Dienstag, 22. November 2011

Der Rufer in der Wüste

In einer Artikelserie über die Berufung der geweihten Jungfrauen hat eine amerikanische Eremitin die Art der Berufung der Jungfrauen mit der der Mitglieder eines Säkularinstitutes verglichen, die verborgen in der Welt wirken. Es ist dies ein gewisses Mißverständnis, das man zuweilen einmal antrifft (vielleicht auch, weil die geweihten Jungfrauen durch ihre Kleidung meist nicht erkennbar sind).

In Wirklichkeit jedoch sind diese beiden Berufungen sehr unterschiedlich; ja, es besteht sogar eine größere Ähnlichkeit zwischen der Berufung zum eremitischen Leben und dem einer geweihten Jungfrau als zwischen der Berufung zum Leben in einem Säkularinstitut und dem der Virgo consecrata [1]. Ich wage einmal zu behaupten, wenn die Kirche so etwas im Sinn gehabt hätte, so hätte sie dem auch durch konkludentes Handeln den entsprechenden Weg gebahnt. In der Tat jedoch hat sie durch die Rückkehr zu der weitaus älteren Praxis der Kirche, die Jungfrauenweihe Frauen, die in der Welt leben, zu spenden, klar zum Ausdruck gebracht, daß die Berufung einer Braut Christi eine andere ist als die eines Sauerteigs, der in einem großen Trog Mehl verborgen ist –, sie ist ein leuchtendes Zeichen für die Liebe zwischen Christus und seiner Kirche. Ein Licht stellt man aber nicht unter einen Scheffel oder auch einen Trog.[2]

An außerordentlich vielen Stellen betont die Kirche den Zeugnischarakter und die Zeichenhaftigkeit des Lebens einer geweihten Jungfrau, etwa, wenn der Bischof die Kandidatin vor der Weihe fragt, ob sie bereit sei, ihr Leben als Zeugnis der Liebe und als Zeichen des kommenden Reiches Gottes zu leben.

In den kirchlichen Dokumenten zum Ordo consecrationis virginum heißt es, daß durch diesen feierlichen Ritus die Jungfrau zu einer gottgeweihten Person wird, zu einem Zeichen, das auf die Liebe der Kirche zu Christus hinweist, und zu einem Bild für die endzeitliche himmlische Braut und für das künftige Leben.

Was bedeutet es nun, aus dem profanen Bereich ausgesondert und ganz für Gott und den Gottesdienst geweiht zu sein? Für mich selbst habe ich den Ritus der Weihe immer auch ein wenig mit der Konsekration und Salbung eines Meßkelches verglichen. Dieser war zuvor ein goldener Becher. Durch die Handlung der Kirche wird er zu einem Meßkelch, das heißt, seine Gestalt (die zuvor auch schön war, keine Frage) erhält eine neue Bedeutung und einen neuen Daseinszweck. Was einmal ein Meßkelch ist, bleibt es, es sei denn, man zerstörte seine äußere Gestalt. Etwas ähnliches gilt von den Gestalten der Eucharistie, sie sind und bleiben Leib des Herrn, solange sie in ihrer äußeren Gestalt erhalten sind.

Im Ritus der Weihe kniet die Jungfrau vor dem Bischof, legt ihre gefalteten Hände in die seinen und spricht:
Angesichts des Volkes Gottes lege ich meinen Entschluß in deine Hände, Hochwürdiger Vater. Ich verspreche, Christus im Stand der Jungfräulichkeit mit Gottes Hilfe nachzufolgen.
Der Ritus der Weihe ist eng an den der Ordination angelehnt, obwohl die Consecratio virginum und die Priesterweihe ihrem Wesen nach verschieden sind. Die Kandidatinnen werden namentlich aufgerufen und treten mit der Antwort, Hier bin ich, denn Gott hat mich gerufen, vor den Bischof.[3]

Durch die rituellen Fragen des Bischofs, die dem sogenannten Propositum (von lat. Plan, Vorsatz) vorausgehen, vergewissert sich der Bischof als derjenige, durch den die Kirche handelt, daß das Propositum freiwillig gemacht wird und diejenige es sich gut überlegt hat – rein praktisch wäre dies der letzte Moment, nein zu sagen, gesetzt den Fall, die Kandidatin wollte die Weihe nicht empfangen, denn hinter die Weihehandlung gibt es kein Zurück. Man kann einen Menschen, der öffentlich versprochen hat, bis ans Lebensende am Vorsatz der heiligen Jungfräulichkeit festzuhalten und der daraufhin dem Dienst Christi und der Kirche geweiht wurde, nicht „entweihen“; man kann ihn nur aus dem Stand entlassen, bzw., er selbst kann um Dispens[4] bitten. Beides kann nur aus aus schwerwiegenden Gründen geschehen. Aus diesem Grund soll der Bischof die Weihe nicht spenden, bevor er überzeugt ist, daß die Consecranda dem gefaßten Entschluß treu bleiben kann.

Schau gütig auf unsere Schwestern. Das Versprechen der
Jungfräulichkeit legen sie in deine Hand und weihen dir
ihr ganzes Leben; denn du selbst hast dazu ihr Herz bewegt.
Ohne dich kann kein Sterblicher dem Gesetz der Natur
entgehen, die Freiheit zum Bösen bewältigen, die Macht
der Gewohnheit brechen, die Leidenschaft der Sinne überwinden.

Die Ablegung des Propositums an der Kathedra und dessen Annahme durch den Bischof sind zugleich Zeugnis einer Berufung, die die Kirche öffentlich annimmt, ein Zeichen der endgültigen Bindung des ganzen Lebens, des ganzen Seins an Christus und die Kirche. In der ganzen Feier der Weihe, vor allem aber in dem wunderbaren Weihegebet, ruft die Kirche die Fülle der Gaben des Heiligen Geistes auf die Kandidatin herab und betet inständig darum, daß die Jungfrau dem einmal gefaßten Vorsatz treu bleiben kann. Den Gedanken, daß das ein Mensch nicht selbst „machen“ kann, faßt das Weihegebet, das reiner Lobpreis Gottes ist, in die Worte: Deine Liebe allein kann das Feuer der Liebe entfachen, deine Gnade allein das gute Wollen erhalten und allein deine Macht die Beharrlichkeit schenken.

Nicht umsonst nennt die Kirche die Jungfrau ein eschatologisches Zeichen, das heißt, eines, das auf das Ende aller Zeiten verweist, in denen wir alle sein werden wie Engel: Denen, die noch der Vergänglichkeit unterworfen sind, gewährst du Anteil an einem Leben, das ähnlich ist dem der Engel. Zugleich ist die Jungfrau als Braut Christi ein Zeichen der Verbindung Christi mit seiner Kirche:
Obwohl sie die Würde des Ehebundes, den du gesegnet hast, erkennen, verzichten sie dennoch auf das Glück einer Ehe; denn sie suchen einzig, was das Sakrament der Ehe bedeutet: die Verbindung Christi mit seiner Kirche. Die Jungfräulichkeit um Christi willen erkennt in dir, o Gott, ihren Ursprung, sie verlangt nach dem Leben, das den Engeln eigen ist, und sehnt sich nach der Vermählung mit Christus. Er ist der Sohn der jungfräulichen Mutter und der Bräutigam derer, die im Stand der Jungfräulichkeit leben.
Als Zeichen der Bindung an dieses Leben erhält die Consecranda Schleier[5] und Ring aus den Händen des Bischofs.

Ausgesondert – als Braut Christi – und ganz für Gott und für den Gottesdienst geweiht zu sein ist eine wesenhaft kontemplative Berufung. Sie bedeutet, auf die Stimme des Rufers in der Wüste zu hören, die ruft: Bereitet dem Herrn den Weg. Sie bedeutet, die Sorgen und Nöte der Menschen wie Maria in ihrem Herzen zu bewegen und im Gebet vor Gott hin zu tragen, mit Jesus in der Wüste zu fasten, am Ölberg zu wachen und selbst am Fuß des Kreuzes zu stehen. Sie bedeutet, selbst jederzeit das Kommen des Herrn zu erwarten und inständig im Gebet darum zu flehen – der Geist und die Braut aber sagen, komm!

In diesem Beitrag ist nun viel von Zeichenhaftigkeit die Rede gewesen. Das bedeutet nun nicht, daß wir im Gedanken „Seht her, ich bin ein Zeichen!“ einhergehen sollten (das wäre fatal). In mindestens einem Punkt hat die Eremitin allerdings recht, man darf den Stand der geweihten Jungfrau nicht ständig dadurch zu definieren versuchen, in dem man ausführt, was er nicht ist. Wir definieren lieber, was er ist. Das zu tun, darum habe ich mich in diesem Beitrag ein wenig bemüht.


____
[1] Der Kirche scheint dies durchaus bewußt gewesen zu sein, denn es ist möglich, als geweihte Jungfrau auch eremitisch zu leben, jedoch ist es meines Wissens für Mitglieder der Säkularinstitute nicht möglich, die Jungfrauenweihe zu empfangen. Dessen ungeachtet sind die Berufung zum Eremiten und zur geweihten Jungfrau zunächst einmal ebenfalls verschiedene Berufungen. Ohne nun die Eremiten über das Wesen ihres Standes belehren zu wollen, würde ich davon ausgehen, daß der Eremit dem fastenden und betenden Christus in der Wüste gleicht.

[2] Das folgende Zitat Kardinal Burkes habe ich erst nach dem Schreiben dieses Beitrags gefunden, ich freue mich aber, ihm zu entnehmen, daß der Kardinal dies offenbar genauso sieht (Hervorhebung von mir):
Diejenigen, die zu einem geweihten Leben in einem säkularen Umfeld berufen sind, gehören den sogenannten Säkularinstituten an. Sie bleiben in der Welt, legen aber die Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ab, die sie in Übereinstimmung mit ihren säkularen Rahmenbedingungen leben. Mit den geweihten Jungfrauen, die in der Welt leben, ist ihnen gemeinsam, daß sie einer Form des geweihten Lebens angehören, das in der Welt gelebt wird. Sie bekennen sich zu den evangelischen Räten, gehören zu einer Gemeinschaft und leben unter der Autorität eines Vorgesetzten, tragen aber keinen Habit und verwenden auch keinen besonderen Titel. Sie wirken in der Welt als Sauerteig, der in einem großen Trog Mehl verborgen ist. Dagegen sind die geweihten Jungfrauen auf Grund des öffentlichen Charakters ihrer Weihe und durch ihren Status in der Kirche als Personen des geweihten Lebens in der Öffentlichkeit bzw. Gemeinde bekannt und geben dort öffentlich Zeugnis für ein jungfräuliches Leben.

[3] vgl. auch R. Metz La consécration des vierges, hier, aujourd'hui, demain und R. L. Burke, Lex orandi, lex credendi.

[4] In analoger Anwendung der Canones 701 und 729 des CIC. Dies wiederum stellt einen bedeutenden Unterschied zu im privaten abgelegten Gelübden dar, die zwar gegebenenfalls auch von der Kirche angenommen werden (durch den Priester, in dessen Gegenwart sie abgelegt werden), von denen der- oder diejenige aber auch ohne weiteres wieder entbunden werden kann, wenn er diesen Wunsch äußert.

[5] Die Stelle im Pontifikale, an der es heißt:
Wenn keine Überreichung des Schleiers erfolgt… bezieht sich nach übereinstimmender theologischer Auffassung auf solche Frauen, die den Schleier in einer früheren Zeremonie (etwa bei der Aufnahme in ein Noviziat) bereits erhalten haben.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Liebe Braut des Lammes,
ich habe mich oft nach meiner Berufung gefragt. Ich bin ein Ehemann geworden, warum?

Habe ich denn weggehört, als der Rufer in der Wüste rief? Manchmal denke ich, er sandte eine Frau nach mir, weil ich mich so sehr nach einer Frau sehnte, nicht nur nach der Stimme.
Und dies beruhte wohl auf Gegensätzlichkeit.

Nach einem dutzend Ehejahren und zwei Kindern höre ich vor allem eines immer wieder, wenn ich in die Wüste geschickt wurde, oder sie rechtzeitig selber aufsuche:

komm immer zuerst zu mir,
und bleibe bei mir in allem was du tust,

und so ist es dann auch seine Stimme, die zu meiner Frau, meinen Kindern, und Freunden auf die ein oder andere Weise dann versöhnend sagt:
Ich liebe Dich.

So sage ich mir, Jungfräulichkeit und Ehe scheinen
sich einander auszuschliessen, es sind ja verschiedene Wege wie entweder-oder
und doch ist es nur ein und derselbe WEG, denn es gibt nur einen GOTT,
also die Liebe auf die wir horchen sollen.

Das ist so, so genauso unergründlich wie dass Josef auf diese Weise wirklich der Vater von Jesus ist, obwohl er auf Maria verzichtete,
und die beiden zuerst das Kind bekamen, also die Liebe selbst, und erst hinterher heirateten, also im Himmel sind.
Bei eheleuten geht es wohl andersrum, erst heiraten sie, und dann ist Weihnachten.

Vielleicht sollten wir Jungfräulichkeit aber auch mit dem Wort unschuldig wie ein Kind beschreiben, im Sinne von vollkommen verziehen und von allem erlöst und befreit was nicht Hingabe war sondern lieblos, und mir scheint
so etwas tut GOTT bei manchen Menschen heimlich ganz persönlich
so wie einst der Engel mit MARIA.

Für mich sind die Ehelosen berufen das Kind Gottes zu sein und die Eheleute berufen die Eltern Gottes zu sein,
und somit bleibt alles in ein und derselben heiligen Familie.

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