Freitag, 20. Januar 2012

Bloggen – das Unaussprechliche

Als Reaktion auf den Beitrag Der Ablaß und die Auferstehung, auf den auch Mitblogger netterweise verlinkt haben, hat sich eine angeregte Diskussion ergeben.

Zunächst: ich freue mich, daß der Beitrag offenbar zur Auseinandersetzung damit einlädt. Im Zusammenhang damit und mit dem Bloggen im allgemeinen ist mir noch einiges eingefallen.

Zum ersten: meines Erachtens ist in dem Beitrag der Brückenschlag von den Makkabäern zu Christus durchaus deutlich erkennbar gewesen, immerhin ist der Beitrag auch mit einem Bild des Auferstandenen (von Dieric Bouts, btw). versehen. Wie schon im Kommentarbereich kurz erwähnt, hatte ich allerdings gar keine apologetische Streitschrift Wider die Ablaßgegner verfassen wollen, sondern eine Anmerkung in direkter Reaktion auf die verlinkte Diskussion bei Elsa unter Was ist ein Ablaß?, in der in Bezug auf Ablässe und Gnaden der Ausdruck „verdienen“ gefallen ist. Daraufhin habe ich aus dem Stegreif einen einigermaßen kurzen Beitrag verfaßt. Was im Rahmen eines Blogs durchaus legitim ist – ein solches ist nämlich weder eine theologische Doktorarbeit noch ein Sachbuch (dem sich der Autor im übrigen auch leichter vollumfänglich widmen könnte. Ich hingegen verbringe einen nicht unerheblichen Teil meiner Zeit damit, die Werke anderer Autoren zu redigieren).

Auch gibt es verschiedene Ansätze (wie es auch verschiedene Vorlieben der Leser gibt): manche veröffentlichen selten etwas, dafür ist es aber stets sehr fundiert, manche beschränken sich auf schiere Materialsammlungen, andere verbloggen fröhlich mehr oder weniger alles, was ihnen in den Sinn kommt und lassen dies allenfalls noch durch interne Filter laufen. Selbst finde ich die Blogs am interessantesten, die etwas von der Persönlichkeit des Bloggers erkennen lassen, was dieser so tut und treibt, was ihm in den Sinn kommt und überhaupt. (Nicht zuletzt heißt es ja auch Web-log, also eine Art Tagebuch, wie das von J. T. Kirk, das immer mit der Sternzeit beginnt. Vielleicht sollte ich das hier auch einführen.) Aber das ist, wie gesagt, meine persönliche Vorliebe, andere mögen ihre eigenen haben.

Wer etwas veröffentlicht, muß mit Kritik dazu leben können, keine Frage. Wer das nicht aushalten kann, muß es wieder aufgeben. Was nicht heißen soll, daß er nicht gleichermaßen oder sogar überwiegend schöne und ermutigende Erfahrungen mit dem Schreiben machen kann. Auch bringt es ihn innerlich selbst weiter (wieso nur fällt mir jetzt das Wort „frommen“ ein?)

Etwas entgeistert war ich hingegen, als andernorts in Bezug auf den Beitrag und auf das Blog im allgemeinen der Vorwurf kam, es ginge mir wohl eher um Quantität als um Qualität, also eher darum, beliebig viele Beiträge zu verfassen – auf Kosten der Recherche, natürlich, denn für diese bliebe mir angesichts der Zahl der Beiträge ja nicht viel Zeit. Aha. Das erinnert mich an ein Interview mit Maximilian Schell, das ich vor längerer Zeit mal gesehen habe, in dem sich ein Journalist in Bausch und Bogen zu der Art geäußert hat, in der Schell seine Rollen spiele. Dieser, sichtlich etwas in Harnisch, gab daraufhin zurück: „Ja, was haben Sie denn bisher überhaupt von mir gesehen?“ So gings mir in diesem Zusammenhang auch: mir lag auf der Zunge, „Ja, was haben Sie denn bisher überhaupt von mir gelesen?“

Über manchem Beitrag brütet man lange, andere wieder schreibt man flott dahin, wie es einem gerade in den Sinn kommt. Mit beidem gleichermaßen kann man hinterher übrigens dauerhaft zufrieden sein oder auch nicht. Allein aus der Artikelfrequenz jedoch Rückschlüsse auf die mit der Recherche verbrachten Zeit ableiten zu wollen, ist allerdings wirklich etwas gewagt und wird auch in der Wiederholung nicht besser.

Gerade die Buntheit und Verschiedenheit der Blogs macht diese ja so interessant. Der Schreiber ist weder an Vorgaben eines Verlages noch an Auflagenzahlen noch auch an irgendein Thema gebunden. Er kann – im Rahmen der Legalität – schlichtweg veröffentlichen, was immer ihm Spaß macht.

Das Interessante beim Schreiben, zu dem es einen wirklich drängt, ist wiederum, daß man es auch täte, wenn man keinen Leser hätte, einfach, weil es einen dazu drängt. Daß dieses Blog offenbar so viele Leser interessiert, ist mir selbst die meiste Zeit einigermaßen unbegreiflich. Dazu und weil wirs vor einiger Zeit (nach dem Bloggertreffen im Vatikan, um genau zu sein) davon hatten, ob man wohl auch ein Blog führen könne, ohne eine Spur seiner Persönlichkeit darin zu hinterlassen:
Ja: – wer soll denn lesen, was ich in diese Hefte schreibe! Und doch, glaube ich, gibt es kein Schreiben ohne die Vorstellung, daß es jemand lese, und wäre dieser jemand nur der Schreiber selbst. Dann frage ich mich auch: kann man schreiben, ohne eine Rolle zu spielen? Man will sich selbst ein Fremder sein. Nicht in der Rolle, wohl aber in der unbewußten Entscheidung, welche Art von Rolle ich mir zuschreibe, liegt meine Wirklichkeit. Zuweilen habe ich das Gefühl, man gehe aus dem Geschriebenen hervor, wie eine Schlange aus ihrer Haut. Das ist es, man kann es nicht niederschreiben, man kann sich nur häuten. Aber wen soll diese tote Haut noch interessieren! Die immer wieder einmal auftauchende Frage, ob denn der Leser jemals etwas anderes zu lesen vermöge als sich selbst, erübrigt sich: Schreiben ist nicht Kommunikation mit dem Leser, auch nicht mit sich selbst, sondern Kommunikation mit dem Unaussprechlichen. Je genauer man sich auszusprechen vermöchte, um so reiner erschiene das Unaussprechliche, das heißt die Wirklichkeit, die den Schreiber bedrängt und bewegt. Wir haben die Sprache, um stumm zu werden. Wer schweigt, ist nicht stumm. Wer schweigt, hat nicht einmal eine Ahnung, wer er nicht ist.[1]

___
[1] Max Frisch in seinen Tagebüchern. Die darin veröffentlichten Fragebögen wie auch die Tagebücher haben wir im Religionsunterricht der Oberstufe gestreift. Daraufhin hab ich erstmal das Gesamtwerk Frischs verschlungen. Ich mag ihn immer noch sehr gern.
Bilder: die hl. Katharina von Siena beim Schreiben, Wordle aus einer Studie über das Bloggen (Daten aus dreißig Interviews mit Bloggern)

Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Ich würde mir da an Deiner Stelle nicht allzuviele Gedanken machen, was die Qualität Deines Blogs betrifft.

Wie Du schon geschrieben hast, ist ein Web-Log immer als Tagebuch auch ein Spiegelbild der Gedanken des jeweiligen Bloggers und hat daher keinen Anspruch auf Alleingültigkeit oder Objektivität. Aber Standpunkte können sich immer im Laufe einer Diskussion durch gute Argumente verändern.

Somit finde ich manche Äußerungen gerade in der Ablaß-Diskussion, daß wir Blogger da wieder was hätten, worauf wir herumreiten könnten, für verfehlt und an der Sache vorbei. Wenn dieses Thema Blogger bewegt, dann bewegt es sie eben - genauso wie andere eben permanent Zölibat und Frauenordination bewegt. Und schaue ich mal genauer durch die Blogoezese, dann stelle ich fest, daß es hinsichtlich des Ablaßwesens ganz unterschiedliche Standpunkte gibt. Man muß nur nicht immer bei denselben vorbeischauen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Da hast du allerdings recht. Mir hat der nüchterne Beitrag von Weihrausch und Gnadenvergiftungdazu auch gut gefallen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Mist, ich weiß nicht, warum das jetzt kein Link auf den Beitrag selbst geworden ist: http://weihrausch.wordpress.com/2012/01/17/das-wort-ist-fleisch-geworden-oder-heilig-rock-wallfahrt/

Heike hat gesagt…

Danke für deinen beitrag. Ich habe ihn mal bei mir aufgegriffen und mir auch ein paar (wenige) Gedanken dazu gemacht: http://weihrausch.wordpress.com/2012/01/21/die-blogger-mal-wieder/

Marcus, der mit dem C hat gesagt…

Liebe Braut des Lammes,

ich möchte auf keinen Fall Deinen Blog missen müssen. Der eine bloggt viel, der andere wenig, jeder nach dem was ihn antreibt zu bloggen. Die eine [um nicht immer das Maskulinum zu verwenden :-) ] berichtet über freudige Ereignisse wie Berufungen, der andere kritisiert Fehlentwicklungen. Wo bitte steht verbindlich vorgeschrieben, daß ein Meckerer sich nicht an Berufungen erfreuen kann, und wo steht, daß eine die gutes berichtet, nicht auch aufmerksam die Kritiken verfolgen will? Jeder von uns ist anders und doch sind wir alle nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen. Darum ist es gut, wenn die 'Zese bunt ist, es reicht vollkommen, wenn uns der Glaube und die Zugehörigkeit zum mystischen Leib Christi eint. Es ist schon schwer genug, in der Kirche dafür zu sorgen, daß wir einig im Glauben sind, weil so mancher einen anderen als den Glauben der Kirche hat. Da brauche ich wahrlich keine Uniformierung der Blogs zwecks angeblicher Qualitätsverbesserung. Das hilft ja bei den Meanstream-Medien auch nicht, die agieren wie gleichgeschaltet und die Qualität geht dort immer mehr den Bach runter.

Daher von mir ein eindeutiges:
Weiter so, liebe Braut des Lammes!

Marcus, der mit dem C hat gesagt…

P.S.: für mich ist der Link im Beitrag von 23:02 am 20.01. da.

Lauda Sion hat gesagt…

an der stelle möchte ich auch mal anmerken, dass ich dein blog als eins der qualitativ am hochwertigsten sehe.

Braut des Lammes hat gesagt…

Danke euch, für die aufmunternden Kommentare. Womöglich habe ich da einer Stimme auch zuviel Gewicht beigemessen.

@Marcus: Der Link aufs Blog war da, aber der Tiefenlink auf den Beitrag, den ich eigentlich hatte setzen wollen, mirakulöserweise nicht.

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