Freitag, 30. September 2011

Die Blumen der Felder und Wiesen – hl. Therese von Lisieux


Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; auch Ströme schwemmen sie nicht weg. Böte einer für die Liebe allen Reichtum seines Hauses, nur verachten würde man ihn.

Im Jahr 1895 begann eine zweiundzwanzigjährige Karmelitin in der Normandie, ihre Kindheitserinnerungen in ein Heft einzutragen. Auf das Vorsatzblatt schrieb sie in ihrer kindlichen Art Frühlinghafte Geschichte einer kleinen weißen Blume. In einem Jahr beschrieb sie in der wenigen Zeit, die eine Karmelitin zum Schreiben hat, 84 Seiten, ohne einen Rand zu lassen, und übergab das Heft am 20. Januar 1896 ihrer Priorin.

Vier Monate vor ihrem Tod begann sie, wiederum auf Wunsch der Priorin, ein zweites Heft mit Aufzeichnungen zu füllen, so gut es einer an Tuberkulose Erkrankten eben möglich war. In diesem zweiten Heft sind 37 Seiten beschrieben, die letzten Eintragungen stammen aus dem Juli 1897. Am 30. September gab Therese vom Kinde Jesus und vom hl. Antlitz ihre Seele Gott zurück.




Bereits das Vorwort ihrer Aufzeichnungen wirft ein Licht darauf, was die Berufung dieser Heiligen war und warum die Kirche sie später zur Kirchenlehrerin erhoben hat: man nennt Therese Doctor amoris, Lehrerin der Liebe. Die Liebe erträgt alles, hofft, alles, glaubt alles. Die Liebe hört niemals auf.


Dann öffnete ich die Heilige Schrift, und mein Blick fiel auf folgende Worte: „Jesus stieg auf einen Berg, und er berief zu sich, die er wollte.“ Diese Worte waren das Geheimnis meines Berufes, meines ganzen Lebens und der Schlüssel zu allen Gnadenerweisungen, die Jesus über meine Seele ausgoß. Er beruft nicht die, welche würdig sind, sondern diejenigen, welche er berufen will. So schreibt auch der heilige Paulus: „Ich erbarme mich, wessen ich mich erbarmen will, und ich erzeige Barmherzigkeit, wem ich Barmherzigkeit erzeigen will; also liegt es nicht an dem Wollen und Laufen des Einzelnen, sondern an Gottes Erbarmen.“

Lange habe ich mich gefragt, warum Gott einzelne bevorzuge, warum er nicht allen Seelen das gleiche Maß von Gnaden erteile. Ich war überrascht, daß er selbst großen Sündern außergewöhnliche Gunstbeweise zuteil werden ließ, wie einem heiligen Paulus und Augustinus, einer Maria Magdalena, die er, man möchte sagen, nötigte, seine Gnaden anzunehmen. Im Leben der Heiligen schien es mir unerklärlich, daß unser Herr und Heiland gewisse bevorzugte Seelen von der Wiege bis zum Grabe liebend behütet hat, damit sich ihnen auf ihrem Lebensweg kein Hindernis entgegenstelle, welches ihren Flug hemmen könnte, wie er auch nicht zuließ, daß die Sünde das strahlende weiße Gewand ihrer Taufunschuld befleckte. Ich fragte mich ferner, warum wohl so viele arme Wilde in den heidnischen Ländern in großer Zahl dahinsterben, ohne auch nur einmal den Namen Gottes vernommen zu haben.

Jesus würdigte sich, mich hierüber zu belehren. Er zeigte mir das aufgeschlagene Buch der Natur und machte mich darauf aufmerksam, daß alle von ihm geschaffenen Blumen schön seien und daß die königliche Pracht der Rose und die blendende Reinheit der weißen Lilie in keiner Weise den Wohlgeruch des kleinen Veilchens und die Armut des reizenden, bescheidenen Maßliebchens beeinträchtigen. Ich erkannte, daß, wenn alle Blumen duftende Rosen sein wollten, die Natur ihre Frühlingspracht verlieren würde und die Auen nicht mehr mit niedlichen Blümchen besät wären.

Ebenso ist es in der Welt der Seelen, diesem lebendigen Gottesgarten. Der Herr hat es für gut befunden, jene großen Heiligen zu erwecken, die sich füglich mit den Rosen und Lilien vergleichen lassen, er hat aber auch die kleineren und unscheinbareren geschaffen, die sich begnügen sollen, Maßliebchen und kleine Veilchen zu sein, die aber immerhin auch die erhabene Bestimmung haben, das Auge Gottes zu erfreuen, wenn er es herniedersenkt zur Erde, dem Schemel seiner Füße. Je freudiger und bereitwilliger die Blumen alle seinem Willen entsprechen, desto vollkommener sind sie auch.

Noch etwas anderes habe ich verstehen gelernt; ich erkannte, daß die Liebe unseres Heilandes sich ebenso gut in der einfältigsten Seele offenbart, welche niemals seiner Gnade widersteht, als in dem erhabensten und erleuchtetsten Geiste. Da es in der Tat der Liebe eigen ist, sich herniederzuneigen und herabzulassen, so hätte es den Anschein, als wäre der liebe Gott nicht tief genug herabgestiegen zu den Seelen, die er gebildet, wenn diese alle jenen heiligen Lehrern zu vergleichen wären, die der Kirche Gottes zu so großem Ruhme gereichen. Aber Gott schuf auch das Kind, welches noch nichts von sich weiß und nur leises Weinen hören läßt. Er schuf den armen Wilden, den nur das Naturgesetz leitet, und er läßt sich zu allen seinen Geschöpfen herab, um in Liebe zu ihrem Herzen zu reden.

Diese Seelen gleichen den Blumen der Felder und Wiesen, deren Einfachheit ihn entzückt, und eben dadurch, daß er so tief zu ihnen herabsteigt, bekundet er seine unermeßliche Größe. Wie die Sonne mit ihren Strahlen sowohl die hochragende Zeder als das kleinste Blümchen am Wegesrand vergoldet, so erleuchtet die göttliche Sonne jede Menschenseele, mag sie groß und reich begabt oder klein und einfältig sein. Alles ist bestimmt, ihr Bestes zu fördern, gerade wie in der Natur die Jahreszeit festgesetzt ist, in welcher an dem dazu bestimmten Tage das kleinste Maßliebchen auf der Wiese erblüht.

Wenn ein kleines Blümlein die Gabe der Rede besäße, so würde es, wie mir scheint, ganz einfach erzählen, was alles der Schöpfer in Güte und Liebe an ihm getan, ohne seine Vorzüge verbergen zu wollen. Die Blume würde nicht unter dem Vorwand der Demut sagen, daß sie reizlos und ohne Duft sei, daß die glühenden Sonnenstrahlen ihr durftiges Gewand versengt, die Gewitterstürme ihren Stengel geknickt, wenn sie doch gerade das Gegenteil erkennte.
(Die ehrwürdige Theresia vom Kinde Jesus, Geschichte einer Seele, von ihr selbst geschrieben, 1922)[1]

Wer den Text oberflächlich liest, bleibt vielleicht an Rosen, Tulpen, Nelken hängen. In Wirklichkeit spricht das Bild der einfachen Blumen der Felder und Wiesen von der unendlichen Barmherzigkeit Gottes, der gekommen ist, jede einzelne Seele zu suchen.
___
[1] Die etwas altertümliche Übersetzung ist dem Jahr der Herausgabe geschuldet, 1922. Der aufmerksame Leser bemerkt, daß Therese als ehrwürdig[e Dienerin Gottes] bezeichnet wird, da ihre Seligsprechung noch ein Jahr in der Zukunft lag.

Bilder: Therese im Juli 1896 (ein Jahr vor ihrem Tod) im Kreise der ihr als Meisterin anvertrauten Novizinnen und bei der Arbeit. Die Novizin rechts neben ihr ist ihre leibliche Schwester Céline.

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...