Mittwoch, 14. Dezember 2011

Der Aufstieg und die dunkle Nacht – Johannes vom Kreuz


Eines der wichtigsten Werke des hl. Johannes vom Kreuz, Der Aufstieg zum Berge Karmel, ist eigentlich eine Gebrauchsanweisung. Der Aufstieg zum Berge Karmel erklärt, „wie man die göttliche Vereinigung schnell erreichen kann“. Der hl. Johannes schrieb diese Anleitung, nachdem er wegen Querelen und Intrigen innerhalb des Ordens der Karmeliten neun Monate im Ordensgefängnis von Toledo gefangen war, unter unwürdigen Bedingungen. Es ist gut möglich, daß er die dunkle Nacht, von der er schreibt, gerade in dieser Zeit durchlebt hat.

Bevor Johannes vom Kreuz im Jahre 1567 die Priesterweihe empfing, war er Handwerker, Krankenpfleger und Zögling einer Jesuitenschule. Als Vierzehnjähriger pflegte er unheilbar Kranke und Geisteskranke. Inmitten dieses Leidens sehnte sich Johannes erstmals nach der Vereinigung der Seele mit Gott und dem Glück, das darin zu finden ist. 1563 trat er in den Orden der Brüder der allerseligsten Jungfrau Maria vom Berge Karmel ein, die ihn zum Studium nach Salamanca schickten. Durch seine Unterstützung der Reformbewegung der großen hl. Teresa – er war der erste männliche Ordensangehörige, der unter der Regel der unbeschuhten Karmeliten die Profeß ablegte, da er Teresas Überzeugung teilte, der Orden müsse zu einem Leben des Gebets zurückfinden – geriet er in Auseinandersetzungen innerhalb des Ordens, die in seiner Entführung und Einkerkerung in Toledo gipfelten. Man sperrte ihn in eine Zelle, die knapp zwei mal drei Meter groß war, mit nur einem winzigen Fenster über Augenhöhe und ließ ihn dreimal in der Woche von anderen Mönchen schwer mißhandeln, bis ihm schließlich die Flucht nach Andalusien in das in der Einöde gelegene Kloster Kalvaria(!) gelang. Im Kerker von Toledo schrieb er unter anderem seine bekannte Dichtung Die dunkle Nacht, die er auf seiner Flucht (ganz klassisch, an zusammenflochtenen Decken durchs Fenster) mit sich nahm.

Vom Konvent von Kalvaria aus wurde Johannes vom Kreuz, nachdem er sich von den Folgen seiner Einkerkerung etwas erholt – und bei der Gelegenheit den Nonnen dort auf der Krankenstation seine Dichtungen vorgetragen – hatte, zu Neugründungen in Andalusien ausgesandt, zugleich diente er dem Orden als Beichtvater und geistlicher Begleiter, bis er 1591 wiederum ein Opfer der ordensinternen Auseinandersetzungen wurde, und man ihn beim Generalkapitel völlig überraschend all seiner Ämter enthob. Schwer krank starb er im selben Jahr im Kloster von Ubeda, auch nach seinem Tod noch lange als strenger Zuchtmeister verkannt. Eigentlich aber hat der hl. Johannes nur Christus allem anderen vorgezogen: A la tarde te examinarán en el amor; aprende a amar como Dios quiere ser amado y deja tu condición – Am Abend deines Lebens wirst du mit dem Maß der Liebe gemessen werden. Lerne, Gott so zu lieben, wie er geliebt werden möchte, und laß die Eigenliebe hinter dir.

André Frossard faßt den Aufstieg zum Berge Karmel des hl. Johannes vom Kreuz noch einmal in einer Zeichnung zusammen. Auf der rechten Seite des Weges sieht man die, die eine enge Vereinigung mit Gott gar nicht erst versuchen, weil sie zu sehr von anderen Dingen in Anspruch genommen sind. Links die, die sich auf den Weg machen, aber nicht ankommen – sieht man genau hin, bemerkt man auch, daß der Weg ins Nirgendwo führt, jedenfalls nicht auf den Gipfel des Berges. Da gibt es die, die auf halbem Wege stehen bleiben, solche, die nicht beständig weitergehen, sondern unterwegs ein Päuschen machen, und jene, die die schöne Aussicht genießen und alles andere darüber vergessen. Sie alle sind noch unterhalb der schwarzen Wolke, die sicherlich die dunkle Nacht der Seele symbolisieren soll. Durch diese Nacht muß aber hindurch, wer weiterkommen und den Gipfel erreichen will. In der Mitte die Seele, die unbeirrt, auch durch die dunkle Nacht hindurch, voranschreitet auf dem Weg zu Gott:
Um jene dunkle Nacht zu deuten, welche die Seele durchwandern muß, wenn sie zum Gotteslicht der vollkommenen Liebesvereinigung mit Gott gelangen will, – soweit solches natürlich hienieden überhaupt erreichbar ist, – sollte man freilich mehr Wissen und Erfahrung haben als ich… Es gibt so viele Seelen, welche den Pfad der Tugend betreten haben, die aber, sobald sie von Gott in jene dunkle Nacht eingeführt werden, durch die sie zur Vereinigung mit Gott gelangen sollen, nicht mehr weiterfinden. Die einen wollen dann nicht eingehen in jene dunkle Nacht oder sich nicht einführen lassen, die anderen finden sich nicht zurecht oder es fehlt ihnen an tüchtigen und erfahrenen Führern, die sie bis zum Gipfel des Berges leiten könnten… Es ist wohl richtig; Gott, der die Seelen führt, kann sie auch ohne ihr Zutun führen. Aber sie kommen weniger voran, da sie sich nicht führen lassen, sondern ihrem Führer widerstehen… Ja, es gibt Seelen, die anstatt sich Gott zu überlassen und sich von ihm helfen zu lassen, vielmehr ihm durch ihre unbesonnene Handlungsweise und ihr Widerstreben direkt entgegenarbeiten.
Hier führt der Heilige zudem aus, wieso es wichtig ist, sich geistlicher Führung anzuvertrauen. Der Aufstieg zum Berge Karmel wird als einzigartige Einführung ins geistliche Leben betrachtet, weil der Autor seinem eigenen Rat gefolgt ist, ihn gelebt hat. Bei dem Leben, das ihm beschieden war, hätte der hl. Johannes vom Kreuz verbittert und zynisch werden können, stattdessen wurde aus ihm ein leidenschaftlicher und gütiger Gottsucher.

In dem apostolischen Schreiben Die vicesima septima, in dem er den hl. Johannes zum Kirchenlehrer erhob, schrieb Papst Pius XI. 1926, daß die Werke des hl. Johannes vom Kreuz
…geradezu übernatürlich inspiriert scheinen, so kristallklar ist seine Kenntnis der außerordentlichen Gnadengaben Gottes, dieser Stufen auf dem Weg zur Vollkommenheit, die er den Seelen als Ziel vor Augen stellt. Und obwohl Der Aufstieg zum Berge Karmel, Die dunkle Nacht, Die lebendige Liebesflamme sowie noch manche seiner Schriften und auch seine Briefe schwerverständlich und geheimnisvoll scheinen mögen; offenbaren sie dennoch eine so wesenhafte geistliche Lehre und eine so ausgezeichnete Anpassungsfähigkeit an die Fassungskraft des Lesers, daß man sie in ihrer Gesamtheit verdientermaßen als Wegweiser und Kompaß jener gottgläubigen Seelen, die sich vornehmen, den Gipfel der Vollkommenheit zu erreichen, bezeichnen muß. Die Kanonisationsbulle erklärt also mit Recht, Johannes vom Kreuz habe „Schriften über die mystische Theologie verfaßt, die von überirdischer Weisheit zeugen“.

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...