Freitag, 27. Januar 2012

Ich bin bei euch alle Tage… – die gefangenen Priester in Dachau

(Zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus schreiben einige Blogs etwas. Hier mein Beitrag:)
Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, läßt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. (Joh. 10, 11-16)

„Dieser Klerus war wirklich europäisch: hundertachtunddreißig Diözesen und ich glaube fünfundzwanzig Ordenskongregationen waren vertreten … Die ganze kirchliche Hierarchie befand sich dort, vom Bischof (von Clermont-Ferrand) bis zum jüngsten Seminaristen. Es waren dort alle christlichen Konfessionen vertreten: Katholiken, Orthodoxe, Protestanten, Altkatholiken… (Erinnerung an das Leben im Konzentrationslager Dachau, P. León de Conninck SJ)

Im Konzentrationslager Dachau wurden in den Jahren seit 1940 2720 Kleriker gefangengehalten, darunter 2579 Priester der römisch-katholischen Kirche. Diese, wie auch die 109 evangelischen Pfarrer, die zweiundzwanzig Orthodoxen und die Altkatholiken sperrte man in einem eigenen Barackenkomplex zusammen, dem Block Nr. 26, auch bekannt als Priesterblock. Etwa die Hälfte von ihnen sollte dies nicht überleben, viele hofften bis zum Schluß: „Wenn nur einmal die Freiheitsnachricht käme“, schrieb Pfr. Georg Häfner am 9. August 1942. Zwölf Tage später starb er an den Folgen von Folter und Auszehrung durch Hunger und Krankheit.

Von den mehr als 2700 inhaftierten Geistlichen wurden 132 wurden in andere Lager verlegt oder evakuiert, 314 entlassen, Über tausend aber ließen ihr Leben als treue Hirten, die ihr Leben hingaben für die Schafe.

Geblieben ist vom Priesterblock ein ganz schlichter und unauffälliger Stein an dessen Stelle, die Statue unserer lieben Frau von Dachau und die Paramente und Vasa sacra, die von den Karmelitinnen des Karmels Heilig Blut verwahrt werden. Nach außen hin gab es im Block 26 eine Vorzeigekapelle (aus Spenden der umliegenden Gemeinden finanziert und mit Tapetenresten verziert). Im Lager selbst jedoch wurde die Messe unter armseligsten Bedingungen gefeiert; doch waren die Gefangenen zutiefst dankbar, daß mitten in Terror und Elend eines Konzentrationslagers die Begegnung mit dem sakramentalen Christus und die Spendung der Sakramente gelang. Unter den verwahrten Gegenständen und Paramenten sind anrührende, etwa eine Pyxis und eine Altarschelle aus Weißblech, Bursen und Vela aus verblichenem schwarzen Leinen und eine Dalmatik aus weißer Baumwolle, deren Besatz aus geblümtem Kleiderstoff gefertigt ist.

Die meisten der Geistlichen wurden zur Arbeit auf der sogenannten Plantage gepreßt, unter anderem hatten sie sich um den Anbau von Gemüse, Tee und etwa fünf Hektar Schwertlilien zu kümmern, die wegen ihre Vitamingehalts angebaut wurden. Bei der Anlage dieser Anbaufläche und ihrer Bewässerung auf dem sumpfigen Grund des Dachauer Umlandes ließen hunderte Häftlinge ihr Leben. Man spannte die gefangenen Priester, immer sechs auf einmal, vor Pflüge wie Vieh.

Schon bald erlaubte man den polnischen Priestern die Mitfeier der Heiligen Messen nicht mehr – sogar die Fenster der Kapelle im Block 26 wurden mit weißer Farbe zugetüncht, um jeden Blick zu verunmöglichen. Man verbot ihnen jede Ausübung ihres Glaubens und nahm ihnen ihre Breviere und Rosenkränze weg. Als Folge dessen ließen die deutschen Priester den Polen heimlich Wein und Hostien zukommen, damit sie die Heilige Messe im Geheimen feiern konnten. Sie knieten dabei auf dem Ackerboden und gaben vor, mit Pflanzen oder Ernten beschäftigt zu sein, während sie an einem winzigen tragbaren Altar die hl. Messe feierten und kommunizierten.

In einem Jahr unterhielten sich die Lagerwachen am Karfreitag damit, sechzig Priester zu foltern. In einem anderen Jahr mußten die Geistlichen an eben demselben Tag im Schneeregen auf dem Hof „exerzieren“. Sicher ist, daß sie sich im Geiste und mit dem Körper, im Leben wie im Sterben mit dem vereinten, dem sie so treu nachgefolgt sind, und daß dieser ihnen in Dunkel und Verfolgung selbst zum Trost gegenwärtig geworden ist. Auf den Blechtüren des armseligen hölzernen Tabernakels dieser Priester steht, mit einem Werkzeug eingeprägt, zu lesen: Ich bin bei euch alle Tage (…bis ans Ende der Welt).

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Bilder: Kreuze in Dachau – das Kreuz im Chor der Klosterkirche des Karmels Heilig Blut Dachau, Kreuz aus Stacheldraht auf dem Lagergelände, wie es die Häftlinge oftmals vor sich gesehen haben müssen. Statue unserer lieben Frau von Dachau aus der Kapelle des Priesterblocks, heute in der Klosterkirche Heilig Blut.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke sehr für diesen erschütternden Beitrag gegen das Vergessen bzw. Nicht-Wissen. Die Gewalt der totalitären Regime im letzten Jahrhundert, sei es in Deutschland ode Rußland, die auch gegenüber Geistlichen, Ordensleuten, treuen Gläubigen verübt wurde, wird so selten thematisiert. In den Lehrbüchern der Schulen zum Dritten Reich findet sich dazu nichts. Wieso frage ich mich immer wieder ? Weil latent in unserer säkularen Gesellschaft vielleicht jemand meinen könnte, diese armen Menschen seien durch ihr unerschüttlerliches Bekenntnis und Eintreten selbst Schuld an ihrem Leid gewesen ?! Bitte ich teile diese Ansicht in keinster Weise, aber erinnere mich mit Schmerz im Herzen an Aussagen mit solchen Anflügen ... Deshalb danke sehr nochmals für diesen Beitrag

Braut des Lammes hat gesagt…

Einen weiteren Beitrag, indem davon und von der Thematisierung die Rede ist, habe ich gerade in Arbeit.

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