Mittwoch, 8. Juni 2011

Der fruchtbare Regen – Märtyrer und Martyrium

Heute auf den Tisch geflattert – die Buchvorstellung des Verlages Wilhelm Fink Märtyrer-Porträts – von Opfertod, Blutzeugen und heiligen Kriegern, herausgegeben von Sigrid Weigel. Oh, dachte ich, das sieht ja interessant aus, vorne drauf Bilder vom hl. Sebastian [natürlich!] und von jemandem mit einem Fluggleiter [muß ich das verstehen?]

Doch das war es dann auch schon, mit dem „oh, wie interessant!“ Der einführende Text des Verlages:
Mit Selbstmordattentätern, die sich als Märtyrer verstehen und inszenieren, ist nicht nur die Religion in die Politik zurückgekehrt, sondern auch eine Figur auf den Schauplatz der Geschichte getreten, von der das säkulare Europa annahm, daß sie längst vergangen Zeiten angehöre.

Die Vielzahl religiös begründeter Selbstmordattentate ist Anlaß, die lange und vielgestaltige Geschichte von Märtyrern zu rekonstruieren und der Faszination ebenso wie der Bedrohlichkeit dieser Figur nachzugehen.

In 40 Porträts von Märtyrern wird Kontinuität ebenso wie die Differenzen und Umformungen der Figur erkennbar: von der Antike bis zur Gegenwart, in verschiedenen Religionen, Künsten und Darstellungsweisen. Die Zitate von religiösen Symbolen – auch der christlichen Ikonographie – und von Chiffren der Popkultur offenbaren, daß hier auch europäische Traditionen im Spiel sind.
Also Leute, das kann es ja wohl nicht sein! Selbstmordattentäter inszenieren und verstehen sich möglicherweise als Märtyrer, aber sie sind es nicht. Ein Märtyrer ist jemand, der um seines Glaubens willen unfreiwillig den Tod erleidet – unzählige dieser Märtyrer hat das Christentum; ergreifende Märtyrerberichte finden sich auch im alten Testament, nachzulesen etwa im Buch der Makkabäer: Du Unmensch! Du nimmst uns dieses Leben; aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind.

Diese jüdischen wie die christlichen Märtyrer erlitten das Martyrium in der Hoffnung, daß es ihren Glaubensgeschwistern zum Segen werde. Die letzten Worte Paul Mikis, vor seinem Tod in Nagasaki am Kreuz:
Der einzige Grund, aus dem ich den Tod erleiden werde, ist, daß ich die Lehre Christi verkündet habe. Ich danke Gott dafür, daß ich aus diesem Grunde sterbe. Ich glaube, daß ich vor meinem Tod die Wahrheit spreche. Ich weiß, daß ihr mir glaubt und ich möchte euch allen noch einmal sagen: bittet Christus, euch zu helfen, und ihr werdet glücklich. Ich gehorche Christus. Nach dem Beispiel Christi vergebe ich meinen Verfolgern, ich hasse sie nicht. Ich bitte Gott, mit allen Erbarmen zu haben und hoffe, daß mein Blut sich als fruchtbarer Regen über meine Mitbrüder ergieße.
Ein Selbstmordattentäter dagegen sucht nicht nur den Tod aus eigenem Willen, er will in der Regel auch, daß möglichst viele andere dabei zu Tode kommen, ob das „Ungläubige“ sind oder die eigenen Leute, völlig egal, weg damit. Ein Selbstmordattentäter ist eigentlich ein einfacher Mörder – ginge es ihm nur darum, sich selbst in die Luft zu sprengen, könnte er sich dazu ja nun auch in die Sahara begeben, möchte man meinen. Ein Selbstmordattentäter verachtet das Leben anderer, der Märtyrer wertschätzt und achtet die Würde des Lebens. Er gibt sein Leben hin aus Liebe zu Gott, zu den Menschen und zur Wahrheit. Jesus selbst spricht vor Pilatus: Ich bin geboren und in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Dafür und zu unserem Heil hat er sein Leben gegeben, und dafür gibt ein Märtyrer sein eigenes Leben; nicht das der anderen, der vielen. Sein eigenes Leben kann man in der Nachfolge des Meisters hingeben, das anderer nicht.

Somit ist ein christlicher Märtyrer das genaue Gegenteil der islamischen Selbstmordattentäter. Und wieso ist eigentlich erst „die Vielzahl religiös begründeter Selbstmordattentate Anlaß, die lange und vielgestaltige Geschichte zu rekonstruieren und der Bedrohlichkeit dieser Figur nachzugehen?“ Ich würde dem Verfasser des Textes sogar dahingehend zustimmen, daß von einem Märtyrer nicht nur das Faszinosum ausgeht, sondern daß die Radikalität dieser Hingabe auch bedrohlich wirken kann. Dom Mark Kirby, der Autor des Blogs Vultus Christi, hat das in Bezug auf die hl. Lucia einmal so formuliert:
And Saint Lucy? She could have saved her life in this world, had she not insisted on being altogether more violent than the torturers who took her life by violence. More violent? Yes. More violent, because Saint Lucy applied all the strength of her virginal love swiftly, intensely, and forcefully to bearing away the Kingdom of Heaven.
Daß man jedoch auf die Attentate islamischer Terroristen zurückgreifen muß, um sich vertieft mit den Märtyrern zu befassen, ist traurig und ein Armutszeugnis. Nicht nur Europa, die Erde vieler Kontinente ist getränkt mit dem Blut der Märtyrer, denken wir an Afrika mit dem Martyrium des hl. Karl Lwanga und seiner Gefährten und den einsamen Beter Charles de Foucauld in seiner Einsiedelei in Tamanrasset, an Asien mit dem hl. Paul Miki und seinen Gefährten, an die hll. Märtyrer Nordamerikas (P. Isaac Jogues und Gefährten). Europa wiederum kann sich nicht nur auf die ersten Märtyrer der Stadt Rom berufen, sondern auch auf solche wie etwa die Karmelitinnen von Compiègne, deren Priorin das Kreuz als die einzige Waffe bezeichnete, die die Karmelitinnen jemals in ihrem Haus hatten. In jüngerer Zeit gab es Märtyrer wie P. Maximilian Kolbe, der sein Leben hingab, um einen Familienvater zu retten.

Die Blutzeugen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die Christen, die bis heute in vielen Teilen der Welt verfolgt und um ihres Glaubens willen getötet werden, wie in Alexandria oder Ägypten – Menschen, von denen das säkulare Europa annahm, daß sie längst vergangen Zeiten angehören? Dazu kann man nur sagen, come on, get a life!

Ich will dem Buch unbekannterweise keinen Tort antun, man müßte zunächst einmal auch wissen, welche 40 Märtyrer hier porträtiert werden. Von der Buchvorstellung her allerdings kann ich nicht umhin festzustellen, daß
nicht nur ein weiteres Mal Begriffe, die scharf zu trennen sind, unseligerweise miteinander vermengt werden, sondern daß man sich diese Vermengung offenbar auch noch freiwillig zu eigen macht.

Kommentare:

Matthias R. hat gesagt…

Oh, dachte ich, das sieht ja interessant aus, vorne drauf Bilder vom hl. Sebastian [natürlich!] und von jemandem mit einem Fluggleiter [muß ich das verstehen?]

Das dürfte wohl ein Märtyrer für die Wissenschaft und Ingenieurskunst sein: Otto Lilienthal. Die Aufnahme sieht so aus wie einer seiner frühen Versuche bei Derwitz.
Tja, der Märtyrertod wird offenbar hier nicht nur für Religionen beansprucht...

Gruß

Matthias

Braut des Lammes hat gesagt…

Vielleicht fällt es unter den Begriff Opfertod im Untertitel. Danke für den Hinweis.

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