Montag, 5. Dezember 2011

…die in der Welt leben – Verschiedenes zum Alltag einer geweihten Jungfrau


Im Nachgang zu Zeichenhaftigkeit, Lampen und ein offener Brief habe ich im November den Blogbeitrag Der Rufer in der Wüste geschrieben, der eine stellenweise Vertiefung des vorigen Beitrags war. Über die positiven Reaktionen habe ich mich sehr gefreut, da ich mir gerade bei diesem Blogbeitrag wegen des Fokusses auf dem Begriff Zeichenhaftigkeit, der allerdings aus Gründen des Kontextes vergleichsweise ausführlich behandelt wurde, recht unsicher war.

Es kamen darauf auch Nachfragen zum Alltag und ein Potpourri von allen möglichen Fragen im Zusammenhang mit der Lebensform einer Virgo consecrata. In der Tat ist es manchmal gar nicht so einfach, Antworten auf bestimmte Fragen zu bekommen (einige findet man hier allerdings bereits): zu verschachtelt sind oft hier die Lagerstätten entsprechender Informationen, wenn sie denn überhaupt im Netz verfügbar sind. [1] Diözesen wie etwa die von Sioux Falls im amerikanischen South Dakota sind uns hier mehr als einen Schritt voraus, in dem sie einfach zu jeder Art von Berufung zum Kleriker oder zum geweihten Leben die nötigen Informationen (inklusive Ansprechpartner) und eine entsprechende Sammlung von FAQ einigermaßen ansprechend aufbereitet auf ihrer Bistumshomepage anbieten. Ich wünschte, das hätten wir auch.

Zur Frage, wie sich die Weihe „im Alltag auswirkt“ – eigentlich sollte sich meiner Ansicht nach der ganze Alltag um diesen zentralen Aspekt herumgruppieren bzw. davon durchdrungen sein. Es gibt kein Leben außerhalb einer Berufung, der man von ganzem Herzen folgt. So heißt es, ohne zugleich wieder auf die Liturgie abheben zu wollen: Vergiß nie, um der Kirche willen bist du von Christus in Dienst genommen! (Müßig zu sagen, daß geweihte Jungfrauen ihre Seelen im gleichen irdischen Gehäuse herumtragen wie alle anderen).

Wie bereits mehrfach erwähnt, sind die Berufe und Werdegänge der geweihten Jungfrauen ganz verschiedene – so gibt es Virgines, die Richterin am Konsistorium sind, solche, die an Schulen unterrichten, Referentinnen, Pflegerinnen oder Haushälterinnen Papst Benedikts sind. Zugleich lebt die Jungfrau ihre Berufung in der Welt, das heißt, an dem Ort und in den Beruf, in den sie gestellt ist. Durch ihre Stellung in der Kirche ist sie zudem in besonderer Weise an den Ortsbischof und ihr Bistum gebunden.

Je nach diesen Umständen wird sich der Tagesablauf einer geweihten Jungfrau ausrichten, das heißt, es kann gar keine verbindliche Lebensregel oder Tagesordnung geben, zumal diejenige oft allein lebt; selten einmal leben mehrere geweihte Jungfrauen zusammen (wogegen eigentlich nichts spricht, im Gegenteil, meiner Ansicht nach würde eine solche Anordnung zuweilen manches vereinfachen). [2]

In der Tat erhält der Tag der geweihten Jungfrau natürlich sein gewisses Grundgerüst durch den Dienst, der ihr zuerst anvertraut ist, den des Gebets. Es mag hier von Vorteil sein, bestimmte Dinge einigermaßen fix einzurichten. So bete ich Matutin und Laudes immer morgens und eigentlich vor dem Frühstück, allenfalls gönne mich mir vorher noch den Becher Kaffee im Stehen, den ich im Refektorium eines Karmelitinnenklosters schätzen gelernt habe. Mit einem Mindestmaß an Blutdruck singt und betrachtet es sich einfach viel besser. Andere Tagzeiten immer zur genau selben Uhrzeit zu beten, schaffe ich aber schon meist nicht mehr – muß ich aber auch nicht. Die Kirche gewährt mir hier als Beterin eine große Freiheit.

Zum Thema Stundengebet hatte ich ja schon öfter etwas geschrieben, etwa hier, hier und hier (am besten klickt man vielleicht einfach das entsprechende Label Stundengebet an, das sind zwar mehr als fünfzig Beiträge, die entsprechenden sind aber auf jeden Fall dabei). Ich werde mich daher hier nicht erneut darüber ausbreiten, sondern nur kurz zusammenfassend antworten.

Um eine direkt gestellte Frage zu beantworten, ob man das Stundengebet durch eine andere Form des Gebetes ersetzen könne: Nein, die geweihte Jungfrau ist zum Gebet des Stundengebets verpflichtet, wenn man das denn eine Pflicht nennen will. Ich fühle mich eher privilegiert, als daß ich es denn als Arbeitspensum ansähe, das ich abackern müßte. Was nicht ausschließt, daß man sich auch mal schwertut. Dann ist der Begriff Pflicht wiederum gar nicht so schlecht, denn es erinnert einen daran, daß man eine Bindung eingegangen ist, die es gilt, in Liebe und Treue weiterzutragen. Und eben diese feste Bindung an Christus und die Kirche wollte ich in meinem Leben.

Die geweihte Jungfrau soll, wie es im Ritus der Weihe ausdrückt wird, den himmlischen Vater ohne Unterlaß preisen und eintreten für das Heil der ganzen Welt (was für ein wunderschöner Dienst, nebenbei bemerkt), daher ist es äußerst angemessen und schön, wenn sie ihre Stimme in dem Gebet erhebt, das die Stimme der Kirche ist. Zugleich ist die Jungfrau ja ein Sinnbild der bräutlichen Kirche, deren Bräutigam Christus selbst ist, und übt diesen Dienst auch stellvertretend für all jene aus, die dies nicht (mehr) können. Das Stundenbuch der Kirche ist eines der drei Dinge, die bei der Weihe jeweils mit einem eigenen Gebet des Bischofs übergeben werden, und die Jungfrau bekräftigt diese Übergabe mit Amen, so sei es. Das heißt, man kann das Gebet der Kirche nicht durch eine Gebetsform ersetzen, „die einem mehr liegt“. [3] Wenn einem auf Dauer eine andere mehr läge, wäre dies immer ein klares Zeichen, daß die jeweils eigene Berufung eine andere ist. Das Beten des Stundengebetes ist Teil jeder geistlichen Berufung und man beginnt ja meist spätestens in der konkreten Erprobungszeit auch mit dem Beten des Stundengebetes, hat also viel Zeit, sich darin einzuüben.

Über das Stundengebet und die möglichst tägliche Teilnahme an der Heiligen Messe hinaus kann eine Virgo consecrata jedoch jede geistliche Richtung und Gebetsform der Kirche wählen, sei es eine karmelitanische, dominikanische, benediktinische (oder die eines anderen großen Ordengründers) oder auch eine, die vom Geist des sel. Charles de Foucauld geprägt ist. Dieser bedeutende Selige hat zumindest für mich wegen der Art seines Gebets und Lebens eine prägende Bedeutung. In der Wüste mitten unter den Moslems leben kann manchmal auch mitten in der Stadt unter Moslems leben und Zeugnis geben bedeuten, nur die konkreten Aufgaben, vor die man gestellt ist, unterscheiden sich durch die Zeiten vielleicht ein wenig (Kindern beim Lernen zu helfen oder muslimischen Frauen das Lesen und Schreiben beizubringen ist allerdings wieder etwas recht Zeitloses, da die Unwissenden lehren zu den hauptsächlichen Werken der Barmherzigkeit gehört).

Über den Ortsbischof hinaus, dem sie direkt unterstellt ist, hat die Jungfrau auch einen geistlichen Begleiter und sicherlich auch einen Beichtvater (es braucht sich dabei nicht um denselben Priester zu handeln).

Zum einfachen Lebensstil hatte ich ebenfalls schon verschiedentlich geschrieben. Da beim Propositum die Consecranda den Entschluß in die Hände des Bischofs legt, Christus im Stand der Jungfräulichkeit nachzufolgen, ist dies auch eine berechtigte Frage. Vor der Weihe erklärt die Virgo öffentlich ihre Bereitschaft, ein Leben in der Nachfolge Christi, zu der das Evangelium aufruft, zu führen. Ein solches Leben in der Nachfolge Christi heißt jedoch, auch zu leben, wie er gelebt hat, ehelos, arm und im Geiste des Gehorsams – oder es doch wenigstens immer wieder und so gut es geht, aufs Neue zu versuchen. Jeden Morgen sage ich mir, heute fange ich an – ein Wort des Mönchsvaters Antonius, das sicherlich auch auf uns zutrifft.

Dieses Bemühen schließt daher meiner Ansicht nach das Anhäufen materieller Reichtümer aus.[4] Wer durch Umstände oder eigenen Verdienst mehr hat als er zum Leben und zur Vorsorge für Krankheit und Alter braucht, sollte sich überlegen, in welcher Weise er das was er nicht braucht, den Bedürftigen zukommen läßt. Sie leistet damit direkt dem Wort des Evangeliums Folge, in dem es heißt, …dann komm und folge mir.

Dies wird sich bei einem Menschen, der allein und in der Welt lebt, in anderer Weise vollziehen müssen als bei einer Ordensfrau in der Klausur. Für diese Haltung der Anspruchslosigkeit gilt es, sich immer neu zu entscheiden.

______
[1] Soweit, zu sagen, man wolle womöglich nicht, daß die entsprechenden Informationen gefunden werden, würde ich nicht gehen, aber es wird einem, wie gesagt, oft wirklich nicht leicht gemacht.

[2] Can. § 604 Nr. 2 sieht diese Möglichkeit ausdrücklich vor. Dies bezieht sich meiner Auffassung nach nicht ausschließlich, wie verschiedentlich auch vertreten, auf die Möglichkeit, einem Zusammenschluß, etwa einem Verein, beizutreten.

[3] Die Empfehlungen der Bischofskonferenz von 1985 führen dazu aus: Es wird ihr dringend geraten, ihre Gebetspflicht dadurch zu erfüllen, daß sie täglich das kirchliche Stundengebet … betet. Jeder weiß, daß ein dringender Rat kein Rat im eigentlichen Sinne ist („Ich rate Ihnen dringend…“ ist eine direkte Aufforderung, etwas zu tun oder zu unterlassen). Wie ich inzwischen gesehen habe, formulieren die amerikanischen Bischöfe etwas weniger polizeilich und „ermuntern“. Allerdings sind englische Schriftlichkeiten meist viel höflicher bzw. geschweifter abgefaßt. Der Sinn ist derselbe.

[4] Unter den nötigen Voraussetzungen für die Kandidatinnen führt die Kirche daher zu Recht ausdrücklich die Bereitschaft zu einem einfachen Lebensstil auf.


Bild: Die mystische Vermählung der hl. Katharina von Siena, Pinturicchio, 15. Jhd.

Kommentare:

Admiral hat gesagt…

Vielen Dank für Deine Ausführungen.

Und immer mal regelmäßig mehr davon. :-)

Braut des Lammes hat gesagt…

Oh, sehr gern, danke! :) An sich hatte ich die Thematik immer auch ein wenig als "Nischenbeitrag" eingestuft; wenn allerdings Interesse besteht, schreib ich gerne mehr, ohne mich deswegen zum "national expert" gerieren zu wollen.

Admiral hat gesagt…

Och, warum so bescheiden (rhetorische Frage)?

Wir machen Dich zum "global expert".

WDTVRS - What does the Virga Reality say?
(Ähnlichkeiten mit einem Blog eines Fr. Z. sind hier rein zufällig.)

Als Nischenbeitrag würd ich das tatsächlich eher nicht sehen.

Also nochmal: weiter so. :-)

Florian hat gesagt…

Vielen Dank, Deine Beiträge sind wirklich eine Bereicherung! :)

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