Sonntag, 27. November 2011

Gott der Legenden?

Schön und ganz ungruselig –
das Reliquar der hl. Hedwig
auf dem Altar der Oberkirche
(Aufnahme von Florian Streibelt)
Der Vorschlag, die hl. Katharina von Alexandria [1] zur Schutzpatronin der katholischen Blogger zu erklären, stieß teils auf Gegenliebe, teils auch nicht. Oh mei – allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.

Aus der eigenen Erfahrung beigesteuert: die Zelebranten, die zwar ein rotes Gewand tragen, aber den Tagesheiligen noch vor der Predigt ins Reich der Fabelwesen und rosa Einhörner verweisen oder aber, wie auch schon passiert, von frommer Folklore sprechen, vergrätzen die Gemeinde ohne Not.

Einige der Heiligen, die bei der Kalenderreform aus dem römischen Generalkalender hinausgeflogen sind, nahm man später übrigens wieder auf, wegen der hohen Verehrung, die diese Heiligen seit Jahrhunderten im Volk genossen. So erging es auch der hl. Katharina, die 2002 wieder in den Generalkalender aufgenommen wurde. Der in dieser Hinsicht bestimmt nicht überschwenglich zu nennende Schott verweist übrigens nicht die hl. Katharina ins Reich der Legenden, sondern nur die Ausschmückung ihres Martyriums. Zu so etwas braucht man in der Tat keine Beziehung zu haben, man braucht sie denjenigen, die womöglich eine haben, aber auch nicht ausreden zu wollen.

Aus der Schar der Heiligen gibt es immer einige, zu denen man eine engere Beziehung hat als zu anderen. Manche sprechen einen ganz unmittelbar an, zu anderen entwickelt man erst allmählich eine Beziehung, bei dritten geht einem ein Licht auf, wenn man sich mit ihrem Leben oder etwas beschäftigt, das sie geschrieben haben; wieder andere bleiben mir vielleicht immer fremd. Das ist ganz natürlich, und so ist es zu erklären, wieso ein Blogger vielleicht in einem Jahr drei Beiträge zu einem bestimmten Heiligenfest schreibt.

In den Heiligen schenkst du der Kirche leuchtende Zeichen deiner Liebe, heißt es in einer der Präfationen von den Heiligen. Zur Verehrung eines bestimmten Heiligen ist kein Katholik verpflichtet. Man muß auch nicht glauben, daß der hl. Agnes bei ihrem Martyrium die Haare schlagartig so lang und dicht gewachsen sind, daß sie ihre Blöße bedeckten oder daß mehrere Versuche des Henkers, jemanden zu Tode zu bringen, keinen Erfolg hatten, bis der Henker ein Schwert[2] nahm und… All das gehört nicht zur Lehre der Kirche. Was wichtig ist, ist doch die Essenz, der Nachhall, der bleibt – er gab sein Leben für Christus:
Im Jubel, Herr, wir dich erheben,
ob deiner Zeugen Herrlichkeit,
die sich mit ihrem ganzen Leben,
dir treu bis in den Tod geweiht.
Du warst ihr Glaube, Jesu Christ,
du warst ihr Glaube und ihr ganzes Gut
um deinetwillen gaben sie ihr Blut. (GL 611)
Mir tut es halt immer ein wenig leid, wenn da eine hl. Cäcilia, Barbara oder Katharina in Bausch und Bogen verworfen wird, ungeachtet der Tradition der Kirche (die auch die Ostkirchen einschließt).

Daß einer eine Armreliquie „gruselig“ findet und nennt, finde ich wiederum nicht schlimm. Man darf Arm- wie auch sonstige Körperreliquien befremdlich finden. So ist man von der Sitte, Heilige in ihre Körperteile zu zerlegen, inzwischen wohl weitgehend abgekommen (weshalb vielleicht das Herz des sel. Johannes Paul II. nicht in Krakau ruht), ohne daß die Kirche die Frömmigkeitsformen früherer Jahrhunderte deshalb jedoch verurteilt – jegliches hat seine Zeit, ein jedes Ding unter der Sonne. (Neulich hatte ich eine längere, angeregte Diskussion mit dem besten Freund von allen, erklärter Agnostiker, der vorgeschlagen hat, alle derartigen Reliquien zu bestatten.)

Allerdings sind Heiligen- und Reliquienverehrung nicht deckungsgleich – so kann man das eine tun und das andere lassen –, sie gehören aber trotzdem zusammen. Aus der Verehrung der Heiligen geht der Wunsch hervor, etwas zu berühren, was (zu) dem Heiligen gehört hat.

Zu den schönen Dingen an der katholischen Kirche gehört, daß sie den Sinnen so viel Beachtung schenkt: dem Auge durch Farbe, Gold und Silber, Edelsteine und Spitzen, der Nase durch Weihrauch, dem Geruch des brennenden Osterfeuers und sein Gegenstück, die verbrennenden Palmzweige des Vorjahres am Aschermittwoch; dem Gehör durch die ganze Schönheit der Liturgie. Und eben auch dem Tastsinn durch das Berühren oder Berührtwerden, etwa beim Segen, der unter Handauflegung gespendet wird, bei der Salbung mit den heiligen Ölen. Ich habe dies immer als ungeheure Möglichkeit empfunden, und es ist eben dies, weshalb es – wie es einmal ein Beichtvater formuliert hat – einen ungeheuren Unterschied ausmacht, ob ich mir einen Fernsehgottesdienst ansehe oder meinen sterblichen Leib noch in die letzte Reihe einer überfüllten Kirche quetsche.

Mal ein ganz unkirchliches Beispiel: vor Jahren habe ich, wie Millionen, Noah Gordons Roman Der Medicus gelesen, in dem ausführlich von dem persischen Universalgelehrten Avicenna und seinem Kanon der Medizin berichtet wird. Nicht lange darauf hatte ich die Möglichkeit, an einer Führung im kleinen Kreis durch die vatikanischen Bibliotheken teilzunehmen. Der uns führende Kardinal ließ eben jenen Kanon herbeibringen, was ein völlig irres Gefühl bei mir verursacht hat: es war, als sei mitten im Laufe der Geschichte der Menschheit jemand aufgestanden und hätte mir die Hand geschüttelt. So mag es den Leuten mit Reliquien gegangen sein und noch gehen – es ist etwas, das man berühren kann: er war da, er hat gelebt, und für einen kurzen Moment gibt es eine körperliche Verbindung zwischen uns.

Gott ist ein Gott der Lebenden und derer, die vor uns gelebt haben, ein Gott des Himmels und der Erde.

Man könnte als Lösung aus dem Dilemma natürlich auch die hl. Katharina von Siena erwählen, die war berühmt wegen ihrer Lehre zur Kirche, die das Tagesgebet ein loderndes Feuer nennt und für ihre daher feurigen Briefe an den Papst.

_______
[1] Katharina mit dem Radl – nicht zu verwechseln mit der Kirchenlehrerin Katharina von Siena, obwohl sich das wirklich zuweilen „anbietet“: beide waren heilige Jungfrauen und werden daher in der christlichen Ikonographie oft in der mystischen Vermählung mit Christus dargestellt. Katharina von Alexandria war allerdings auch Märtyrin. Falls sie ihr bekanntestes Attribut, das Rad, grad mal nicht dabeihat, ist ein Mittel, die beiden zu unterscheiden, der dominikanische Habit, in dem Catharina von Siena steckt.

[2] Eine Sache, die fatal an bestimmte Horrorfilme erinnert, aber wahrscheinlich ist es genau anders herum.

1 Kommentar:

Stefan hat gesagt…

Grundsätzlich finde ich das furchtbar wenn es immer wieder heißt: Über diesen oder diese Heilige(n) wissen wir nichts außer einige Legenden.

Warum denken moderne Historiker, nur was sie wissenschaftlich zu Tage wühlen ist echt, was die Jahrhunderte überliefert haben kann ja nur verfälscht sein.

Ich persönlich glaube erstmal jeder Legende und bezweifel nur, wenn es gute Gründe dafür gibt. Die Heiligen werden schon ein Auge drauf haben, dass man nicht allzu großen Schmu über sie erzählt. ;-)

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