine und etwas grober Marmelade besteht. In den Fastenzeiten entfällt die Stärkung nicht etwa ganz, sondern es wird eben nur das Brot und der Kaffee hingestellt, ohne etwas dazu.


Reluctant sinner verwies vor wenigen Tagen auf den Ursprung der oft als typisch deutsch empfundenen Brezeln: sie waren eine Fastenspeise, die wohl im 7. Jahrhundert von Mönchen erdacht wurde, und ihre Form mit den verknoteten Teigenden erinnert an die verschränkten Arme[2] eines Beters oder Kommunikanten (der Ostkirche). So sind sie womöglich das bekannteste Gebildenbrot, ohne daß die Leute es als solches noch erkennen. Der Blogger regt an, in der gesamten Fastenzeit die Brezeln wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zuzuführen und einige Mahlzeiten durch Brezeln zu ersetzen, denn: What's the point giving up a candy bar? Let's fast with dignity!

Den Marsriegel, Kartoffelchips oder von mir aus auch den reizenden Ursus latex multicoloratus aufzugeben, kann eines der Fastenopfer sein, die der einzelne über das von der Kirche Gebotene hinaus darbringt. (Ich weiß nicht, ob irgendeine kirchliche Ordnung für die Fastenzeit jemals Süßspeisen oder Süßigkeiten erwähnt hat, ich glaube eher nicht).

Der Begriff Fastenopfer kommt eigenartigerweise, und zwar durchaus nicht nur in den Medien, immer öfter als „Verzicht“ daher, oder als eine Art diätetischer Frühjahrsputz. Die Fastenzeit als individueller asketischer Hindernisparcours? Nun sind Opfer und Verzicht nicht etwa bedeutungsgleich. Fastenopfer – seit der Zeit, zu der ich katholisch wurde, ein völlig geläufiger Begriff: man nimmt sich für die Fastenzeit ein oder mehrere Dinge vor, die man als Opfer bringt. Hier, und zwar meines Erachtens nur hier, kommen auch Substitute ins Spiel: man kann als Opfer auch etwas tun, etwa etwas Geistliches lesen, zumal wenn einem das sonst schwerfällt – zur Fastenzeit in einem Kloster gehört eigentlich immer auch die sogenannte Fastenlektüre –, oder das versuchen, wovon wir beim Propheten Jesaja hören, etwa, sich seinen Verwandten nicht zu entziehen.[3]

(Melo)dramatische, augenfällige Akte, wie etwa in der gesamten Karwoche gar nichts zu essen, sind dafür gerade nicht kennzeichnend: es sind eher die kleinen, unspektakulären Dinge, die man im Verborgenen tun kann, wie etwa, die Milch im Kaffee wegzulassen oder einfach überhaupt weniger Kaffee zu trinken. Den Opfercharakter gewinnen sie meinem Empfinden nach vor allem daraus, daß wir sie um Christi willen tun und wenigstens versuchen, sie umzusetzen. Daß das nicht immer konsequent gelingt, ist nicht schlimm: wichtig ist, wie gesagt, daß wir es versuchen und wenn wir scheitern, daß wir es erneut versuchen.

Ob wir beim Fasten versagen oder es punktuell nicht durchhalten: letzlich kommen wir alle in der Feier der Osternacht an, für die der hl. Chrysostomus die freudigen und gleichermaßen ermutigenden Worte bereithält:

Hat jemand sich beim Fasten abgemüht, so empfange er jetzt den Lohn.
Wer von der ersten Stunde an gearbeitet hat, empfange heute den gerechten Verdienst.
Wer nach der dritten Stunde gekommen ist, der feiere dankend mit.
Wer erst nach der sechsten Stunde angelangt ist, der soll nicht von Zweifeln befangen sein, denn er wird nichts einbüßen.
Wer bis in die neunte Stunde säumte, der trete unverzagt heran, ohne zu fürchten.
Sollte jemand erst zur elften Stunde gekommen sein, so möge er wegen seiner Saumseligkeit nicht bangen.
Denn der Gebieter ist freigiebig, er nimmt den letzten ebenso auf wie den ersten.
Er erquickt den, der um die elfte Stunde gekommen ist, gleich dem der von der ersten Stunde an gearbeitet hat. Gegen den zuletzt gekommenen ist er gnädig und den ersten behandelt er freundlich. Den einen beschenkt er und dem anderen entzieht er nicht seine Gaben.

_____
[1] Zur Abstinenz sind alle Gläubigen verpflichtet, die das siebte Lebensjahr vollendet haben. Zum Fasten sind alle verpflichtet, die das 21. Lebensjahr vollendet haben und noch nicht in das 60. Lebensjahr eingetreten sind.


[2] In der Tat leitet sich selbst der Name der Brezel von ihrer Form ab: brachiolum, das Ärmchen.

[3] Fast jedesmal, wenn ich diese Lesung höre, denke ich, der Prophet muß bemerkenswert realistisch gewesen sein, seine Aussage erinnert mich in ihrem Pragmatismus an die große hl. Teresa. Andererseits ist der Prophet ja göttlich inspiriert: Gott kennt uns womöglich noch besser.

Kommentare:

Freiburgbärin hat gesagt…

Hier eine kleine Sammlung von Fastenspeisen: http://www.osterseiten.de/fastenrezepte/home.html

Frohes Fasten. :)

Braut des Lammes hat gesagt…

Ah, da steht ja glücklicherweise mehr als Sauerkraut ;)! Falls antiquarisch noch aufzutreiben, bestimmt interessant: Anna Huber Die vollständige Fastenküche mit über 330 Rezepten (darunter 62 allein für Suppen)

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