Donnerstag, 16. Juni 2011

Nehmet und trinket alle daraus – Freuden und Leiden bei Abendmahl und Kelchkommunion


Im Zuge der EHEC-Geschichte gelangte über das Robert-Koch-Institut in der vergangenen Woche diese etwas skurrile Meldung an die dpa und diverse große Zeitschriften, wie etwa den Stern oder Focus.
Greifswald (dpa) - Wegen des Darmkeims EHEC müssen die Kirchen ihre Gewohnheiten beim Abendmahl überdenken. Das Robert-Koch-Institut rät, auf das Eintunken der Oblate in den Wein durch die Gemeindemitglieder zu verzichten. Besser sei es, die Oblate auf die Zunge zu legen und den Wein aus dem Becher, auch aus Einmalbechern, anzubieten. Über den Speichel wird EHEC dem RKI zufolge wohl nicht übertragen. Allerdings könnte der Erreger durch kontaminierte Hände, die in den Wein getunkt werden, übertragen werden.

Daß der Sprachgebrauch unpräzise ist, bedarf keiner weiteren Erwähnung, ich bin aber geneigt, dies vor allem Wissenschaftlern zuzuschreiben, die von der speziellen Materie keine Ahnung und auch keine Zeit hatten, sich darüber Gedanken zu machen – es sei denn, das RKI hätte von vornherein ausdrücklich nur die Protestanten gemeint. Denn was dabei auffiel: wir Katholiken machen es eigentlich schon immer so.

Im Zuge des Gewalles um die Mundkommunion bei der Schweinegrippe seinerzeit, bei dem erst der Heilige Stuhl klarstellen mußte, daß diese Form der Kommunionspendung immer zu gewähren ist, hat am hiesigen Hause übrigens ein Priester, mit allseitigen Bedenklichkeiten konfrontiert, formuliert: er fände es hygienischer, dem Kommunikanten die Hostie von oben auf die Zunge zu legen als bei der Spendung die Hände des Kommunikanten zu berühren. Das ist ein Standpunkt, der mir sehr eingeleuchtet hat.

Bleibt für die evangelische Kirche die Sache mit den Einzelkelchen, oben als „Einmalbecher“ bezeichnet. Einzelkelche sind mir in früheren Zeiten nie begegnet, in unserer Gegend empfing man das Abendmahl, nachdem man – traditionell einen Sonntag nach der Konfirmation – dazu zugelassen war, einzeln und auf einem Betstuhl kniend. Allerdings war die Spendung des Abendmahles so selten (meist zweimal im Jahr), daß ich meiner Erinnerung zufolge nur dieses eine einzige Mal zum Abendmahl gegangen bin. Aber da wars immerhin in einer Form, die mir würdig erscheint und witzigerweise in einer, die die katholische Kirche präferiert.

Die Entwicklung von Einzelkelchen in den evangelischen Gemeinschaften geht vor allem auf den Theologen Friedrich Spitta zurück, einen Mitbegründer der sogenannten „älteren liturgischen Bewegung“, der Einzelkelche als Rückkehr zur Urform ansah („Der Einzelkelch dagegen ist nicht etwas Modernes, sondern etwas Uraltes, sozusagen die Urform“. Aha.)

Als meine evangelische Tante, die gelegentlich einen Abstecher zu den Methodisten macht, mir vom Gebrauch von Einzelkelchen erzählte, konnte ich mein Befremden kaum verbergen. Nun kam ich grade nicht umhin, mir noch ein paar Gedanken zu machen, warum mir die Idee äußerst eigenartig erscheint, die Einsetzungsworte des Herrn Jesus „Nehmt hin und trinket alle daraus…“ in der Weise verstehen zu sollen, daß jemand im gewöhnungsbedürftigsten Fall den Wein beim Abendmahl aus Plastikbechern reicht (es gibt indes auch würdiger aussehende aus Metall oder Ton, trotzdem!). Was ist denn mit den Gemeinschaften, die an die sogenannte Konsubstantiation glauben? Oder gibt es dort eben deshalb keine Einzelkelche? Ganz klargeworden ist mir das nicht. In jedem Fall besteht zunächst einmal die Gefahr des Verschüttens bzw. Heruntertropfens oder eventueller Reste. Also die Gefahr des ehrfurchtlosen Umgangs, die bei so vielen Kelchen maximiert wird, eines allgemeinen Hygienefimmels wegen.

Auch gefühlsmäßig kräuseln sich bei mir die Fußnägel, ich deutete es schon an: statt sakraler Handlung und dem Mysterium hat man, so scheint es mir, die Verweltlichung eines sehr schönen und aussagekräftigen Ritus. Aus dem Herrn Jesus, der beim letzten Mahl den Jüngern seinen Kelch eigenhändig reicht, wird eine Angelegenheit, die eher an weltliche Tische und Picknick mit Plastikgeschirr erinnert.

Ein Freund von mir ist evangelischer Pfarrer geworden, den haben wir zu Zeiten seiner Ausbildung, wenn er Dienste im Gottesdienst übernommen hatte, gern als Fangemeinde seelisch und moralisch unterstützt, zumal die Kirche damit schlagartig auch viel voller wurde. Einzelkelche habe ich dabei nie gesichtet. (Allerdings sind auch bei diesen Abendmählern eigenartige Sachen vorgekommen. Etwa ist von einer seiner Kommilitoninnen überliefert, daß sie, nachdem sie einem Gläubigen beim Abendmahl den Kelch gereicht und ihn wieder zurückbekommen hat, gefragt hat: „Wollen Sie noch 'nen Schluck?“)

Nun brauche ich mir ja wirklich nicht den Kopf der Protestanten zu zerbrechen. Nichtdestotrotz bin ich nach Formulierung einer eigenen Antwort auf die Frage, was gegen Einzelkelche einzuwenden sei, auf den todkomischen Blogbeitrag Abendmahl divers auf evangelisch.de gestoßen. Auf die allerschrecklichste Variante, die sich aus den Kommentaren ergibt, bin ich selbst gar nicht verfallen: Leute, die sich mit Einzelkelchen gegenseitig zuprosten. Es gibt Dinge, die will man vielleicht lieber gar nicht wissen.

Zur Wiederaufrichtung des Gemüts lese man dann Nehmet hin und tunket alle daraus und erinnere sich dankbar daran, daß Katholiken die sogenannte Intinctio in der heiligen Messe untersagt ist, da immer die Gefahr besteht, daß das Blut Christi zu Boden tropft. Während dieses Dokument die Intinctio offenbar ganz untersagt, führt die Instruktion Redemptionis sacramentum aus dem Jahre 2004 in Nos. 103, 104 aus, daß die Intinctio dann und nur dann möglich ist, wenn der Priester die Hostie eintaucht und der Gläubige die Kommunion unter beiderlei Gestalt dann auf die Zunge empfängt – eine Regelung, die erstaunlich vielen Katholiken nicht bekannt ist. Was aber auch nicht immer an ihnen selbst liegt. Ich gestehe, daß ich, allerdings lange vor Redemptionis sacramentum, selbst einmal „getunkt“ habe: am Gründonnerstag und weil der Hauptzelebrant die Gemeinde ausdrücklich dazu aufforderte. Anderen ging es genauso. Hier sind also die Priester gefragt, entweder katechetisch oder durch vorherige Ansage zu klären, was möglich ist und was nicht.

Im Kelch schwimmende Hostienteile sind übrigens wirklich nicht so schön. Wer jahrelang täglich die Kelchkommunion empfangen hat, weiß, wovon ich spreche.

Persönlich habe ich diesen Hygienefimmel, der heutzutage manchmal um sich zu greifen scheint, nie so recht verstanden. Der Spender der Kelchkommunion hat ein Tuch zum Abwischen, zugleich dreht er den Kelch jedesmal etwas, bevor er ihn dem nächsten Kommunikanten reicht. Wer gar so ängstlich ist, hat auch die Möglichkeit, diesen Kelch an sich vorübergehen zu lassen.

In Abwandlung einer prima Signatur, die ich auf evangelisch.de ebenfalls noch gefunden habe:
Dieser Blogbeitrag wurde aus wiederverwerteten Buchstaben und Wörtern von weggeworfenen Blogbeiträgen geschrieben und ist voll digital abbaubar.

Kommentare:

Johannes hat gesagt…

"Dieser Blogbeitrag wurde aus wiederverwerteten Buchstaben und Wörtern von weggeworfenen Blogbeiträgen geschrieben und ist voll digital abbaubar."

Yeah, groß! Muss ich mit rüber nehmen.

Der Predigtgärtner hat gesagt…

Super-Artikel, danke!
Werde das Thema auch aufgreifen und darauf verlinken.

Anonym hat gesagt…

Ich habe es schon oft erlebt, dass in katholischen Kirchen zum "Eintunken" deutlich aufgefordert wird. Ein hiesiger Pfarrer pflegt hinzuzufügen: Wenn jemand direkt aus dem Kelch trinken will, sei es ihm unbenommen" - sprich "aber eigentlich will ich von diesem Quatsch verschont werden". Ich glaube dass die meisten Katholiken denken, die "Ditschkommunion" wie es eine Freundin von mir formulierte, sei die reguläre Form. Und zwar, weil die Priester das so ansagen. Von wegen katechetisches Wirken der Priester. Ich wüsste bis heute nicht, dass das eigentlich nicht erlaubt ist, wenn mich nicht mal ein Nichtpriester aufgeklärt hätte. Anfangs wollte ich es gar nicht glauben, weil es doch fast überall so gemacht wurde.
In USA sind "Einzelkelche" bzw Plastikbecherchen selbst bei der Erstkommunion ganz normal. Kommt vom Hygienefimmel.
Gabriele

Braut des Lammes hat gesagt…

Vielen Dank, lieber Johannes und Predigtgärtner, fürs Verlinken!

Anonym: Selbst habe ich es nur dieses eine Mal erlebt, daß ein Priester ausdrücklich zur Intinctio aufgefordert hat. In unserer letzten Gründonnerstagsfeier wurde vorher vom Priester darum gebeten, die Kommunikanten möchten ggf. aus dem Kelch trinken.

Zu den Einzelkelchen ich kann mir nicht vorstellen, daß es sich dabei um katholische Erstkommunikanten handelt, bist du sicher? "Holy Communion" ist im Englischen ja kein Begriff, der sich nur bei Katholiken verwendet würde.

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