Dienstag, 5. Juli 2011

Media in vita in morte sumus – mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen

Memento mori – gedenke des Todes. Das Bild zeigt einen bemalten Schädel in einem Beinhaus. In der christlichen Ikonographie oder in alten Filmen über das Klosterleben findet man manchmal den Totenschädel als Attribut eines Heiligen oder in der Zelle eines Mönches oder einer Nonne auf dem Schreibtisch liegend – steter Mahner der Vergänglichkeit alles Irdischen. Gemeint ist nicht, daß man ständig an den Tod denken soll, sondern, vielleicht etwas krude zusammengefaßt: Sei dessen eingedenk, daß du nur sterblich bist, daß es aber etwas anderes gibt, das hinter dem liegt, was dir als Zeichen vor Augen steht und was du dann schauen wirst, wenn dein Schädel einmal so aussieht wie dieser hier. „Der Schädel hatte einmal eine Zunge und konnte singen“, läßt Shakespeare seinen Hamlet sagen.

In manchen Klöstern, so auch im hiesigen Karmel Regina Martyrum, gibt es Krypten für die verstorbenen Schwestern oder Brüder. In Regina Martyrum ist das der Größe des Klostergeländes geschuldet; es ist einfach kein Platz für einen Friedhof da. Nichtsdestoweniger finde ich die Krypta dort sehr schön – sie liegt am Ende eines langen Ganges, der das Kloster mit der Krypta der Gedenkkirche verbindet, in deren Chor die Schwestern zum Stundengebet zusammenkommen. Die verstorbenen Schwestern sind auch auf diese Weise ein unmittelbarer und ganz natürlicher Teil des Lebens der Gemeinschaft, manchmal kehrt man auf dem Weg zum oder vom Gebet dort zu einem kurzen Gebet dort ein.

Ich denke, mit unserem verstorbenen Erzbischof Georg wird es genauso sein. Er wird – wie andere Berliner Bischöfe vor ihm – seine letzte Ruhestätte in der Krypta der Kathedrale finden, die vor dem zweiten Weltkrieg schon eine Grablege war. Die letzte Bestattung eines Kardinals, die ich gesehen habe, war die Kardinal Höffners. Das ist sehr ergreifend, wie sich da mitten im Boden der Kathedrale eine Öffnung auftut und den Sarg des Verstorbenen aufnimmt. Der Bischof kehrt ein letztes Mal in die Kathedrale zurück, diesmal auf immer. Die Gläubigen werden auf dem Weg zum oder vom Gebet und zu den Sakramenten an seiner Gruft verweilen und beten, zur Gräbersegnung an Allerseelen und beim Pontifikalamt für die verstorbenen Bischöfe gedenken die Gläubigen seiner in der Gemeinschaft, und um ihn herum schreitet das Leben der Kirche, der er so treu gedient hat, weiter, wird das heilige Messopfer gefeiert – das Allerheiligste ist ganz nah –, werden die Sakramente der Kirche gespendet.

Media in vita in morte sumus – heißt es in der mittelalterlichen Antiphon: mitten im Leben sind wir von dem Tode umfangen. Auch: mitten im Leben sind wir des Todes. Umgekehrt kann man auch sagen: mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen. Mitten im Tode sind wir des Lebens. Des ewigen Lebens und des Lebens, das uns umgibt, das voranschreitet, und das uns alle eines Tages dort hinbringen wird, wo die Verstorbenen jetzt schon sind, in die ewige Freude. Sr. Liguori ist gegangen und wir sind im Kommen, hat Mary Francis Aschmann PCC einmal darüber geschrieben, daß die Rekreation an dem Tag, an dem eine Schwester beigesetzt wurde, eigentlich immer eine besondere Fröhlichkeit hat. Unser Erzbischof Georg ist gegangen – und wir sind im Kommen.

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