Dienstag, 17. Januar 2012

Der Ablaß und die Auferstehung


Elsa hat (unter anderem) über die Entscheidung des zuständigen Bischofs berichtet, die diesjährige Wallfahrt zum heiligen Rock nicht mit einem Ablaß zu verbinden, „um die ökumenischen Beziehungen nicht zu konterkarieren“ (eine Entscheidung, die ich persönlich sehr unglücklich finde, wie auch die Verwendung eines Wortes wie „konterkarieren“. Just my 2 cents.)

Hier entspinnt sich unter Was ist ein Ablaß? eine Diskussion. Werte Ablaßgegner: beim Ablaß geht es nicht ums Verdienen, da geht es um Erbarmen. Ich hab mich zu Allerseelen sehr gefreut, unserem verstorbenen Erzbischof einen Ablaß gewinnen und zuwenden zu können – das ist etwas, was die Lebenden für die Toten tun können. Sie selbst können es nicht mehr. Wer sollte für sie eintreten, wenn nicht wir Lebenden? Ich finde es wunderbar.

Auch ist es ein Trost für die Trauernden. Im zweiten Makkabäerbuch, aus dem wir in einer der Messen zu Allerseelen hören, wird uns über Judas Makkabäus berichtet:
Er veranstaltete eine Sammlung, an der sich alle beteiligten, und schickte etwa zweitausend Silberdrachmen nach Jerusalem, damit man dort ein Sündopfer darbringe. Damit handelte er sehr schön und edel; denn er dachte an die Auferstehung. Hätte er nicht erwartet, daß die Gefallenen auferstehen werden, wäre es nämlich überflüssig und sinnlos gewesen, für die Toten zu beten. Auch hielt er sich den herrlichen Lohn vor Augen, der für die hinterlegt ist, die in Frömmigkeit sterben. Ein heiliger und frommer Gedanke! Darum ließ er die Toten entsühnen, damit sie von der Sünde befreit werden.
Um einem möglichen Mißverständnis vorzubeugen: der zentrale Gedanke ist nicht der herrliche Lohn – obwohl man sich den durchaus vor Augen halten darf –, sondern: …denn er dachte an die Auferstehung. Hätte er nicht an die Auferstehung geglaubt, wäre es nämlich überflüssig und sinnlos gewesen, für die Toten zu beten und sie zu entsündigen (ihnen Ablässe zuzuwenden). Da wir aber an die Auferstehung glauben, wie es auch der Makkabäer tat, ist es eben nicht überflüssig und sinnlos. Es ist der Glaube der Kirche.

Kommentare:

Freiburgbärin hat gesagt…

Ich habe gerade bei Elsa reingeschaut. Es ist stellenweise erschreckend, was für ein naives bis destruktives Verständnis von Ablass in den Kommentaren vorhanden ist. Als ob der Ablass Selbstzweck sei. Genau dem hat Papst Leo X. ein Ende bereitet.
Der jähzornige Empörer aus Wittenberg hat aber allerdings in seinem maßlosen Zorn soviel zerschlagen, dass wir noch Jahrhunderte später darunter zu leiden haben.

Roger Michael hat gesagt…

Vergelts Gott! Ablässe sind leider für viele ein "rotes Tuch" und sie werden von den Seelsorgern auch kaum mehr erwähnt.

Der Ablass scheint mir eine vielfältige Wirkung zu haben. Einerseits ist da der Ablass selbst den man "gewinnen" kann, andererseits sind damit Bedingungen verknüpft die uns für unser eigenes Heil sehr zuträglich sind. Für den vollkommenen Ablass sind ja erforderlich, die Heilige Kommunion, die Beichte und das Gebet für den Heiligen Vater. Die Heilige Kommunion, besonders nach vorangegangener Beichte schenkt uns ja unfassbare Gnadenschätze, das Gebet für den Heiligen Vater dürfte auch für den betenden selbst zum Segen werden.
Was gibt es schöneres?

tiba hat gesagt…

"[...]das ist etwas, was die Lebenden für die Toten tun können. Sie selbst können es nicht mehr. Wer sollte für sie eintreten, wenn nicht wir Lebenden?"

Was ist mit der Fürsprache der Heiligen? Natürlich können auch diese bei Gott für uns eintreten, dieser Gemeinschaft können wir uns sogar gewiss sein.

Außerdem ist das Zitat nicht aus dem zweiten Makkabäerbrief, sondern es handelt sich um Makkabäerbücher, Apokryphen des alten Testaments. Gerade beim alten Testament sollte außerdem über das darzubringende Sündopfer reflektiert werden.

Dank Ihres Blogs entwickele ich zum ersten Mal eine kritische Distanz zum Ablass.

Braut des Lammes hat gesagt…

Tiba, zunächst Danke für die Korrektur - der "Brief" war der Müdigkeit zu später Stunde geschuldet, ich habs mittlerweile korrigiert. Daß es sich um deuterokanonische bzw. apokryphe Schriften handelt, ist mir selbstverständlich bekannt, nichtsdestoweniger werden sie von uns als Bestandteil der Schriften betrachtet und demzufolge in der Liturgie gelesen. Gerade, was die Makkabäer betrifft, bin ich darüber auch sehr froh. Wir haben hier eine besonders frühe Erwähnung des Glaubens an die Auferstehung der Toten.

Inwiefern mein Blog jetzt dazu beigetragen hat, "eine kritische Distanz zum Ablaßglauben" zu entwickeln, ist mir aus dem Kommentar nicht ganz klargeworden, aber es gibt ja immer verschiedene Standpunkte, die man zu einer Sache einnehmen kann.

tiba hat gesagt…

Es fehlt die Verbindung zwischen dem alttestamentlichen Sündopfer und dem suffizienten Opfer, das Christus für uns am Kreuz erbracht hat. Ich denke, diese Brücke muss in der Auslegung geschlagen werden.

Meine Distanzierung rührt daher, dass Christus aúsgeblendet scheint.

thysus hat gesagt…

@tiba
Die "Verbindung zwischen dem alttestamentlichen Sündopfer und dem suffizienten Opfer, das Christus für uns am Kreuz erbracht hat?"
Hier:
"…denn er dachte an die Auferstehung."(2 Makk 12, 43)
und hier:
"ICH bin die Auferstehung und das Leben" (in Joh 11, 25)

Diese Brücke ist schon seit längerem bestens geschlagen worden!

Braut des Lammes hat gesagt…

Roger, sehr schön ausgeführt, danke.

Braut des Lammes hat gesagt…

Zu der Sache mit den Heiligen: natürlich treten diese für uns bei Gott ein. Die Frage Wer sollte für sie eintreten, wenn nicht wir Lebenden? erfolgte allerdings unmittelbar im Anschluß an die Erwähnung der Gewinnung eines Ablasses und vor dem Trost für die Trauernden. Einen Ablass gewinnen können tatsächlich nur die Lebenden. Und sie wenden sich bei der Gewinnung eines solchen unmittelbar Gott zu, wie weiter oben ja auch ein Kommentator schon sehr schön ausgeführt hat.

Bei der Frage nach dem vermeintlich fehlenden Christusbezug: die Tatsache, daß Christus für uns am Kreuz gestorben ist und uns von der Erbsünde befreit hat ändert doch aber nichts daran, daß der Mensch weiterhin sündigt und daher der Vergebung und Versöhnung bedarf, vor allem durch den Empfang der Sakramente. In diesem Zusammenhang ist meines Erachtens auch das fürbittende Gebet und das Ablaßwesen zu sehen.

tiba hat gesagt…

Was meint dann die Aussage, dass die Toten entsühnt werden? Sie gewinnen also keinen Ablass?

Dass der Mensch sündigt und der Vergebung durch die Sakramente bedarf, ist ja unumstritten. Die Beichte ist sehr wichtig und von Christus eingesetzt.

Nur hat die Beichte doch nichts mit Opfer bringen zu tun und die Frage, warum man noch ein Opfer bringen soll, wenn es durch Christus schon vollbracht ist, leuchtet mir nicht ein. Das meine ich mit dem fehlenden Christusbezug. Genauer gesagt ist es der Bezug zum Opfertod Christi und nicht, dass der Abschnitt die Auferstehung bekennt.

Braut des Lammes hat gesagt…

Zum besseren Verständnis verlinke ich einfach einmal auf den unvergleichlichen P. Martin Ramm FSSP, dem es stets (und viel besser als mir) gelingt, das richtige in einfachen Worten zu sagen:
http://www.kleiner-katechismus.de/3h2d6a.html
(von den Gnadenmitteln). Hier stellt er unter anderem fest: Die Ablässe sollen ein Ansporn sein zum öfteren Empfang der Sakramente und zur Verrichtung guter Werke.

Das Bußsakrament (und die Haltung, in der man es empfängt bzw. die Frucht, die daraus erwächst) hat m. E. natürlich auch etwas mit Opfer bringen zu tun – es ist der Gedanke der Sühne.

tiba hat gesagt…

Auch in dem verlinkten Abschnitt wird ja nicht erläutert, sondern nur nur hingestellt "weil is' so!".

Die Argumentation "Die Gewalt Ablässe zu erteilen hat die Kirche von Jesus Christus." ist eben nicht so eindeutig. Die Kirche vergibt Sünden, das ist ja eindeutig aus der Heiligen Schrift zu entnehmen.

Der Rest sollte schon gut begründet sein. Von der Vergebung von Sündenstrafen in vollkommenen und Teilablässen findet sich dort ja direkt nichts.

Ich mache mich mal schlau, ob ich nicht eine Herleitung der Ablassregeln finde. Da die Bibel nicht genug dafür hergibt, muss man sich wohl bei den Vätern bedienen. Gibt es da eindeutige Aussagen mit Herleitung?

Dass die Ablässe ein guter Ansporn sind, denke ich mir. Trotzdem wäre die Theorie um sie herum unredlich, wenn sie nur Mittel zum Zweck wären.

Prinzipiell möchte ich ja dran glauben, aber hier finde ich noch kein stabiles Fundament dafür.

Braut des Lammes hat gesagt…

Also für mich ist die Herleitung aus dem Schlüssel (Was ihr auf Erden bindet, das wird auch im Himmel gebunden sein. Wem ihr die Sünden vergebt… absolut ausreichend, zumal sie sich ja auch auf anderes bezieht, das hier nicht alles explizit aufgelistet wird (wie etwa Gelübde, Weihen, das Ehesakrament). Was ich auch eher erstaunlich fände, wenn es der Fall gewesen wäre: Jesus vertraut dem Petrus und seinen Nachfolgern die Kirche an. Wenn nun die Kirche verkündet, daß unter diesen und jenen Voraussetzungen ein Ablaß auf zeitliche Sündenstrafen gewährt wird, leite ich das direkt aus dieser Schlüsselgewalt her, und ich nehme an, so ist es auch im vorliegenden Fall gemeint.

tiba hat gesagt…

Nun gut, damit wäre das Opferproblem aus 2 Makk. aber nicht aufgelöst.

Das Amt der Schlüssel ist wohl auch nicht aussagekräftig genug.

Vergebung der Sünden meint ja nicht dass man zusätzlich zur eigentlichen Vergebung der Sünden Werke verlangen darf, um zusätzlich Strafen zu reduzieren.

Gelübte, Weihen und die Ehe aus dem Beispiel sind ja hier auch als Bindung gemeint (was Ihr auf Erden bindet...). Das gibt der Abschnitt ja eindeutig her. Außerdem werden diese Sakramente ja durch diverse eindeutigere Stellen gestützt.

Für eine Ablasstheorie muss man schon viel Deutung in den Abschnitt einbringen. Meiner Meinung nach muss man die Erklärung bei den Vätern suchen und schauen, wir die Spannung zur Heiligen Schrift (Werke/Opfer vollbringen) dort aufgelöst wird.

Vermutlich kommen wir hier kaum weiter. Der Artikel ist mir trotzdem wichtig, weil er mich auf ein Thema hingewiesen hat, mit dem ich mich auseinandersetzen sollte. Er hat mich erst darauf aufmerksam gemacht, dass der Ablass auf wackeligen Füßen steht. Warum trotzdem daran geglaubt wird, wird meine Denksportaufgabe.

Braut des Lammes hat gesagt…

OK. Ich würde es dann dabei belassen, schon weil ich mir nicht sicher bin, ob ich das Anliegen ausreichend verstehe, muß ich aber vielleicht auch nicht. Ursprünglich ist vermittelt worden, als wenn eine Beziehung zum Ablaßwesen durcheaus vorhanden gewesen wäre, diese aber durch meinen Beitrag eine gewisse Störung erfahren habe („Dank Ihres Blogs entwickele ich zum ersten Mal eine kritische Distanz zum Ablaß“). Nun sieht es eher so aus, als wenn die Beziehung zum Ablaß eben nicht bestanden hat bzw. noch gesucht wird (was auch völlig in Ordnung ist, niemand ist ja gezwungen, einen Ablaß zu erwerben).

Die Intention des Beitrags oben war indes gar nicht, eine apologetische Streitschrift wider die Ablaßgegner noch auch eine theologische Arbeit zum Thema zu verfassen, er war eine Reaktion auf die verlinkte Diskussion.

tiba hat gesagt…

Das war schon richtig verstanden. Vorher habe ich im Vertrauen auf die Heilige Kirche keinen Anstoß am Ablass genommen.

Jetzt wird mir klar, dass er möglicherweise nur sehr schlecht begründet und ein Missbrauch der Schlüsselgewalt durch die Kirche sein könnte.

Aber das führt jetzt wirklich zu weit. Sonst müssten wir uns wirklich auf einen akademischen Disput einlassen und das wäre in diesem Rahmen übertrieben. Ich wünsche Ihnen natürlich trotzdem allen Segen und dass das Ablasswesen gute Früchte bei Ihnen trage.

Und den Blog in Gänze möchte ich doch auch nicht streitig machen.

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

Hä?! Makkabäer = Apokryphen?! Ja, sind wir denn evangelisch?! Das frage ich mich übrigens auch bei der vermeintlichen Spannung von "Werke/Opfer bringen" zur Schrift.

tiba hat gesagt…

Bezwecken Sie meine Beiträge in Ihr protestantisches Raster einzuordnen, Vincentius Lerenenis? In diese Schublade passe ich wohl nicht.

Das Spannungsverhätlnis zwischen Werk und Opfer ist auch im (römisch-) Katholischen gegeben und muss in der Lehre immer wieder aufgelöst werden. Meiner Meinung nach geschieht das in der Regel auch absolut überzeugend.

Wenn ich feststelle, dass die Herleitung bei unzureichender Aussagekraft der isoliert betrachteten Heiligen Schrift aus den Vätern bzw. der Tradition erfolgen muss, ist das durchaus katholisch und alles andere als protestantisch.

Ob 2 Makk. als Spätschrift nun apokryph oder nicht betrachtet wird, ist hier eh nicht relevant. Niemand hier im Strang, auch ich nicht, hat sie als Irregeleitet, Fälschung oder sonstwas betrachtet. Die Maßßgeblichkeit der Septuaginta und 2 Makk. stehen hier nicht zur Disposition.

Somit handelt es sich sehr wohl um eine katholische Diskussion. Allerdings kann sie an dieser Stelle getrost ad acta gelegt werden. Ich werde bei Gelegenheit auf Quellensuche gehen.

Lediglich der abfällige Unterton Ihres Beitrags hat mich bewogen, hier nochmal Stellung zu beziehen. Mitnichten, kann man einen Kommentar damit erschlagen, dass man ihm das Siegel des Protestantischen aufdrückt.

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

Aber hallo! Selbstverständlich reicht es -- selbst in einer "katholischen" Diskussion --, die Voraussetzungen eines Arguments bzgl. einer katholischen Lehre als unkatholisch zurückzuweisen, um das von seinen Prämissen abhängige Argument als unzutreffend zurückzuweisen:

Die Makk als apokryph zu bezeichnen, ist evangelische Terminologie, mit der ihre formale Gleichwertigkeit mit den anderen Schriften des AT bestritten wird. Nach katholischem Verständnis sind sie aber genauso Offenbarungszeugnis wie die Genesis. Insofern ist es relevant, ob die Makk als apokryph bezeichnet werden oder nicht, weil apokryphen Schriften nicht für einen Schriftbeweis herangezogen werden können. Die Skala zwischen weiß (Offenbarungszeugnis) und schwarz (Fälschung, irrgeleitet, häretisch) bietet eine ganze Menge Schattierungen von grau (z.B.: Die Himmelfahrt des Mose und das Buch Henoch sind atl. Apokryphen, werden aber im NT zitiert [Judasbrief]).

Einen Konflikt zwischen Werke tun/Opfer bringen und der Heiligen Schrift gibt es ebenso wenig. Das zueinander von Gnade und Werken ist natürlich eine grundlegende Frage der Gnadenlehre, wird aber bereits durch und in der Heiligen Schrift selbst aufgeworfen.

Weiterhin geht die Formulierung "zusätzlich zur eigentlichen Vergebung der Sünden Werke verlangen darf, um zusätzlich Strafen zu reduzieren" dermaßen am katholischen Verständnis der Buße und des Ablasses vorbei (Hint: es sind keine zusätzlichen Strafen und es geht beim Ablaß nicht um Vergebung von Schuld, sondern den Erlaß von [aus der Sünde selbst hervorgehenden] Strafen), daß auch hier sich die Frage stellte, ob überhaupt eine katholische Diskussionsbasis besteht.

Auch Deine Formulierung, dass "die Herleitung bei unzureichender Aussagekraft der isoliert betrachteten Heiligen Schrift aus den Vätern bzw. der Tradition erfolgen muss", ist alles andere als katholisch, da es absolut unkatholisch ist, die Schrift isoliert zu betrachten. Maßstab der Schriftauslegung ist die kirchliche Überlieferung, die selbst Charakter einer Offenbarungsquelle hat (die Offenbarung selbst ist Jesus Christus, alles andere ist Zeugnis; wie der Papst nicht müde zu betonen wird: Das Christentum ist keine Buchreligion!), mithin immer und sofort auch die Väter.

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

Was die Quellensuche angeht, empfehle ich, von der grundlegenden Quelle, die die kontinuierliche traditio hervorgebracht hat, auszugehen, dem Katechismus der Katholischen Kirche, hier Nr. 1471-1479. Dann können wir wenigstens sicher sein, von denselben Voraussetzungen auszugehen.

Hilfreich ist in solchen Fragen, insbesondere wenn es um knappe, überschaubare Schriftverweise geht, der Grundriß der Dogmatik von Ott (hier: in der Sakramentenlehre der Teil über die Buße, dort im "Zweiten Abschnitt: Die kirchliche Sündenvergebung als Sakrament" der Teil "III. Die Genugtuung" [§ 14]).

Einen kurzen Abriß zur geschichtlichen Entwicklung bietet das Handbuch der Dogmatik (hg. v. Th. Schneider), Bd. 2, S. 318).

Und falls Du genauer verstehen willst, warum ich Dir protestantische Argumentationen vorwerfe, studiere doch bitte das Dekret über die Buße des Trienter Konzils (DH 1667-1693), insbesondere die verurteilenen Canones (DH 1701-1715).

Jorge hat gesagt…

Vincentius, du musst aber auch richtig zuhören! Die Formulierung "zusätzlich zur eigentlichen Vergebung der Sünden Werke verlangen (..), um zusätzlich Strafen zu reduzieren" geht keineswegs "dermaßen am katholischen Verständnis der Buße und des Ablasses vorbei", wie du es behauptest. Vielmehr geht dein Hint ziemlich an dem vorbei, was Tiba formuliert hatte.

Natürlich sind es keine zusätzlichen Strafen und natürlich es geht beim Ablass nicht um Vergebung von Schuld, sondern um den Erlass von Sündenstrafen. Nichts anderes hatte Tiba formuliert: "zusätzlich zur eigentlichen Vergebung der Sünden" [also zur allein entscheidenden Vergebung der Sündenschuld] werden Tiba zufolge "Werke verlangt" (damit meint er offenbar das Ablasswerk, also die Wallfahrt, das Gebet, den Friedhofsbesuch etc.), um "zusätzlich [auch die eigentlich trotz stattgehabter Vergebung noch zu verbüßenden] Strafen zu reduzieren".

Das ist dogmatisch völlig "korrekt" ausgedrückt und stellt die von dir angemahnte "katholische Diskussionsbasis" mitnichten in Frage.

Allenfalls könnte man (und genau das hat nach meinem Verständnis die "Braut" in ihrem Blogbeitrag in sehr schöner und origineller Weise getan) Tiba darauf aufmerksam machen, dass es beim Ablass entgegen landläufigen (und wenigsten historisch auch unter Katholiken verbreiteten) Vorstellungen nicht auf den Verdienst ankommt, der im Ablasswerk liegt. Für die "Kompensation" der zeitlichen Sündenstrafe entscheidend ist nämlich gerade nicht dein eigenes Ablasswerk, sondern es sind vielmehr die Verdienste Christi und der Heiligen (also der vielzitierte "Kirchenschatz"), die dir nach bestimmten, von der Kirche festgesetzten Regeln (dazu gehört dann das Ablasswerk, aber auch die richtige Disposition, Bußgesinnung, vorherige Beichte usw.) "zugeteilt" werden können. Damit wird gerade deutlich, dass es nicht eigene Verdienste sind, mit denen wir uns von Sündenstrafen befreien, sondern dass es das gotterfüllte Leben (die "Verdienste") der Heiligen im Himmel und ("nicht zuletzt", möchte man sagen) Christi Erlösungswerk selbst sind, auf die wir bauen.

Jemandem in Bezug auf den Ablass "protestantische Argumentationen" vorzuwerfen ist auch nicht besonders zielführend. Wenn man sich mit der Ablasslehre beschäftigen und über eine bloß schulmäßige Definition hinaus verstehen möchte, wo denn das herkommt, wie die theologischen und juristischen Ideenstränge aussehen und funktionieren und wo die Knackpunkte liegen (die gibt es natürlich durchaus), kommt man auch als katholischer Dogmatiker an Luthers Kritik überhaupt nicht vorbei. Die muss man selbstverständlich als Anfrage auch formulieren dürfen und ernst nehmen.

Über den Ablass in seiner heutigen Form steht bekanntlich nichts in der Bibel und auch bei den Kirchenvätern nicht (und ja, Vincentius: Die Ablasslehre gehört in der im Katechismus kompilierten Endgestalt mit ihren vielen und sehr komplizierten Details sicher nicht zu dem, was mit den Worten des hl. Vinzenz von Lérins "immer schon von allen geglaubt wurde", allenfalls ihre Fundamente und Grundelemente lassen sich historisch-theologisch aus der alten Kirche herleiten, aber "zusammengebastelt" wurden sie wesentlich später). Für mich persönlich ist das kein Problem, "wir sind ja nicht evangelisch".

Wenn ich aber eine passende Stelle aus dem Evangelium nennen wollte: Mir ist bei der Lektüre der ersten Hälfte des Blogbeitrags der "Braut" spontan diese eingefallen:
Geht und lernet verstehen, was das heißt: 'Erbarmen will ich und nicht Opfer.' (Mt. 9,13)

Die könnte man natürlich auch "ablasskritisch" wenden, aber man könnte auch einfach den Ablass in diesem Sinne praktizieren. Diesen geistlichen Anstoß nehme ich aus der Diskussion mit der "Braut des Lammes" mit und dafür bin ich ihr sehr dankbar, denn das kam so auf keinem anderen Kathblog vor.

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

Luthers Einwände gegen den Ablaß waren:
a) die Verhinderung guter Werke (Loskauf von ihnen durch Ablaß),
b) Geldschneiderei,
c) trügerisches Versprechen ewigen Heils (Ablaß vergibt keine Schuld),
d) der "Kirchenschatz" stehe ganz unter der Verfügungsgewalt Gottes, daher könne die Kirche nur die von ihr selbst verhängten Strafen erlassen, die aber mit dem Tod erlöschten und nichts mit dem Fegefeuer zu tun hätten; vielmehr sei es Wille Gottes, daß die Sündenstrafe bis zum Eintritt ins Himmelreich fortbestehe.

A-c betreffen die heutige Ablaßlehre und -praxis nicht. Punkt d) wäre zwar noch auf die heutige Lehre und Praxis anwendbar, war aber hier bisher nicht Thema. Mein Vorwurf unkatholischer/protestantischer Voraussetzungen bezog sich auch nicht auf Luthers Einwände, sondern auf die durchscheinende Argumentationsvoraussetzung einer geradezu skrupulösen Angst vor der Verdienstlichkeit menschlicher Werke.

Aufgehängt habe ich meinen Eindruck an der Stelle, wo er mir am deutlichsten schien. Die Verwendung des doppelten "zusätzlich" impliziert (auch in Deinem "trotz" scheint diese Implikation noch durch) einen notwendigen Zusammenhang zwischen Vergebung der Schuld und Erlaß der Strafe. Letzteres ist (zumindest katholisch) von Ersterem logisch komplett zu trennen. Sie gehen zwar beide aus der Sünde hervor, und auch die Wirkursache von Schuldvergebung und Straferlaß ist dieselbe, dennoch besteht zwischen ihnen kein logischer notwendiger Zusammenhang (so daß das eine aus dem anderen folgte).

Die Vergebung der Schuld (und damit das ewige Heil) kann tatsächlich nicht verdient werden, alles andere aber sehr wohl. Der Katechismus geht in seinen Aussagen über die Verdienstlichkeit menschlicher Werke sogar so weit, daß irdische Güter wie Gesundheit und Freundschaft verdient werden könnten (KKK 2010). Natürlich bleibt die Gnade Gottes Voraussetzung für die Fähigkeit, verdienstliche Werke zu tun (vgl. KKK 2009). Und zwar im doppelten Sinne. Zum einen, insofern ohne die Gnade grundsätzlich keine verdienstlichen Werke getan werden können, zum anderen als es eine Gnade ist, daß Gott uns Ihm gegenüber ein Verdienst erwerben läßt (vgl. KKK 2008; aufgrund der grundsätzlichen Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf können wir von uns aus prinzipiell keine Verdienste vor Gott erweben, vgl. KKK 2007). Daher ist der eigentliche Punkt beim Ablaß auch nicht, daß wir Gott gegenüber einen Anspruch verdienen, sondern daß wir aus Liebe zu Gott und dem Nächsten eine Möglichkeit ergreifen, für uns oder andere einen Nachlaß der zeitlichen Sündenstrafen zu bewirken. Aber das Verdienst ist trotzdem ein echtes Verdienst vor Gott. Unter dieser Voraussetzung muß man auch die "Verdienst der Heiligen" nicht auf himmlische Verdienste umdeuten. Es handelt sich um irdische Verdienste, potentiell auch um unsere eigenen! Wobei es eben tatsächlich um die Liebe zu Gott und dem Nächsten geht und nicht um den selbstsüchtigen Gedanken, sich etwas zu verdienen (vgl. KKK 2011), weshalb die Gnade notwendig ist (funktioniert ja auch nicht so: die Verdienste gehen ja in den Kirchenschatz ein).

Die Möglichkeit des Ablasses zu ergreifen, ist natürlich nicht notwendig, weder logisch noch heilsnotwendig. (Sonst wäre es ja auch kein Werk aus Liebe.) Die sich daraus ergebende Frage kann aber nicht lauten: "Darf die Kirche zusätzlich Werke verlangen?", sondern: "Warum erläßt Gott uns die Strafen nicht mit der Schuld?"

Und weil katholischerseits das angefragte Problem eigentlich gar nicht bestehen dürfte, habe ich erstmal knapp, aber deutlich nachgefragt, ob wir denn überhaupt auf derselben Grundlage diskutieren.

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

So, ich muß auch noch zu einem Mißverständnis bzgl. Vinzenz von Lerin Stellung nehmen: Der Katechimus wäre nach dessen Kanon tatsächlich das erste und in diesem Fall auch erstmal letzte Kriterium, um die Rechtgläubigkeit einer Lehre festzustellen (vorausgesetzt, daß sie überhaupt umstritten ist). Denn die drei Kriterien, ubique, semper und ab omnibus, sind nicht kumulativ zu verstehen, sondern sukzessiv, und sie greifen auch erst in einer Situation, in der die gegenwärtige Lehre der Kirche nicht eindeutig ist. Leider gab es einen Weltkatechismus zu Vinzenz' Zeiten noch nicht, das hätte ihm viel Streß erspart...

Wenn man sagte, die aktuelle Lehrmeinung in Deutschland zum Ablaß sei nicht eindeutig, dann würde das "ubique" genau auf den Weltkatechismus deuten: Was gegenwärtig überall von der Kirche geglaubt (=gelehrt) wird. Erst, wenn der Katechismus keine klare Antwort gäbe, wäre als nächstes Kriterium das "semper" hinzuzuziehen: Was wurde vor Aufkommen der Streitfrage einmütig von der Kirche geglaubt (=gelehrt)? Gesetz den Fall, der Ablaß war katholischerseits vor dem II. Vatikanischen Konzil unumstritten, dann wäre zur Feststellung der einmütigen Lehre vor 1963 eine entsprechenden Ausgabe des Catechismus Romanus heranzuziehen. Gesetzt den Fall, man zieht die protestantischen Einwände als relevant mit ein (wo Vinzenz unter den gegebenen Umständen wohl schon Bauschmerzen bekommen würde), dann gilt das "ab omnibus" -- und das meint (soweit vorhanden): Konzilsbeschlüsse (ansonsten den "unanimis consensus patrum", oder das, was dem noch am nächsten kommt).

Die ältesten nach dem Kriterium des Vinzenz von Lerin heranzuziehenden Dokumente wären also die Dekrete des Konzils von Trient über die Buße und über den Ablaß.

Fundamente und Grundlagen sind übrigens genau das, was der sog. "zweiten Kanon" im Commonitorium, das Fortschrittsprinzip i.S. organischen Wachstums (Kap. 23), erfordert. Besser geht's fast gar nicht.

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