Donnerstag, 29. Dezember 2011

Maybe baby (Siri gibt nicht die gewünschte Auskunft)

Dies gehört thematisch irgendwie ebenfalls noch zum gestrigen Fest der unschuldigen Kinder:

Als ich neulich morgens auf dem U-Bahnhof ein Werbeplakat gesehen habe, bei dem bei dem Wort MAYBE das May rot durchgestrichen ist, dachte ich, das müsse eines sein, die sich für den Schutz des ungeborenen Lebens einsetzt (war es aber nicht, das Plakat ist Teil einer Kampagne gegen das Rauchen). In der Tat hätte ich mir den Schriftzug eher unter dem Bild eines Ungeborenen vorstellen können, so daß aus dem „Vielleicht“ ein „Sei“ wird.

Dabei ist mir die Anfang Dezember öffentlich geäußerte Empörung über Apples neuen iPhone-Assistenten Siri – das ist eine stimmgesteuerte Softwareerweiterung, die Apple im November eingeführt hat und die sich noch in der Betaphase befindet – wieder in den Sinn gekommen, der auf die Frage nach einer Abtreibungsklinik sinngemäß antwortet, „Tut mir leid, ich kann keine finden“ (in New York) oder statt der Adresse einer solchen Klinik die von Krisenzentren für Schwangere heraussucht (in Washington) – letzteres eine sehr gute Idee, wie ich finde.

Andere sehen das offenbar ganz anders. So findet Lena Jakat von der Süddeutschen Zeitung dieses Verhalten Siris „unsouverän“: wer auf der Suche nach dem schnellen Genuß (so oder so) sei, eine Leiche entsorgen will (warum auch immer) oder, horribile dictu, sogar eine Kirche bzw. einen Priester sucht, um sich zu bekehren, dem helfe Siri schließlich auch weiter. Äh, der Unterschied zwischen dem Kauf eines Joints, dem Wunsch nach einem geistlichen Gespräch oder einer Beichte und dem nach einer Abtreibung ganz in der Nähe wird nicht gesehen? Oder ist das alles eine Soße? Muß es wohl sein, denn alle diese Beispiele werden von der Journalistin als „pikante Anliegen“ bezeichnet.

Zur angeblichen Unsouveränität, wer schon einmal mit ungewollt schwanger gewordenen Frauen zu tun hatte, weiß, daß es dabei manchmal regelrechte Kurzschlußreaktionen gibt, die zum einen natürlich auch etwas mit der Hormonachterbahn in einer schwangeren Frau zu tun haben, zum anderen damit, daß solche Frauen manchmal wirklich in extrem belastenden Situationen stehen. Umso wichtiger, daß sie sich für die Entscheidung, was sie tun wollen, ausreichend Zeit lassen und dabei kompetent beraten werden. Zumindest der Washingtoner Siri reagiert also gerade sehr souverän, zumal für eine Maschine. Vielleicht sollte man Siri noch dahingehend programmieren, daß sie auf die etwaige Anfrage nach der zu entsorgenden Leiche ersatzweise den Weg zum nächstgelegenen Priester ausspuckt.

Die Sache berührt nicht zuletzt auch den äußerst diffizilen Bereich, ob man jemanden per Verordnung dazu zwingen können sollte, etwas anzubieten, was dieser nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, wie etwa durch Ratschlag Beihilfe zu einer Sünde bzw. einem Unrecht zu leisten.

Die US-Bürgerrechtsorganisation ACLU warf Siri daraufhin vor, „gegen Abtreibung zu sein“. (Was für ein Vorwurf! Und wem gegenüber! Einer Maschine.) Die Vorsitzende der amerikanischen Organisation NARAL Pro-Choice America[1], Nancy Kennan, schrieb hingegen gleich einen offenen Brief an Apples neuen Firmenchef Tim Cook selbst: Siri habe bei seiner Antwort auf diese Frage „das Ziel verfehlt“. Das Ziel war nach Keenans eigenen Worten übrigens „abortion care“. Weiter im Text:
Although Siri is not the principal resource for women’s health care, I hope you agree that it is important that the women who are using this application not be misled about their pregnancy-related options.
Ihre Optionen, also wirklich – manchmal frage ich mich, ob ein Teil der Welt einfach verrückt geworden ist?

___
[1] Unter den vier Antworten auf die Frage
What is choice? listet NARAL übrigens erst an vierter Stelle Healthy pregnancies auf. Die erste Wahl ist offenbar Abortion.

Kommentare:

U. hat gesagt…

Leider nein, -M-A-Y-BE ist Marlboro-Werbung.

U. hat gesagt…

Die Welt ist krank. Ihr fehlt. Nicht etwas, sondern jemand.

Braut des Lammes hat gesagt…

Daß das Wort selbst eine Zigarettenmarke ist, ist mir noch etwas später offenbar geworden. Das oben beschriebene mit dem durchgestrichenen May ist jedoch tatsächlich eine Kampagne gegen die Folgen des Rauchens.

U. hat gesagt…

Entschuldige bitte, ich habe das Bild schlicht übersehen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Macht überhaupt nix. Ich konnte das Plakat mit dem Originalschriftzug im Netz nicht finden.

U. hat gesagt…

http://i.ebayimg.com/00/s/MTQ0MFgxMTYx/$%28KGrHqVHJ!8E63SLiGFDBO7idnqm0Q~~60_12.JPG
http://www.werbeblogger.de/wp-content/uploads/2011/12/marlboro.jpg

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