Dienstag, 10. Januar 2012

Say the black, do the red…

Gelegentlich macht jemand in der Liturgie eben nicht das Rote und sagt nicht das Schwarze (oder er macht einfach irgendwas).

Jedes Mal denk ich, sag nichts. Und ich sag auch nichts. Zum einen kommt man beim Nachdenken über die liturgischen Eigenheiten der Priester und auch der Gläubigen manchmal in gefährliches Fahrwasser: Warum steht jetzt der, wo andere knien? Warum schmeißt sich der auf die Knie, wenn die anderen stehen? Wie kommt denn der daher, wenn er zur Kommunion geht? Wie singt denn der? Geht's auch leiser oder lauter, noch falscher oder vielleicht auch richtig? Was hat der Organist wieder zusammengespielt und warum? Zum anderen sind mir Threads in Foren, in denen sich auf über 149 Seiten über angebliche oder tatsächliche liturgische Mißbräuche verbreitet wird, suspekt, ja geradezu ein Greuel, weshalb ich unbedingt vorziehe, sie gar nicht erst zu lesen.

Wenn ich mich aber schon der heroischen Tugend des Mundhaltens befleißige (wer Sarkasmus findet, darf ihn behalten), mag ich allerdings dann umgekehrt auch nicht nach der Messe ausführlich und in aller Breite darüber belatschert werden, wie toll und vorbildlich das ist, wenn Pater X[1] beim Friedensgruß auch noch die letzte Reihe der Kirche persönlich aufsucht und dort alle Hände einzeln schüttelt, bevor er wieder zum Altar stürzt oder aber, wie jüngst wieder einmal, Pater Z (nein, nicht der Z) beim Embolismus „durchbetet“, wie das so wundervoll ausgedrückt wurde. Pater Z wolle damit sicherlich ein Zeichen für die Ökumene setzen. Beachtlich, davon könne Pfarrer Y (der das Rote tut und das Schwarze sagt), sicher noch manches lernen.

Und hier geht es bei mir jedesmal schief: Gleich, ob es stimmt oder nicht (who knows?) ich mag mir das einfach nicht schweigend anhören, daß das Weglassen des Embolismus als Speerspitze des Ökumenismus daherkommt und man es geradezu als Errungenschaft ansieht, daß seiner Auffassung nach heutzutage in fast allen Gemeinden „durchgebetet“ würde, als sei dies irgendetwas Erstrebenswertes. In der allgemeinen Einführung des Meßbuches heißt es jedenfalls: Die Einladung, das Vaterunser, der Embolismus und die Schlußdoxologie der Gemeinde werden gesungen oder vernehmlich gesprochen. Davon, daß gerade ein Priester, den ich sehr schätze und der die Liturgie so zelebriert wie sie zelebriert werden soll, nebenbei eins versetzt bekommen hat, noch ganz zu schweigen.

Ich mag den Embolismus gern. Er ist schön und wohl auch wichtig, denn unser verstorbener Kardinal hat ihn einmal einem alten Küster gegenüber als das wichtigste am Vater unser bezeichnet. Sagt jedenfalls der Küster, aber der hört gut. In den Meßfeiern, in denen ich diene, wird der Embolismus erfreulicherweise kaum je weggelassen. Nicht nur deshalb empfinde ich das, wenn es dann doch einer tut, als Eigenmächtigkeit, für die es eigentlich keinen Grund gibt.

Zum anderen habe ich – vielleicht läßlicherweise – bei der Belehrung über dem vermeintlich ökumenischen Embolismuswegfall den Gedanken zum Ausdruck gebracht, daß wir uns eigentlich nicht in der Heiligen Messe einfinden, um die Ökumene der Riten voranzubringen. Wieso auch? Die Heilige Messe ist unsere Tradition. Wenn Gläubige anderer Konfessionen zur Heiligen Messe kommen möchten, sind sie herzlich eingeladen, mitzufeiern. Aber deswegen sozusagen in „vorauseilendem Gehorsam“ an den Texten der Messe herumzuschrauben, falls sich etwa jemand am Embolismus stören könnte – äh, warum eigentlich? Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zur Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten – darum kann doch nun wirklich jeder im Herzen mitbeten, auch der eingefleischstete Mennonit.

Um ehrlich zu sein, ich empfinde Ein- oder Ausbauten an den liturgischen Texten auch als sehr ablenkend bis hin zum im schlimmsten Fall stark verunsichernd. Vor Jahren haben Zelatus und ich mal in einem Requiem gedient, bei dem wir danach übereinstimmend und in dem Versuch, nachträglich die eigene Gefühlslage mit etwas Humor zu meistern, zu der Ansicht kamen, jetzt könnten wir beim Thema liturgischer Mißbrauch endlich einmal mitreden (bis dahin kannten wir das nämlich nur vom Hörensagen). Jedenfalls hat der Zelebrant die Gebete, Akklamationen und deren Ordnung so stark verändert, daß wir nicht mehr wußten, was wir respondieren sollten (falls Respondieren überhaupt gewünscht war). Kommuniziert habe ich in der Messe nicht, weil ich Zweifel hatte und weil mir die Andacht zwischendurch abhandengekommen war. Und da, finde ich, ist dann endgültig ein Punkt erreicht, wo es nicht mehr geht: wenn die Gläubigen zweifeln, ob hier eine Wandlung zustandegekommen sein mag.

Sicherlich sind mir einige Gaben des Heiligen Geistes eher gegeben als andere. Daher durfte ich mir nach dem letzten solchen Dialog (ja, ja, der Dialogprozeß…) anhören, es stimme wohl doch, was man allgemein sage. Was sagt man denn allgemein? Konvertiten seien die schlimmsten. Nü jo, vielleicht hat er recht. Wenn irgendwo katholisch draufsteht, dann hätte ich gern katholisch. Wenn es vorher als ökumenischer Gottesdienst angekündigt wurde, ist es was anderes.

____
[1] Namen wurden von der Redaktion geändert.

Kommentare:

thysus hat gesagt…

Zudem meine ich, dass mit der in der erneuerten Liturgie an den Embolismus angehängten Doxologie (Denn dein ist das Reich..) der Oekumene mehr als Genüge gatan wurde!

Anonym hat gesagt…

Ich bin keine Konvertitin und sehe das 100 % genauso
Gabriele

Roger Michael hat gesagt…

Schön, aber vom "Nichtssagen" kommt, dass bei uns der Embolismus praktisch nie mehr gebetet wird, das Confiteor nie gebetet wird, gar der Friedensgruss vor das Hochgebet genommen wurde, die Akklamation "Geheimnis des Glaubens" durch ein Liedchen ersetzt wurde, ..., ... ,...

Die ganze Zeit sagt niemand etwas und die Veränderungen gehen weiter und weiter.
Wir sind nun an dem Punkt, wo wir in eine andere Pfarrei zur Messe gehen, wo die Messe noch als Messe erkenntlich ist, auch wenn einige Sachen auch weggelassen werden. Doch in der Heimat Pfarrei sind die Leute schon soweit, dass sie sagen es wäre einerlei ob am Sonntag eine Hl. Messe gefeiert würde oder ob nun eine dieser ökumensichen Gottesdienste mit dem reformierten Pfarrer statt findet.

Braut des Lammes hat gesagt…

Erfahrungsgemäß schätzt es niemand, wenn man ihm mit Vorschriften oder dem Direktorium vor der Nase herumwedelt. Die Alternative heißt wegbleiben.

Welchen Ansatz schlägst du vor?

Florian hat gesagt…

Wenn ich mir überlege, wie extrem der Embolismus durch die Liturgiereform beschnitten wurde, und dass dieser Text seit der Zeit des Papstes Leo des Großen (d.h. seit 1600 Jahren!) in der Liturgie gebetet wird, dann tritt mir jedes Mal ein Hauch von Zornesröte ins Gesicht, wenn jemand einfach "drüberbetet"...

Hier übrigens der Text des "echten" (!) Embolismus:

"Erlöse uns, Herr, wir bitten dich, von allem Übel, sei es vergangen, gegenwärtig oder zukünftig; und auf die Fürsprache der seligen, glorreichen, allzeit reinen Jungfrau und Gottesmutter Maria, wie auch deiner heiligen Apostel Petrus, Paulus, Andreas und aller Heiligen, gib barmherzig Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen, dass wir von Sünden allzeit frei und vor jeder Beunruhigung gesichert seien: durch unseren Herrn Jesus Christus, deinen Sohn..."

Scheinbar nicht mehr zeitgemäß. Und anscheinend brauchen wir auch die Fürsprache der Heiligen heute nicht mehr.

Achtung, provokativ: Und dann wundern sich manche, dass die "alte" Messe so regen Zulauf hat.

sacerdos viennensis hat gesagt…

Apropos Embolismus weglassen: ein embolismustreuer Pfarrer entwickelt so seine Mechanismen, wenn die Gemeinde gewohnt ist, nach dem Vaterunser sofort die Akklamation zu sprechen. Nämlich "drüberbeten", um den Embolismus zu retten. Das schaut dann so aus: "erlöse uns von dem BösenErlöse uns, Herr..." Der schnellere hat gewonnen. Nach ein paar Jahren hat der Embolismus seinen fixen Platz in der Hl. Messe, außer Gast- und Aushilfspriester verpatzen wieder alles.

Braut des Lammes hat gesagt…

Interessant, *die* Variante kannte ich noch nicht, wie auch den alten Embolismus nicht.

Roger Michael hat gesagt…

Wir haben den Ansatz Wegbleiben gewählt, da Gesprächsversuche nicht mal im Ansatz was gebracht haben.

Gereon Lamers hat gesagt…

Spät kommt ihr, doch ihr kommt... ;-)

Wegbleiben hilft nichts. Erfahrungsgemäß wird nur blöd hinter einem hergeredet: "Der/die kommt ja eh nicht mehr, da sieht man's ja!"...

Und ob an sich beliebt macht mit dem Hinweis auf das Recht, das sollte einem auch egal sein, denn, wiederum erfahrungsgemäß, man wird ohnehin "aussortiert" und in eine Schublade gesteckt, sobald man es "gewagt" hat, dem allgemein geltenden Klan-Denken/Mainstream zu widersprechen; da kann man dann auch richtig deutlich werden und die nun auch einmal erfreuliche Erfahrung machen, wie viele einem unter vier Augen recht geben. Und hoffen, daß sie es eines schönen Tages auch öffentlich tun werden...

Wer das richtige sagt, KANN nicht verlieren.

GL

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...