Donnerstag, 26. Januar 2012

Im Herzen der Kirche (eine kleine Liebeserklärung)

Nach der Messe zum Gedenktag des hl. Franz von Sales habe ich mich mit dem Weihbischof em. über die Ausgestaltung der Hugenottenkirche auf dem Gendarmenmarkt ausgetauscht, da der Herr Weihbischof in der Predigt die Calvinisten gestreift hatte. In dieser Kirche gibt es weder Kruzifix noch Kreuz, Bild oder Leuchter, und der Tisch, der dort steht, erinnert mich doch stark an einen Schreibtisch. Als wir vor einiger Zeit darin waren, waren wir einigermaßen getollschockt. Ich finde diese Betsäle in all ihrer Entkleidung – und vor allem ohne das Herz, das jede katholische Kirche mit Leben erfüllt, den Tabernakel –, ziemlich niederdrückend.

Das Fehlen des Herzes führt auch jedesmal, wenn ich einen solchen Raum betrete, zu einer direkt körperlichen Irritation, weil man nicht recht weiß, wohin soll ich mich wenden? Am Karfreitag und Karsamstag ist bei uns wenigstens klar, wieso die Tabernakeltüren offenstehen, und man ist darauf vorbereitet; trotzdem ist es erschreckend.

In der mittelalterlichen Dorfkirche, mit der ich aufgewachsen bin, hat die Reformatoren nichts Schönes und Farbiges überdauert, nichts, worauf das Auge ruhen kann, außer: zum Altar und zum Taufbecken hin führten je ein tiefroter Sisalläufer – das war das einzig „Prächtige“. In der Weihnachtszeit bekam die Kirche durch den Baum, der mit Honigkerzen, Strohsternen und roten Äpfeln geschmückt war, noch zusätzlich wenigstens etwas Farbe (Baumschmuck wie Läufer mochte ich gern). „Komm, daß du hörest“, steht über dem Portal. Alle anderen Sinne kommen darin tatsächlich zu kurz.

Im Gespräch kamen wir überein: wie schön und weitherzig ist doch unser katholischer Glaube – er spricht Leib und Seele gleichermaßen an. Man verstehe mich recht: die Calvinisten meinen es gut (obwohl ich es eigentlich ziemlich unbarmherzig finde, daß sie den Leuten die schöne Liturgie weggenommen, die wunderbaren Bilder, Gefäße und Statuen der Kirche zerstört haben) und sicherlich sind es fromme Menschen. Diese völlige Entkleidung von allem, was schön ist und das Herz erfreuen könnte, begreife ich allerdings nicht, buchstäblich. Mir ist das eindeutig zu verkopft. Und was kann denn gegen ein Kreuz einzuwenden sein? Unser Herr Jesus Christus selbst hat an einem solchen gehangen.

Im Zusammenhang mit dem Weihetag der Lateranbasilika Wißt ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? hatte Fr. Longenecker in seinem Beitrag Are you a beautiful temple? im letzten Herbst die einigermaßen kreative Idee, die Leser zu fragen, als was für eine Art Kirchbau sie sich selbst vorstellen könnten. Dabei ging es, wohlgemerkt, nicht um den Baustil, den man selbst bevorzugt (womöglich ist das aber auch gar nicht völlig zu trennen). Mir ging eines dieser Dorfkirchlein wie das unsere oben durch den Kopf (schlicht, aber zweckdienlich), dann wurde es doch eine irgendwie ostkirchliche: I think I'd be one of these old and churches where it is rather dark inside but with some golden highlights, red and blue lamps and icons. And I'd be happy because Christ dwells inside of me.

Ich brauche sie jedenfalls, diese roten und blauen Votivlampen, die sich im Halbdunkel verzehren, die Monstranzen, die goldenen und silbernen Akzente, Bilder, Kreuzwege, den Weihrauch und – selbst wenn alles andere fehlen würde – den sakramentalen Christus mittendrin. Für eine solche Kirche kann man dankbar sein.

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Bilder: ich glaub, die sind sämtlich von Dom Mark von
Vultus Christi entlehnt, der mit seinem Kloster nach Irland gehen wird – die Mönche kommen dorthin zurück, woher sie einmal gekommen sind. Dazu später mehr; ich finde es wunderbar und es hat ebenfalls mit dem Herzen der Kirche zu tun.

Kommentare:

cassandra_mmviii hat gesagt…

Ich habe das erste mal "Gott gespürt" in einer Kirche in Frankreich. St. Perpetua und Felicitas in Nimes.

Die Decke über dem Altarraum war tiefsamtigblau mit goldenen Sternen, es war halbdunkel und die Bilder waren in satten, samtigen Farben. Zumindest auf der einen Seite- da wurde gerade restauriert. Die Spätantike liebte Farben, und deswegen wurde auch die Kirche (eine der ältesten auf dieser Seite der Alpen behauptete der Reiseführer) spätantik-sattfarbig.
Und gerade durch diesen Farbgegensatz hatte ich das Gefühl, der erste Mal zu sehen. Es war als ob ein Vohang gefallen sei. Etwas überwältigt stolperte ich rum und fand mich vor einer Marienstatue wieder. Sie war, im Gegensatz zur Restkirche weder verblasst noch frisch restauriert, sondern aus weissem Stein und zeigte eine junge Frau, die ihr Kind, anders als die barocken Madonnen, nicht ergonomisch fast unmöglich präsentiert, sondern es mit dem Mentel einhüllte, nur der Kopf und eine Hand lugten raus. "Knirps" Jesus guckte neugierig den Betrachter an, kuschelte sich aber an seine Mama. Auch trugen beide keine Kronen oder Zepter. Und ich stand da und war berührt.

Vielleicht will ich so eien Kirche sein- mit Farben, die kräftig sind, kleine goldene Sterne sollen in mir leuchten und ein Jesus, in die Welt schaut.

Jorge hat gesagt…

Ich empfinde das ganz genauso. Es ist etwas ganz Beruhigendes, "nach Hause" zu kommen, wenn man eine katholische Kirche betritt und die Gewissheit hat, dort als geliebtes Kind erwartet zu werden und einfach da sein zu können, nicht orientierungslos in einem x-beliebigen leeren Raum zu stehen, sondern in der Gegenwart des Gekreuzigten eine Kniebeuge zu machen.

Allerdings muss man sich auch vergegenwärtigen, wie unterschiedlich die Gefühle sein können, die andere mit so einem Sakralbau verbinden.

Ich war einigermaßen überrascht (und musste beim Lesen deiner Geschichte daran denken), als ich vor ein paar Monaten mal in einem Forum bibeltreuer Freikirchler und Pfingstler gestöbert habe, was manche da beim Betreten einer katholische Kirche für kuriose Gefühle hatten.

Einer beschrieb genau wie du oben regelrechte körperliche Irritation, ein unruhiges Unwohlsein mit dem Drang, so schnell wie möglich wieder raus zu kommen, weil er immer daran denken musste, dass ihm irgendjemand gesagt hatte, in den katholischen Altären seien Reliquien eingebaut. Allein der Gedanke an solchen "Totenkult" - in seinen Augen "Gott dem Herrn ein Gräuel" - ließ bei diesen durchaus frommen und geistlichen Menschen ein kaum erträgliches Gefühl der Gottferne aufkommen. Irrsinn, oder? Wie solche Vorstellungen einen beeinflussen können.
"Kein Wunder, dass in katholischen Gottesdiensten kein Geist zu spüren ist, wenn die Tote in der Kirche aufbewahren", kommentierte sinngemäß ein anderer.

Ich war richtig vor den Kopf geschlagen. Eben weil ich so ähnliche Gefühle (von Kind an, ich war immer schon katholisch und kenne nichts anderes) durchaus auch erlebe, nur eben umgekehrt.

cassandra_mmviii hat gesagt…

"Einer beschrieb genau wie du oben regelrechte körperliche Irritation, ein unruhiges Unwohlsein"

Beunruhigend fand ich das nicht. Sonst wäre ich nämlich wieder rausgegangen statt stehenzubleiben.

Wenn ich im Alten Testament lese, dass die Reaktion auf die Gegenwart Gottes fast zuerst immer Angst ist, dann wird mir klar, dass ein Mensch, der die Gegenwart Gottes spürt und davon überwältigt ist, das vielleicht das erste Mal zu merken, dann verstehe ich, was die Freikirchler fühlen wenn sie merken "da ist was".
Und wenn einem dann immer erzählt worden ist, dass der Katholizismus alle möglichen heidnischen Dinge treibe und unbiblisch sei, dann fühlt man sich wahrscheinlich schnell unwohl.

Braut des Lammes hat gesagt…

Jorge, vielleicht hat es wenig Sinn, wenn man da zu argumentieren versucht, aber das mit den Reliquien wundert mich doch ein wenig - kann er dann auf dem Friedhof auch nicht beten?

Jorge hat gesagt…

Nein, argumentieren kann man da nicht wirklich. Ich war auch überrascht und kannte das vorher gar nicht, aber die Verurteilung des so gen. "Totenkults" spielt in Kreisen der "Bibeltreuen" eine sehr große Rolle. Man beruft sich u.a. auf das Jesuswort "Lasst die Toten ihre Toten begraben", und es gibt Leute, die deswegen nicht einmal auf die Beerdigung ihrer Eltern gehen. Jedes Fürbittgebet für Verstorbene, geschweige denn eine Anrufung von Heiligen um Beistand oder Eintreten vor Gott usw., wird als von Gott explizit verbotener "Totenkult" betrachtet (es gibt dazu alle möglichen Bibelzitate aus dem AT, insbes. Dtn 18,11-12), was in den Augen dieser Leute schlimmster Verrat an Gottes Geboten, Dämonenglaube und Teufelswerk ist.

Solchen Leuten kannst du vom katholischen Glauben erklären, was du willst, sie lächeln dabei nur und weisen dich höflich darauf hin, dass es sich bei der katholischen Kirche gar nicht um eine Kirche, sondern um einen heidnischen Totenkult handelt.

Die Toten, die dort gern "Entschlafene" genannt werden, sind in deren Augen tot und können nichts tun, noch kann man etwas für sie etwas tun (ein "Fegefeuer" gibt es natürlich nicht), und wer sich im Gebet mit ihnen befasst (oder gar Reliquien verehrt), lästert Gott und vertreibt den Geist. Das sind jetzt nicht irgendwelche Sektierer, sondern unter Evangelikalen absolut verbreitete Standardaussagen.

cassandra_mmviii hat gesagt…

"Das sind jetzt nicht irgendwelche Sektierer, sondern unter Evangelikalen absolut verbreitete Standardaussagen."

Möchte ich kurz bestätigen.

Fürbitten für Tote sind unbiblisch und sinnlos- man hatte ein Leben lang zeit, jesus zu erkennne, und tot ist vorbei.
Ich sage dazu immer, Beten ist Zeit mit Gott verbringen und as ist niemals sinnlos.

Die Heiligen anzurufen ist entweder Beten zu Verstorbenen (also falschen Göttern) oder Totengeistbeschwörung.
W wenn ich einen Heiligen bitte, für mich zu bitten, dann ist das eine Bitte unter Geschwistern. Damit den Heiligen leiblich herbeizuzitieren hat das nichts zu tun.
Bei einer wörtlichen Auslegung von "lasst die Toten die Toten begraben" würde ich mir da viel mehr Sorgen machen!

Braut des Lammes hat gesagt…

Manchmal frage ich mich halt, wie sie den Begriff "Gemeinschaft der Heiligen" verstehen – dieser hat ja eine himmlische und eine irdische Dimension, das heißt, nicht nur die Lebenden gehören dazu, sondern auch die, die uns im Glauben vorausgegangen sind.

cassandra_mmviii hat gesagt…

das scheint eine sehr getrennte Gemeinschaft zu sein. Wir hier, die Verstorbenen da. Wenn sie nicht in einer Form von "off" sind: die erstehen erst auf beim Jüngsten Gericht.

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