Freitag, 8. April 2011

Mit der Laubsäge an die Liturgie

Bei der Ankündigung „bundesweit Ostergottesdienste im Netz finden“ bei kath.de fiel mir spontan ein, warum nicht auch gleich die Kargottesdienste – was wäre Ostern ohne die Karwoche? (Wie das heilige Triduum überhaupt einer auslassen kann, ist mir zeitlebens schleierhaft geblieben; vielleicht muß ich das auch nicht verstehen. Von einer Karmelitin weiß ich, daß sie sich bekehrt hat, als sie in der Welt draußen einen Karfreitag unbeschwert irgendwo im Hafen verbracht hat. Dabei verstärkte sich in ihr das Gefühl, was sie gerade täte, sei nicht recht.)

Über dieses Fundstück aus dem letzten Jahr – Die Erlösung feiern (Karwoche und Ostern in Brauchtum und Volksliturgie) von Prof. Dr. lic. theol. Franz Weber vom Institut für praktische Theologie der Universität Innsbruck – bin ich vorhin zufällig gestolpert. Erschienen ist er in Diakonia 41 (2010), im Ganzen im Leseraum der Universität Innsbruck nachzulesen. Über den Palmsonntag schreibt der Autor:
Zwischen Frühlingsfamilienfest und Passionserinnerung

„Es ist für mich kein großes Problem, wenn es am Palmsonntag etwas lauter in der Kirche ist; auch der erste Palmsonntag war wohl kein schweigender Meditationszug.“ So schreibt mir der Pfarrer einer großen Innsbrucker Pfarrei, in der es an diesem Tag besonders lebendig zugeht. Für manche Priester und Gemeindemitglieder stellt es dagegen jedes Jahr eine Belastung dar, wenn es nicht gelingt, vor allem in der an die Palmprozession anschließende Eucharistiefeier eine Atmosphäre zu schaffen, in der auch die Leidensgeschichte des Herrn mit Aufmerksamkeit gehört werden kann.

Wir sollten zunächst dankbar dafür sein, daß wir bei diesem Gottesdienst zur Eröffnung der Karwoche Menschen ansprechen können, die sonst kaum in eine Kirche kommen. Aus einer Wiener Pfarrei wird mir berichtet, daß man es dort inzwischen durchaus annehmen kann, daß viele Familien mit ihren Kindern mit Freude und Begeisterung nur an der Segnung der Palmzweige im Freien, an einer weiteren Station der Besinnung und an der fröhlichen Prozession quer durch den Stadtteil teilnehmen, aber nicht mehr an der anschließenden Eucharistiefeier in der Kirche. Diese Menschen haben auf ihre Weise den Palmsonntag gefeiert und fühlen sich ernst genommen, wenn sie nicht zur Messe in die Kirche gedrängt werden.

Alle von mir befragten Seelsorgerinnen und Seelsorger stimmen in der Beobachtung überein, daß am Palmsonntag so viele Menschen kommen wie sonst zu keinem anderen Gottesdienst des Kirchenjahres. Vor allem sind es Familien mit Kindern, die sich offensichtlich von dieser Feier in besonderer Weise angesprochen fühlen. In den meisten Gemeinden ist man im Blick auf dieses Gottesdienstpublikum längst dazu übergegangen, die lange Passionsgeschichte durch einen gekürzten, leicht verständlichen Erzähltext zu ersetzen, der durch kurze passende Liedverse unterbrochen wird. Wenn die Aufmerksamkeit der Kinder auch durch entsprechende Zeichen und Symbole, die einige von ihnen selbst zeigen und vor den Altar tragen dürfen, geweckt wird und Kinder die Passion lesen, dann kann aus meiner Erfahrung auch in einer mit einer bunten jungen Gottesdienstgemeinde gefüllten Kirche eine Atmosphäre angespannter Stille entstehen, in der die Botschaft vom Leiden und Sterben Jesu die Herzen von Kindern und Erwachsenen erreichen kann.

Am Beginn der Karwoche wird uns zur Feier des Palmsonntags sozusagen ein besonderes Publikum geschenkt. Wir haben es nicht in der Hand, daß an diesem Tag volksreligiöses Brauchtum, wie es in manchen Regionen vor allem auch in kunstvoll geschmückten Palmbuschen zum Ausdruck kommt, und Erwartungen an eine Art kirchliches „Frühlingsfamilienfest“ zu einem eigenartigen postmodern-volkskirchlichen Event verschmelzen, wo jeder und jede irgendwie auf seine Rechnung kommen will. Wir dürfen im Letzten davon ausgehen, daß all diese Menschen, die uns da im Gottesdienst des Palmsonntags begegnen, vielleicht doch eine, wenn auch verschüttete, Sehnsucht nach Heil und Erlösung im Herzen tragen, auf die wir ihnen eine authentisch christliche Antwort schuldig sind. Diese Antwort muß freilich in einer neuen Sprache und mit Zeichen erfolgen, die die alte Botschaft in einem neuen Licht erscheinen lassen und zumindest eine „Vorahnung von Ostern“ wecken.
Der Palmsonntag als kirchliches Frühlingsfest, gestaltet für die ganze Familie, als Event? Mit Kindern, die „entsprechende Zeichen“ (meint er jetzt die Leidenswerkzeuge?) zeigen, vor den Altar tragen und die Passion lesen „dürfen“? Grusel. Man verstehe mich recht, natürlich ist der Palmsonntag etwas für Menschen in jedem Alter und natürlich gehen Menschen in jedem Alter anders damit um. Zugleich ist aber die Liturgie der Kirche ebenfalls etwas für Menschen in jedem Alter. Da haben wir Kinder auf den Armen ihrer Eltern, die stolz ein Palmsträußchen halten oder – wo es ihn gibt – den Holzesel bestaunen, und alte Menschen, die sich mit der Palmprozession fortschleppen, bis zu dem Punkt, an dem es nicht mehr geht und man die Prozession in der Kirche als Einzug erwartet. Solange es aber geht, ist es einer der jährlichen Höhepunkte. Auf den wunderschönen und so flüchtigen Prozessionshymnus Ruhm und Preis und Ehre sei dir (Gloria laus et honor), in der Gemeinde womöglich mit Blechbläsern, kann ich mich wochenlang vorher freuen.

Zugleich sind Palmweihe und -prozession ohne die folgende Heilige Messe mit der Lesung der Passion eben nicht denkbar, und ich glaube eben nicht, daß man, schenkt man sich den anschließenden Gottesdienst mit seinen blutroten Paramenten und dem reichgeschmückten Kreuz, „auf seine Weise Palmsonntag gefeiert“ hat. (Wobei völlig klar ist, daß der Küster die Leute nicht mit dem Besen in die Kirche treiben kann. Komischerweise sehe ich aber eigentlich nie jemanden weggehen, und ich bin schon ganz vorn, in der Mitte und ganz hinten mitgegangen).

Denjenigen habe ich auch noch nicht erlebt, dem einerseits die Passion „zu lang“ ist, der aber andererseits mit einem gekürzten, leicht verständlichen Erzähltext viel anzufangen wüßte. Was genau ist eigentlich an der Lesung der Passion so schwer verständlich? Gut, für die Abgründigkeiten zwischen den Gerichtshöfen des Pilatus und der Ältesten habe ich als Kind eine Weile gebraucht, um sie auseinanderzusortieren, die Leidensgeschichte selbst habe ich in ihren Stationen aber gut verstanden. Letztlich läßt sie sich auf die einfache Aussage herunterbrechen, die die Karmetten umkreisen: Christus hat für uns gelitten und ist für uns am Holz des Kreuzes gestorben. Die gespannte Stille, von der der Autor spricht, entsteht meiner fachlich völlig unbeleckten Meinung nach aus einer Atmosphäre der Ernsthaftigkeit des Vollzuges und des Gebets, das heißt, wo die die Liturgie Feiernden sich mit ihr identifizieren und mit dem, was sie tun. Das hat – völlig absichtslos – oft auch die Kraft, die Herzen solcher zu berühren, die noch suchen.

Wenn Kinder etwas lauter sind, ist das im allgemeinen kein Problem. Wird Geschrei zu durchdringend, geht meist einer der Elternteile mit dem Kind hinaus und kommt irgendwann auch wieder herein. Wieso deswegen die alterwürdige Liturgie des Palmsonntags auf Kindergartenniveau heruntergebrochen werden sollte, ist mir nicht eingängig. Früher ging es doch auch. Damit will ich nicht sagen, daß früher alles besser war, sondern, daß es früher offenbar möglich war, mit der Familie zum Palmsonntagsgottesdienst zu kommen. Heutzutage soll der Palmsonntagsgottesdienst anscheinend zur Familie kommen (oder auch nicht).

Der Artikel enthält noch andere Statements, die so gar nicht meins sind – indes unterrichte ich auch nicht praktische Theologie –, wie etwa:

Viele Formen der alten Passionsfrömmigkeit sind uns heute sehr fremd geworden. An Kreuzwegandachten mit traditioneller Prägung nehmen, wo sie überhaupt noch stattfinden, gewöhnlich nur mehr wenige Menschen teil. … Wo es einer Gemeinde gelingt, den alten Kreuzwegandachten an diesen heiligen Orten mit modernen Liedern und Texten einen neuen Gehalt zu geben, ist die Beteiligung der Gläubigen oft unerwartet hoch.

Zu übermäßig gestalteten Kreuzwegen hatte ich mich ja schon verschiedentlich geäußert. Also, mir ist an der Kreuzwegandacht nichts sehr fremd geworden – im Gegenteil, sie ist mir sehr vertraut geworden – insofern weiß ich nicht, von welchem „uns“ Weber da spricht. Andere scheinen ebenso zu denken, denn es ist zu berichten, daß der Kreuzweg in zwei Etappen offenbar dann doch nicht geteilt wurde, mit der Begründung, sowas könne man nicht machen. Genau. Auch kann ich von dem von mir in der völlig herkömmlichen Weise vorgebeteten Kreuzwegandacht mit Gesang (ebenfalls alte Lieder, etwa GL 182 zu jeder Station) schreiben, daß unerwartet viele Menschen jedes Alters da waren und bei der Betrachtung der 12. Station – Jesus stirbt am Kreuz – wie bei der Lesung der Passion die Anwesenden spontan auf die Knie gesunken sind und schweigend verharrten. Das war ein sehr schönes Erlebnis.

Zusammenfassend fühle ich mich ein weiteres Mal auf einer Insel der Seligen. Froh bin ich, daß unser Pfarrer sowas nicht macht.

Kommentare:

MiDi hat gesagt…

Für mich war das erste Mitfeiern der ganzen Karliturgie, damals in einem Benediktinerkloster in Kärnten, eine bewußte Glaubensentscheidung - und ich bin von der schieren Wucht der Texte und Zeichen tief ergriffen worden. Man muß nicht alles "verstehen" oder allem "folgen können wollen" - allein das Mitgehen durch die Liturgie der Woche schenkte eine innige Begegnung mit Christus in der Liturgie. Seither will ich weder die Liturgie noch Christus missen ....

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Liturgie als Familienevent ohne vernünftigen Anspruch ... das übliche Blub und Bla eben. Das mit der Passion und deren Länge sollte hingegen eigentlich kein Problem darstellen, sofern eine Gemeinde an das ausufernde liturgiebgleitende Geschwätz mancher Zelebranten gewöhnt ist.

jos.m.betle hat gesagt…

Es gilt, die Gläubigen hinzuführen zum jeweiligen Festgeheimnis oder auch zum Sinn der Symbolik. Das habe ich derzeit auch ein wenig zu bemängeln bei tridentinischen Messen. Nicht nur die jeweiligen Körperhaltungen sind "neu ankommenden" oft fremd. Besonders die Liturgie muss hin und wieder erläutert werden, damit nicht nur "so ein Gefühl" maßgebend ist, sondern auch der Verstand erkennen kann, welch Großes da geschieht. Die Kommentare der meisten heutigen Liturgiker sind äußerst flach.

Braut des Lammes hat gesagt…

MiDi – genau.
Vox und Josef: die Flachheit erschien mir gerade im Hinblick darauf, daß es an der Universität weitervermittelt wird, halt erschreckend.

Meinst du aber im Hinblick auf Liturgie nicht, Josef, daß der Verstand irgendwann dem Körper oder dem Gefühl auch folgt?

Anonym hat gesagt…

Das mag bei manchen so sein, liebe Braut, aber ich finde es wunderbar, wenn z. B. vor der Messe eine Erklärung zu einer Handlung während der Messe erfolgt oder meinetwegen ein Gesang aus dem Kyriale , der über die Missa de Angelis hinausgeht, auch einmal geübt wird. Damit würde man viel zur Verschönerung und zum Verständnis der tridentinischen Messe beitragen. Ich habe schon mit Kirchenbesuchern nach der Messe gesprochen und Fragen beantwortet. So mancher würde gerne mehr wissen. Ich spreche nicht vom heute üblichen Ritus, da habe ich keine Illusionen mehr und es liegt genug Ärger und Streit hinter mir.

jos.m.betle hat gesagt…

Entschuldigung, das war ich.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...