Dienstag, 13. September 2011

Hier, am Kreuz, werde ich dir begegnen – zum Fest Kreuzerhöhung


Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Als die fromme Kaiserin Helena das kostbare und lebensspendende Kreuz des Herrn entdeckte, brachte sie es in den Tempel der Auferstehung, wo der Patriarch Macarius es vor allen erhob. Beim Anblick des Kreuzes unseres Herrn jubelten die Gläubigen und verbeugten sich ehrfürchtig vor ihm, um so ihre Ehrfurcht vor dem zu bezeugen, der an ihm gekreuzigt wurde. Und sogar heute, rufen die Orthodoxen dem Kreuz bei der Erhebung zu, als ob es lebendig wäre: „Juble, kostbares Kreuz! Hilf uns, o lebensspendendes Kreuz.“

Wie kann das angehen? Warum rufen wir solches aus? Hat das Kreuz Ohren? Hat es eine Seele, daß wir zu ihm sprechen könnten, als wäre es lebendig? Natürlich nicht. Wir sprechen nicht zum Kreuz, sondern richten unsere Bitten an den, der, indem er ans Kreuz geheftet wurde, alle Kreatur vereint und allen Dingen Leben eingehaucht hat, sogar der unbeseelten Natur. Die dem heiligen Kreuz innewohnende Gnade erfüllt uns mit solcher Freude, daß wir sie nur ausdrücken können, indem wir das Kreuz selbst als Freund und Beschützer anrufen.

So rief auch König David, als seine Augen durch die Gnade Gottes alle Dinge von dieser Gnade erfüllt sahen: Preist ihn, Sonne und Mond, preist den Herrn, ihr Sterne am Himmel! Und als die drei Jünglinge im Feuerofen sahen, wie die Flammen ihrem Schöpfer gehorchten, schlossen sie die ganze Schöpfung in ihren Lobgesang ein:
Preiset den Herrn, ihr Berge und Hügel; preiset den Herrn, was immer auf Erden wächst. Lobet ihn, und über alles erhebt ihn in Ewigkeit.

Obwohl die Hügel und Bäume keine Vernunft besitzen, leben sie doch durch die Gnade des Trösters, der allgegenwärtig ist und alles mit Gnade erfüllt, sodaß sogar, wenn keine vernunftbegabte Kreatur den Schöpfer preisen würde,
die Steine schreien, wie der Herr selbst gesagt hat. Wenn so die Heiligen die Steine, Hügel und Berge als von Leben erfüllt ansahen, da sie Teilhabe am Heilsplan Gottes hatten, wieviel mehr kann das vom Kreuz gesagt werden, diesem gesegneten Baum, durch den die Vereinigung des Schöpfers und seiner Geschöpfe erfolgte, nachdem sie durch den Sündenfall des Menschen verlorengegangen war.

Im Garten Eden waren alle Dinge mit göttlichem Leben erfüllt. Die Gnade Gottes pulsierte in aller Schöpfung wie das Blut durch die Adern. Sie belebte alle Dinge wie der Saft die Bäume und machte alles neu und herrlich durch den Willen, die Macht und Gegenwart Gottes. Adam schaute und erkannte diese Gnade. Er stimmte in den glorreichen Gesang der Schöpfung ein, die durch die Gnade Gottes, die ihn selbst erfüllte, vollkommen verstehen erkannte.

Als Adam aber durch seinen Ungehorsam diese Gnade verlor, glich er einem Topf voller Löcher. Er konnte nicht länger die Macht Gottes in seiner Natur bewahren und er konnte den Lobgesang der Schöpfung an den Schöpfer nicht mehr hören. Als er Gott feindselig gegenübertrat, zeigte sich ihm gegenüber die Schöpfung feindselig, und Dornen und Disteln kamen aus der Erde hervor.

Der Baum des Lebens, der Adam und Eva das ewige Leben hätte geben können, wurde vor ihnen verborgen, auf daß nicht, wie Gregor von Nazianz sagt, „die Krankheit (der Sünde) in ihnen unsterblich werde.“ Denn Gott wollte nicht, daß der Fall des Menschen ewig andauere wie der des Teufels und seiner Engel. Er wollte nicht, daß der Mensch auf ewig in diesem elenden Zustand bleibe …

Was tat also der Herr? Nachdem er den Baum des Lebens vor Adam und seinen Nachkommen verborgen hatte, pflanzte er einen neuen Baum, den zweiten Baum des Lebens. Dieser ist der Baum des Kreuzes, den wir heute feiern. Die Frucht, die an diesem Baume wächst, ist der Herr selbst, sogar sein Leib und sein Blut. Wenn der Mensch davon ißt, wird er niemals sterben. Durch diesen Baum wird die Natur des Menschen von allem sündigen Ungehorsam und den Auswirkungen unserer Zurückweisung der göttlichen Gnaden geheilt, so daß wir ewig leben dürfen – nicht in einem elenden Zustand, sondern wie Gott will, daß wir leben sollen: als Gefäß seiner Heiligkeit.

Und so sproß ein neuer Baum, gepflanzt vom Herrn, aus der Erde. Ist die verderbliche Frucht nun vor unseren Augen verborgen? Keineswegs. Wer auf einer Karte oder in einem Diagramm einen Punkt markiert, macht ein Kreuz, durch dessen Schneidepunkt ein bestimmter Punkt exakt angegeben werden kann. Genauso machte es der Herr aller Dinge, als er den Menschen zum Paradies zurückführen und ihm die Frucht des ewigen Lebens geben wollte, errichtete er das Kreuz mitten auf der Erde und sprach: Hier werde ich Dir begegnen. Aller Menschheit hat er den genauen Ort unserer Erlöser enthüllt, in dem er sprach: „Hier, am Kreuz, werde ich dir begegnen!“
Predigt eines unbekannten orthodoxen Einsiedlers, in meiner Übersetzung.
Bilder: Kreuzigung Christi, Fresko von Giotto di Bondone in der Cappella degli Scrovegni in Padua. Detail: am Fuß des Kreuzes der Schädel Adams.

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